Mercedes B-Klasse: Langweiler mit Substanz
Mercedes B-Klasse Der neue Plan B
"A wie Angriff" - mit diesem Motto leitete Mercedes-Chef Dieter Zetsche im Frühjahr auf der Autoshow in Shanghai den Generationswechsel in der Kompaktklasse des schwäbischen Autobauers ein. Was er danach als "Vision A" auf der Messe in China enthüllte, sollte beweisen, wie mutig und modern Mercedes demnächst gegen die Konkurrenzmodelle BMW 1er und Audi A3 ins Feld ziehen will.
Das Auto jedoch, das Mercedes in zwei Wochen zum Auftakt der IAA als Serienmodell auf den Messestand in der Frankfurter Festhalle fahren wird, hat mit dem visionären Verführer aus dem Frühjahr kaum etwas gemein. Denn obwohl Mercedes seit Monaten über die kommende A-Klasse schwadroniert, beginnt der Generationswechsel zunächst mit der wesentlich konventionelleren B-Klasse, die bereits im November bei den Händlern stehen soll. Während die künftige A-Klasse nach allen bislang verfügbaren Indiskretionen tatsächlich ein radikal anderes Auto werden wird, bleibt das größere Modell doch eher ein Biedermann. Aber einer mit Breitenwirkung. Die neue B-Klasse soll die knapp 700.000 Kunden, die in der ersten Generation mit dem vielseitigen Hochdachmodell warm geworden sind, erneut überzeugen. Das jedenfalls war das Ziel der Entwickler. Bräuchte Mercedes-Chef Zetsche noch ein Motto für seine IAA-Rede, es könnte "B wie Bewahrer" heißen.
Ein bisschen moderner und dynamischer als bislang sieht die B-Klasse natürlich aus: Das Auto hat auffälligere Scheinwerfer, einen größeren Kühlergrill, der ein wenig an die M-Klasse erinnert und stellt deutlicher als bisher seine Muskeln zur Schau. Um das zu erreichen, hat Designchef Gordon Wagener die Radhäuser weiter ausgestellt und zwei mächtige Sicken ins Blech getrieben. Die Wölbungen erinnern allerdings ein wenig an die Experimente, zu Beginn der Ära Bangle bei BMW. Damals hatte der illustre Designchef das angestaubte Design der Münchener gründlich umgemodelt.
Doch ungeachtet der Form hat die B-Klasse unzweifelhaft an Statur gewonnen - allein schon durch die veränderten Proportionen. Sie wird rund fünf Zentimeter flacher, geht dafür aber neun Zentimeter in die Länge und misst nun 4,36 Meter. Das neue Format hat entscheidenden Einfluss auf das Sitz- und Fahrgefühl: Zwar genießt man aufgrund der Sitzposition noch immer einen guten Ausblick, und auch der Einstieg ist immer noch bequem. Doch sitzt man im neuen Modell rund acht Zentimeter tiefer als im bisherigen. Ergebnis: Man wähnt sich nicht mehr auf dem, sondern im Sitz.
Mit den neuen Autos soll die Kompaktklasse aufgemischt werden
Obwohl deutlich flacher als früher, macht der Wagen bei einer ersten Sitzprobe einen sehr geräumigen Eindruck. Auch der Fond ist für Erwachsene keine Zumutung. Das liegt auch am aufpreispflichtigen Vario Plus Paket, zu dem unter anderem Rücksitze gehören, die man um 14 Zentimeter in Längsrichtung verschieben kann. Man hat also die Auswahl, die Beinfreiheit auf S-Klasse-Niveau zu heben oder das Kofferraumvolumen auf 666 Liter zu erweitern (mit größtmöglicher Beinfreiheit sind es 488 Liter). Dazu gibt es ein Ambiente, das ähnlich nobel wirkt wie jenes in der in C- oder E-Klasse. Luftdüsen wie im SLS sorgen für einen sportlichen Touch und der freistehende Monitor auf der Mittelkonsole für ein Stück Modernität.
Neu an der kommenden Kompaktklasse von Mercedes sind auch die ambitionierten Produktpläne. Damit in Zukunft der Baby-Benz in mindestens vier Karosserievarianten gebaut und damit auf eine Jahresproduktion von 400.000 Exemplaren kommen kann, entsteht gerade eine zweite Fabrik für die Produktion. Neben dem Werk in Rastatt soll die B-Klasse bald auch im ungarischen Kecskemet vom Band laufen.
Ebenfalls völlig neu ist der Antrieb der B-Klasse. Für die Otto-Fraktion gibt es einen 1,6 Liter großen Direkteinspritzer, der wahlweise mit 122 oder 156 PS angeboten wird. Und für das Lager der Öltanker haben die Schwaben den Vierzylinder aus dem S 250 CDI abgespeckt: Statt 2,2 hat er jetzt nur noch 1,8 Liter Hubraum und kommt je nach Auslegung auf 109 oder 136 PS. Alle Motoren haben serienmäßig Start-Stopp-Automatik und werden mit neuen Getrieben gekoppelt - darunter auch der ersten Doppelkupplungs-Automatik bei Mercedes.
Neue Assistenzsysteme und genug Platz für Akkus
Zudem gibt es für die B-Klasse auch neue Assistenzsysteme, darunter eine radargestützte Notbremse für den Stadtverkehr. Die neuen Kommunikationszentralen verstehen sich nicht nur auf Navigation, sie ebenen auch den Weg ins Internet und verfügen über eine eigene Facebook-App.
Trotz der vielen Optimierungen oder gleich kompletten Neuentwicklungen - an einem Punkt ist die neue B-Klasse der alten unterlegen - zumindest auf den ersten Blick: dem neuen Auto fehlt der Sandwichboden, der den Vorgänger für den Einsatz von Brennstoffzellen- oder Elektroantrieb geradezu prädestinierte.
Die alternativen Antriebe seien nicht vergessen, betont jedoch Entwicklungsvorstand Thomas Weber. Und dann verweisen er auf ein Konzept namens "Energy Space", das entsprechende Schnittstellen im Rohbau vorsieht. So lasse sich der Fußraum problemlos modifizieren und unter der Rückbank ein doppelter Boden einziehen, der Platz biete für alternative Energiespeicher.