Marktanalyse 2005 "Macht es euch bequem"
So schlecht ist es doch gar nicht gelaufen. Obwohl es an Klagen nicht gemangelt hat, sehen die Zahlen für das Autojahr 2005 besser aus als erwartet. Nach einem schwachen Start im ersten Quartal hat sich der Neuwagenverkauf in Deutschland erholt und nach dem dritten Quartal im Vergleich zum Vorjahr eine Steigerung von 3,3 Prozent hingelegt. "Unter Betrachtung der derzeit allgemein eher pessimistisch eingestellten Gesamtsituation wurde eigentlich nicht mit dieser Entwicklung gerechnet", sagt Henner Lehne vom Analyseinstitut CSM Automotive in Bad Homburg.
Der Ölpreis auf Rekordniveau, eine hohe Arbeitslosenquote und eine stagnierende wirtschaftliche Entwicklung mit ständig steigenden Lebenshaltungskosten seien Faktoren, die nicht unbedingt auf eine kurzfristige Erholung des Marktes hingewiesen hätten. Dennoch hätten der gute Start von neuen Modellen, die steigende Nachfrage nach Ersatzbeschaffungen und überdurchschnittliche Rabatte zur Trendwende im zweiten Quartal geführt. "Seitens CSM wird erwartet, dass dieser Trend zu 3,5 Millionen 'Light-Vehicle-Verkäufen' im Jahr 2005 führen wird", sagt Lehne und stellt auch für 2006 ein langsames, aber stetiges Wachstum auf etwa 3,62 Millionen Neuzulassungen in Aussicht.
Das leichte Wachstum entfällt aber weder auf die traditionellen Karosserieformen noch auf die klassischen Segmente. Frei nach dem Motto "Macht es euch bequem" kehren nach Einschätzung von Nick Margetts, dem Geschäftsführer des Marktbeobachters Jato Dynamics in Limburg, immer mehr Kunden der Limousine den Rücken und wenden sich stattdessen einem Van oder Geländewagen zu. "In den letzten fünf Jahren ist der Anteil der Limousinen um 40 Prozent gesunken, und auch im letzten Jahr gab das Stufenheck wieder zehn Prozent nach", sagt Margetts. Weil praktische Überlegungen das Kaufverhalten prägten, sei im Gegenzug der Anteil der Kompaktvans seit 2000 um 178 Prozent gestiegen - im letzten Jahr um 23 Prozent. Ähnlich sei die Entwicklung beim SUV: Obwohl Geländewagen wegen ihres hohen Verbrauchs in der Kritik stünden, haben sie in fünf Jahren 90 und in einem Jahr fast zehn Prozent zugelegt.
Neue Mischungen aus Van, Geländewagen und Kombi
Um das Wachstum in den einträglichen Nischen zu erhalten, haben die Hersteller eine neue Fahrzeuggattung aus der Taufe gehoben: "Unter dem Siegel des Crossover haben sie Van, SUV und Kombi gemischt, dem Ganzen einen sportlichen Anstrich verpasst und damit das Segment der Sportstourer geboren", sagt Ferdinand Dudenhöffer von der Fachhochschule Gelsenkirchen und weist Mercedes mit der kompakten B- und der großen R-Klasse die Rolle des Geburtshelfers zu.
Allerdings sind die Definitionen der neuen Segmente und die Abgrenzungen zu den bisherigen Gattungen noch nicht sonderlich scharf. "Wie sehr die Grenzen verschwimmen, zeigt die Tatsache, dass es häufig einer individuellen Definition und Festlegung bedarf, wer nun wirklich in welchem Segment mitspielen darf", sagt Dudenhöffer. So führe Mercedes die B-Klasse gerne auch als Kompaktvan, während der Q7, der von Audi ganz bewusst als On-Road-Fahrzeug gegen die R-Klasse positioniert werde, auch gerne den SUV zugeordnet werde. "Dass aber - ganz egal unter welchem Namen - Raumkonzepte mit sportlicher Ausrichtung im Trend liegen, beweisen auch andere Hersteller, die mit neuen Modellen dieses Segment weiter beleben wollen", sagt Dudenhöffer.
Doch allem Run auf die Nischen zum Trotz: "Die Top-Segmente in Deutschland sind auch im Jahr 2005 in unveränderter Reihenfolge die untere Mittelklasse, die Mittelklasse und die Kleinwagen", hält der Automobilwirtschafts-Professor fest. Aber nur die untere Mittelklasse konnte zulegen. Weil vor allem der VW Golf dank des neuen Golf Plus, aber auch der BMW 1er, die Mercedes A-Klasse, der Opel Astra und der Audi A3 besser abgeschnitten haben als im Vorjahr, lag dieses Segment in den ersten drei Quartalen fast 110.000 Einheiten über dem Vergleichswert von 2004.
Frische Modelle beleben das Kleinwagensegment
Die Kleinwagen dagegen hinken dem Vorjahreswert noch hinterher. Weil aber der VW Polo und der Ford Fiesta geliftet wurden, die Neuauflagen von Renault Clio, Toyota Yaris und Fiat Punto gestartet sind oder demnächst starten und im Frühjahr der Peugeot 207 sowie der Opel Corsa neu hinzukommen, ist Besserung in Sicht: "Die Kurve der Neuzulassungen zeigt in diesem Segment wieder nach oben", sagt Dudenhöffer voraus.
Sehr deutlich fallen die Verluste in der Mittelklasse aus. "Hier zeigt der Trend konstant nach unten", konstatiert Dudenhöffer. Habe ihr Anteil 2004 noch bei 19,6 Prozent gelegen, sei er 2005 auf 17,2 Prozent gefallen. Das entspricht einem Minus von 38.000 Autos. Verlierer ist nach Dudenhöffers Auskunft vor allem die Mercedes C-Klasse (minus 17.300 Exemplare). Eingebüßt hätten aber auch VW Passat und BMW 3er, die einen Generationswechsel verkraften mussten.
Aber nicht nur in der Zulassungsstatistik geht die goldene Mitte baden. Auch bei den Marken gibt es laut Dudenhöffer den "Trend zum Verlust der Mitte", der zu einem Angebot in Form einer Eieruhr führe. Während Marken wie Audi, BMW oder Mercedes dank neuer Nischen- und Crossover-Produkte breit an der Spitze stünden, hätten traditionelle Volumenhersteller wie Ford, Opel oder VW Probleme in der Mitte zu bestehen. "Bei VW und Opel ist es 2005 allerdings gelungen, wieder deutliche Signale in Richtung positive Entwicklung zu setzen", lobt Dudenhöffer. Unten dagegen tummelten sich mit großem Erfolg Newcomer und Aufsteiger wie Hyundai oder Kia, die zu den Gewinnern des Jahres zählten. "Ihre zunehmende europäische Ausrichtung lässt auf weitere Erfolge schließen", sagt Dudenhöffer.
Schwieriger Spagat im Schnäppchensegment
Nicht zuletzt deshalb war das Jahr besonders spannend im Billigsegment. "Insbesondere in Deutschland müssen die Hersteller im Schnäppchensegment den schwierigen Spagat zwischen Kosten und Sicherheit stehen", sagt Marktforscher Margetts. Beides zusammen gehe kaum. "Die einzige Lösung ist ein guter, unauffälliger Kompromiss." Gefunden hat den zum Beispiel Renault mit dem Dacia Logan. Zwar liest man immer wieder von nicht erfüllten Erwartungen. Doch nachdem der einfach gestrickte Rumäne beim Bremstest ganz ordentlich abgeschnitten hat und nach anfänglichen Ungereimtheiten im Verfahren auch den Elchtest stand, fahren heute laut Margetts mehr als 1500 Logan durch Deutschland. "Bei den monatlichen Zulassungen stand die bis dato unbekannte Marke Dacia im Oktober schon vor der etablierten Marke Lancia", sagt Margetts.
Dazu kamen günstige Kleinwagen wie VW Fox oder Kia Picanto - die möglicherweise nur der Auftakt eines Preiskrieges sind, den die chinesischen Hersteller in Europa anzetteln werden. Margetts wundert sich über die nach seiner Ansicht gefährliche "Gleichgültigkeit mancher Industrievertreter, die in den Messeauftritten der chinesischen Marken nur eine harmlose Randerscheinung" sehen wollten. Im nächsten Jahr würden die Chinesen mit weiteren Fahrzeugpremieren das Interesse weiter anheizen, glaubt er. "Wer die Alarmglocken nicht hört, wird bald vom Schicksal bestraft."