Menschen im Stau: Ausflipper, Profis, Genießer - DER SPIEGEL
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Ferienbeginn: Wie die Bürger mit dem Stauchaos umgehen

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Menschen im Stau Ausflipper, Profis, Genießer

Zum ersten Mal seit Jahren begannen die Ferien in Nordrhein-Westfalen wieder freitags. Die Folge: Super-Staus auf den Autobahnen. Das setzt Aggressionen frei. Doch manche Fahrer bleiben cool und entspannt. Lars Geiges hat sich an der Raststätte Königsforst umgesehen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist noch friedlich hier, mittags um zwölf. Ein Spatz pickt Brotkrümel. Zwei Handwerker nippen an ihren Pappbechern mit Kaffee. Ein Monteur mit blauem, schmutzigen Overall schraubt an einer Bank herum. Er lächelt sogar. Es ist ein kleines Idyll, hier an der Raststätte Königsforst West südlich von Köln. Einzig der permanente Strom Autos, der vorbei rauscht, lässt erahnen, was da noch kommt.

Keine zwei Stunden später ist nichts mehr so, wie es war. Jede freie Parkbucht ist zugestellt. Frauenparkplätze sind längst von Familien gekapert. Am Grünstreifen halten Campingwagen. Lkw, Reisebusse, Autos mit Bootsanhängern oder Wohnwagen: Es herrscht Hochbetrieb. Fahrer versuchen sich den Weg freizuhupen. Hunde werden auf dem kleinen Rasenstück Gassi geführt. Müde Kinder steigen aus den Autos. Viele laufen eilig in Richtung Toilette. Dazu weht der Geruch von Frittenfett und Scheuermittel aus der Gaststätte herüber. Der Rasthof wirkt plötzlich wie ein Ameisenhaufen.

Selbst für nordrhein-westfälische Verhältnisse ist das heute kein normaler Freitagnachmittag. Die Autobahnen sind verstopft. Gegen 15:30 Uhr ist der Spitzenwert erreicht: Auf 130 Kilometer summieren sich die Autoschlangen. Der längste Stau rund ums Kreuz Dortmund/Unna ist 13 Kilometer lang. Auf der A3 stockt der Verkehr zwischen dem Kreuz Leverkusen und Köln-Mülheim zwischenzeitlich auf zehn Kilometern Länge. Da müssen alle durchhalten, irgendwie, hier auf dem Rasthof Königsforst. Immer wieder kommt es zu Staus, vor allem an Baustellen. Stress, Wut, Zeitdruck. Jeder geht anders damit um. Wer einen Rundgang unternimmt, trifft auf die unterschiedlichsten Typen - und jeder hat seine eigene Art, mit dem Stress umzugehen.

Die Choleriker

Nennen wir ihn doch einfach Stefan. Sein Audi A6 glänzt in der Nachmittagssonne. Seine schwarze Sonnenbrille hat er sich lässig über die Stirn geschoben. Die Haare straff nach hinten gekämmt. Aber eines vorab: fotografieren lasse er sich auf keinen Fall. Nur so viel dürfe man schreiben: männlich, 42 Jahre alt, aus Duisburg - und, so wie jeden Freitag, unterwegs nach Frankfurt. Der Liebe wegen.

Er fahre die Strecke seit drei Jahren regelmäßig. Fast immer stehe er im Stau. Aber an diesem Freitag sei es extrem. Fast bereue er, überhaupt losgefahren zu sein. "Das kannste vergessen", ruft Stefan und winkt ab. Es sei eine Katastrophe, im Raum Köln und in Nordrhein-Westfalen überhaupt, und das Schlimmste daran sei, dass man den Verkehr sowieso nicht in den Griff bekomme. "Wenn sie irgendwo fertig sind, müssen sie am anderen Ende gleich wieder anfangen zu bauen", sagt er. Es seien einfach viel zu viele Autos unterwegs. "Da kannste ausflippen", schimpft er und eilt in Richtung Restaurant. Kurz zur Toilette und dann "bloß schnell weiter fahren".

Tatsächlich ist Nordrhein-Westfalen das Stauland Nummer eins. Jedes Jahr entwickeln sich hier 57.000 Verkehrsstörungen, wie es die Polizei nennt - zusammen bilden sie eine Länge von 135.000 Kilometern. Die Autofahrer sind zwar einiges gewöhnt - aber auch am Ende ihrer Leidensfähigkeit. Brauchbare Ideen, den Verkehr effektiv in den Griff zu bekommen, gibt es von Seiten der Politik kaum. 2005 hatte man tatsächlich einmal darüber nachgedacht, den Fahrern das Wenden auf den Autobahnen zu erlauben, um Staus zu entkommen. Pure Verzweiflung.

Auf dem Rastplatz Königsforst wird der Stress fast greifbar. Die Reisenden haben sich gerade durch einen sieben Kilometer langen Stau gekämpft. Die einen reagieren noch relativ gelassen, bei anderen jedoch liegen die Nerven blank. Ein Mann schlägt auf einen Münzautomaten vor den Waschräumen ein, weil der sein Geld "gefressen" habe. Frauen beschweren sich, weil die Schlange vor den Toiletten so lang ist. Eine von ihnen weicht kurzerhand und eigenmächtig auf das Herren-WC aus, was wiederum einen älteren Herrn in Rage bringt: "Habt Ihr nicht eure eigenen Pötte?" Draußen auf dem Parkplatz regt sich ein Autofahrer mit Koblenzer Kennzeichen mächtig auf, weil er scharf bremsen musste. Man sieht nur seine Mundbewegungen, aber die Mimik lässt darauf schließen, dass er nichts Freundliches sagt. Seiner Partnerin ist das offenbar peinlich. Ein Hund hatte den Parkplatz überquert. Es sind kleine wütende Gesten, die die großen Ferien einläuten.

Die Profis

Sebastian Hohn hat noch Zeit für eine letzte Zigarette. Er trägt einen rot-schwarzen Overall aus Leder, hat seinen Helm in der Hand und nimmt einen tiefen Zug. Seine Strecke: von Münster nach Siegburg, etwa 180 Kilometer, quer durch Nordrhein-Westfalen. Er fährt die Route alle paar Monate, immer wenn er zu seinen Lehrgängen muss.

Der 26-Jährige ist entspannt. Ja, es sei schon richtig, dass der Verkehr enorm dicht sei. Es stimme auch, dass die Baustellen nerven und auch die vielen Lkw. Aber ihn störe das nicht weiter, versichert er mit einem Seitenblick auf seine 600er Suzuki. Ein Motorrad, für das Tempo 220 kein Problem ist.

Der junge Mann lächelt, sagt, er fahre immer nach Vorschrift und dass man als Motorradfahrer manchmal eben einen gewissen Vorteil habe. Deshalb nehme er für diese Strecke ganz bewusst immer das Motorrad.

Ein anderer Straßenprofi ist Waldemar Glaubuz. Er ist gerade aus seinem Lkw gestiegen und wäscht sich neben seinem Fahrzeug das Gesicht. Es ist nicht viel Platz. Der nächste Lastwagen hat dicht neben ihm geparkt und den Motor noch nicht abgestellt.

"Zwei Stunden von Oberhausen nach Köln. Mehr als doppelt so lang wie normal", sagt er. Der Lärm stört ihn nicht.

Glaubuz muss heute noch bis nach Offenburg weiter, noch 400 Kilometer. Auch für diese Strecke sind Staus angesagt. Und ab Samstagmorgen sieben Uhr gilt ein Fahrverbot für Lkw - wegen der Ferienzeit. Doch Glaubuz sieht das ganz entspannt. Seit zehn Jahren ist er Lkw-Fahrer. Mit der Zeit entwickele man die Gelassenheit, trotz des Zeitdrucks die Ruhe zu bewahren, sagt der 38-Jährige. Auch weil er weiß, dass es kein Geheimrezept gibt im Stau. Sich irgendwie durchzuschlängeln, bringe nichts. "Man muss einfach warten wie alle anderen auch", sagt er.

Die entspannten Optimisten

Ein Mann joggt über den Parkplatz. Er hat sich dafür extra seine Laufschuhe aus dem Kofferraum geholt und jetzt dreht er Runde um Runde. Er lässt sich nicht stören, sagt, er brauche ein bisschen Bewegung: "Das viele Sitzen".

Ein älteres Ehepaar hat sich gerade zwei Campingstühle aufgestellt. Sie hat die Schuhe ausgezogen, er die Hosenbeine hochgekrempelt. Beide löffeln Joghurt. Währenddessen hupt sich ein Müllwagen den Weg über den Parkplatz frei. Autos stehen noch immer in der zweiten Reihe und warten auf einen freiwerdenden Stellplatz. Das Paar und der Jogger, sie lassen sich nicht davon stören.

Es gibt tatsächlich so etwas wie Entspannung auf dem Rastplatz. Johan van Vemden und seine Familie machen es vor. Sie hatten Glück, haben einen der Holztische nahe dem Altglascontainer erwischt. Es gibt Sandwiches, Obst und Kaffee aus der Thermoskanne. "Es ist alles nur Einstellungssache", sagt der Niederländer. Wenn man mitten im Sommer unterwegs sei, müsse man eben Zeit haben. Da dürfe man nicht mit jeder Minute kalkulieren: "Stau kann immer passieren".

Mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen fährt er in diesem Jahr an die italienische Riviera. Etwa 1500 Kilometer sind das insgesamt. Natürlich mit Pausen, wie er versichert. Das mache die Familie jeden Sommer so - auch in diesem Jahr. "Ganz in Ruhe", sagt er. Ein Motorradfahrer fährt auf seiner Harley Davidson vorbei. Er lässt den Motor einen Tick lauter wummern als nötig. Ein Rastplatz kann auch ein bisschen Showbühne sein.

Die Nutznießer

Der Zaun ist nur knapp zwei Meter hoch. Mit anderen Worten: kein Problem für die beiden Studenten. Die nächste S-Bahnhaltestelle ist nicht weit. Von dort aus sind sie zu Fuß hier her und jetzt suchen sie jemanden, der sie mitnimmt. Sie wollen heute noch nach Frankfurt. Nur Geld haben sie keins. "Aber an Tagen wie heute dürfte es kein Problem sein", sagt Martin* und lächelt.

Es dauert keine fünf Minuten, bis die beiden 26-Jährigen eine Mitfahrgelegenheit gefunden haben. Der große Rucksack verschwindet im Kofferraum. Die jungen Männer steigen in einen schwarzen Mercedes mit Frankfurter Kennzeichen, getönten Fensterscheiben und Ledersitzen.

Sie sind nicht die einzigen, die von dem dichten Verkehr profitieren. Restaurants, Kioske und Imbisse an den Raststätten sind die Staugewinner. In Königsforst muss sich anstellen, wer Kaffee, Eis und Mittagsteller bestellen möchte. Es herrscht große Nachfrage.

Auf der anderen Seite des Rastplatzes durchsucht wenig später eine Frau eine der vielen großen Mülltonnen. Sie trägt einen grauen Kapuzenpullover, Goldohrringe und Latex-Handschuhe, wie sie sonst nur Ärzte tragen. Sie sucht nach Flaschen und Dosen, um später das Pfand auszulösen.

Das Wort "profitieren" gebraucht auch sie. "Sie können das alles gerne so schreiben", fügt sie hinzu. Es gehöre ja schließlich dazu. Nur ihren richtigen Namen möchte sie nicht lesen müssen. Sie schämt sich.

Seit der Betrieb ihres Mannes vor einem Jahr pleite ging, sammle sie Flaschen. 20 Euro extra bringe das jeden Monat. Im Sommer etwas mehr. Denn bei Stau oder in den Ferien, wenn es besonders voll ist auf den Straßen, mache sich das bemerkbar. "Die Leute schmeißen mehr weg", sagt sie.

*Name von der Redaktion geändert