Meilensteine der Sicherheitstechnik Crash lass' nach
Die irische Wissenschaftlerin Mary Ward wäre sicher viel lieber aus einem anderen Grund in die Geschichte eingegangen. Doch es war persönliches Pech und eben keine bahnbrechende Erfindung, die ihr einen Platz in den Chroniken sicherte: Denn Mary Ward wurde am 31. August 1869 bei einem Unfall aus ihrem mit Dampfkraft betriebenen Wagen geschleudert und gilt als erste Verkehrstote des Automobilzeitalters. Nach ihr sind weltweit mehr als 20 Millionen Menschen bei Autounfällen gestorben. Dass die Schreckensziffern nicht noch höher ausfallen, ist vor allem ein Verdienst der Sicherheitstechnik.
Einige Fahrzeughersteller gingen zwar noch in den fünfziger Jahren davon aus, dass Autounfälle "einfach nicht überlebbar" seien. Doch die meisten Ingenieure wollten sich nicht mit dieser Einschätzung abfinden. Stattdessen brachten sie Schritt für Schritt mehr Sicherheit ins Auto. Die ersten Jahrzehnte der Entwicklung gehörten dabei vor allem dem passiven Unfallschutz. Erst mit dem Siegeszug der Elektronik wurden auch Systeme entwickelt, die von vornherein auf Unfallvermeidung zielten.
Stahlrahmen, Verbundglas und geteilte Lenksäulen
Die Chronik im Dienst der Sicherheit beginnt bereits 1896, als der Wartburg Decauville als erstes Fahrzeug auf einen robusten Stahlrahmen gestellt wurde. 1930 rüstet BMW das Modell DA 3 als erstes deutsches Auto mit einer Frontscheibe aus Verbundglas aus, 1935 wird der Opel Olympia das erste deutsche Großserienfahrzeug mit einer selbsttragenden Ganzstahlkarosserie, 1936 führt BMW im 326 das weltweit erste stoßaufnehmende Lenkrad ein, und bei Mercedes entsteht 1939 der erste Prototyp eines Personenwagens mit stabilem Flankenschutz, extrem steifer Bodengruppe und dreigeteilter Lenksäule. Kurz danach beginnt in Stuttgart die Karriere des Sicherheitsexperten Béla Barényi, der 1947 in einem Prototyp die erste Sicherheitslenkung baut, 1951 die weltweit erste Sicherheitskarosserie mit gestaltfester Fahrgastzelle und definierten Knautschzonen zum Patent anmeldet und sie 1959 in Serie bringt.
Aber auch vermeintliche Details retten in dieser Zeit Leib und Leben: Die Scheibenwaschanlage sorgt zum Beispiel bei BMW ab 1956 für freie Sicht, das bereits 1949 entwickelte Sicherheitszapfenschloss verhindert, dass bei einem Unfall die Türen aufspringen, und 1962 gibt es bei VW erstmals ein deformierbares Lenkrad an einer ausklinkbaren Lenksäule. Außerdem beginnt die Zeit der Rückhalte-Systeme: So bietet etwa Mercedes 1957 auf Wunsch erstmals Beckengurte für die Vordersitze an, die 1961 durch Schrägschultergurte ersetzt werden. Bei BMW gibt es Gurte seit 1961 und ab dem Jahr 1968 im Modell 2500 die ersten serienmäßigen Kopfstützen in Deutschland. Allerdings denken die Ingenieure schon weiter und zeigen 1971 Versuchsfahrzeuge mit Dreipunkt-Automatikgurten, Gurtstraffern, Gurtkraftbegrenzern und Airbags für Fahrer und Beifahrer.
Vor 28 Jahren fuhr das erste Serienauto mit ABS vor
1978 hält das erste elektronische Assistenzsystem Einzug ins Auto: das Anti-Blockier-System (ABS), das mit einer kontrollierten Stotterbremsung den Wagen auch beim Bremsen manövrierfähig hält. Das ABS ist auch der Urvater des Elektronischen Stabilitätsprogramms (ESP), das 1995 im Mercedes S 600 Coupé erstmals eingeführt wird. Die neue Technik stabilisiert ein Auto in kritischen Fahrzuständen durch gezielten Bremseingriff und gilt heute als wichtigster Lebensretter nach dem Sicherheitsgurt. Es folgt die Einführung des Bremsassistenten (1996), der den Anhalteweg gravierend verkürzt. Heute stabilisiert ESP sogar den Anhänger, und der Bremsassistent schaut voraus. Selbst wenn der Fahrer überhaupt nicht reagiert, steigt die vom Radarstrahl gesteuerte Technik alleine in die Eisen und kann so die Unfallschwere mindern.
Weitere Assistenzsysteme haben dem Fahrer in den letzten Jahren reichlich Arbeit abgenommen und seine Sicherheit erhöht: Der Tempomat hält Geschwindigkeit und Abstand konstant, die Scheinwerfer leuchten in die Kurve hinein, Kameras und Sensoren überwachen den toten Winkel oder warnen den Fahrer, wenn er scheinbar ungewollt die Spur verlässt, und Infrarot-Technik öffnet ihm auch nachts die Augen und macht Hindernisse in der Dunkelheit sichtbar.
Airbag seit 1980 als Lebensretter im Einsatz
Dass sich auch der passive Unfallschutz rapide weiterentwickelt hat, ist vor allem ein Verdienst des Airbags. Zwar haben auch Pedale, die beim Unfall ausklinken, manche Fußverletzung und aktive Kopfstützen manches Schleudertrauma verhindert. Doch dem explosionsartig aufgeblasenen Prallsack verdanken Tausende ihr Leben. Er kommt 1980 in der Mercedes S-Klasse erstmals auf der Fahrer- und 1987 auf der Beifahrerseite zum Einsatz. Ab 1995 bietet Mercedes die ersten Sidebags an, und 1997 feiert unter anderem im 7er BMW der Kopfairbag seine Weltpremiere. 1995 schließlich ist Opel der erste deutsche Großserienhersteller, der alle Modelle mit sogenannten Full-Size-Airbags ausrüstet. Mittlerweile arbeitet auch der passive Unfallschutz vorausschauend: Sobald Gefahr droht, werden vorsichtshalber die Gurte vorgespannt, die Sitzlehnen aufgestellt und die Fenster geschlossen.
Zwar zeigt die Unfallstatistik, wie sicher die Autos mittlerweile geworden sind. Doch zufrieden sind die Forscher noch nicht. Zumindest in ihren Visionen träumen sie längst vom unfallfreien Fahren.