Maybach Landaulet: Himmelreich auf Rädern - DER SPIEGEL
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Maybach Landaulet Himmelreich auf Rädern

Landaulets galten früher als der Gipfel des Luxus. Doch weil Staatsmänner Attentate und Stars Paparazzi fürchten, sind die Autos mit dem offenen Fond von der Bildfläche verschwunden. Bei Maybach feiert die Fahrzeuggattung nun ein Comeback.
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Andächtig betrachtet Josef Ernst den Maybach Landaulet vom Typ DS8. In Wagen wie diesem fuhr zwischen den Weltkriegen die deutsche Haute Volée zum Flanieren. "Hier fragt man sich nicht, was das für ein Auto ist, sondern wer in diesem Auto sitzt", sagt der Leiter des Mercedes-Classic-Bereichs. Exponierter als in einem Landaulet kann man nach Ansicht des PS-Historikers nicht durch die Gegend rollen. "Nirgendwo wird der Passagier derart hervorgehoben wie im offenen Fond eines solchen Autos", findet Ernst. Den Umstand machten sich früher zahlreiche Berühmtheiten zunutze. Egal ob Filmstars, Monarchen oder Politiker – viele von ihnen ließen sich bei Paraden im Fond eines Landaulets feiern und nahmen stehend die Huldigungen des Volkes entgegen. Nachdem die Autos zuletzt von der Bildfläche fast völlig verschwunden waren, lebt die Idee nun bei Maybach wieder auf: Mitte des Monats präsentiert die luxuriöse Mercedes-Schwester auf der Automesse in Dubai die Studie eines 62S, dessen Rückbank auf Knopfdruck zum Freisitz wird. Entstanden ist das Einzelstück auf Betreiben eines Sammlers, der mit dem nötigen finanziellen Nachdruck um das Himmelreich auf Rädern bat.

Bauzeit von bis zu einem Jahr

Nun sind die Schwaben von dem Prototyp derart angetan, dass Maybach-Markenchef Klaus Nesser eine Serienfertigung für "sehr wahrscheinlich" hält. Wobei Serie bei einem Auto wie diesem der falsche Begriff ist. Schon der normale Maybach ist ja nicht gerade ein Massenprodukt. Die seit Wiederkehr der Marke vor fünf Jahren rund 2000 verkauften Limousinen werden in einer Manufaktur hergestellt. "Für das Landaulet wird es keine Werkzeuge geben, da entsteht alles in Handarbeit", sagt Nesser. "Neun bis zwölf Monate Bauzeit sollte man schon veranschlagen." Und ein teures Vergnügen wird das Auto obendrein: Der Preis dürfte sich beinahe verdoppeln und bei einer knappen Million Euro liegen, schätzt der Chef.

Zwar könnte man für diese Summe auch fast 80 Smart Cabrios kaufen, doch der Vergleich hinkt. Denn gegen die Sonnenterrasse im Maybach ist der offene Smart ein Kellerverlies, in das wie durch kleine Fensterschlitze ein paar Sonnenstrahlen fallen. Im Luxusliner dagegen ist man dem Himmel näher als irgendwo sonst. 16 Sekunden brauchen die Elektromotoren, dann ist das mit sieben Lagen isolierte Stoffverdeck hinter den Sitzen zusammengefaltet. Die Sonne treibt dem Geldadel die vornehme Blässe aus dem Gesicht. Als Basis diente den Entwicklern ein Maybach 62S, aus dem sie das hintere Dachelement heraustrennten und gegen das Verdeck tauschten. Alle anderen Karosserieteile blieben unverändert.

Der Chef sitzt natürlich im Fond

Wie in der guten alten Zeit sind die Rollen im Auto auch bei der Neuinterpretation klar verteilt. Während die Passagiere hinten in einer Luxuswelt schwelgen, verschwindet der Fahrer vorn in der Unauffälligkeit. Nicht dass es hinter dem Steuer unbequem oder gar spartanisch wäre, doch ist dort alles in Schwarz gehalten, um den Blick ja nicht von den Hauptdarstellern im hellen Heck abzulenken. Selbst die Scheibe, die den Fahrer vom Fond trennt, lässt sich auf Knopfdruck dunkel einfärben.

Angetrieben wird die Studie wie das geschlossene Modell 62S von einem doppelt aufgeladenen Zwölfzylindermotor, der aus sechs Litern Hubraum 612 PS schöpft und brachiale 1000 Nm auf die Straße bringt. Zwar haben es die Schwaben noch gar nicht gemessen, doch gibt es keinen Grund, warum das Landaulet der Limousine bei den Fahrleistungen nachstehen sollte. Das Gewicht ist nahezu unverändert, und hohe Geschwindigkeiten seien für das Dach kein Problem, sagt Nesser. 250 km/h sollten also mühelos möglich sein.

Anders als zu Zeiten Wilhelm Maybachs denkt der aktuelle Maybach-Manager beim neuen Landaulet weniger an Superpromis, die sich im Fond feiern lassen. Sondern für die zwei, drei Dutzend Fahrzeuge, die pro Jahr vielleicht gebaut werden, hat er neben einigen Sammlern vor allem Hotels und Chauffeursdienste im Sinn. Doch wittern angeblich auch schon die ersten Politiker wieder Höhenluft und liebäugeln mit der Vorstellung vom modernen Prunkwagen. Was dafür noch fehlt, können die Entwickler sicher umgehend nachrüsten: Den paradegerechten Haltegriff am Dachausschnitt nämlich.