Mercedes C-Klasse: Getarnter Rodeoritt - DER SPIEGEL
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Mercedes C-Klasse Getarnter Rodeoritt

Im Frühjahr kommt die neue Mercedes C-Klasse auf den Markt. Bis dahin absolviert sie das umfangreichste Testprogramm, mit dem die Stuttgarter Tüftler je ein Auto in die Mangel genommen haben - über 24 Millionen Testkilometer. SPIEGEL ONLINE hat hinter die Kulissen geschaut.
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Heidschnucken, Wacholderbüsche, Heidekraut und Birken - die Lüneburger Heide ist ein Idyll, wenn man Schäfer oder Wanderer ist. Für Autotester aber ist sie die Hölle. Das galt zumindest in den fünfziger Jahren, als auf den Nebenstrecken zwischen Uelzen, Soltau und Lüneburg regelmäßig Ingenieure von Mercedes in Protoypen auftauchten, um diese über Kopfsteinpflaster zu prügeln, über schlammige oder sandige Wege und durch Schlaglöcher, groß wie ein Nierentisch. "Heide-Dauerlauf" nannte sich die Tortur für Mensch und Maschine damals - und so heißt sie noch heute.

Natürlich sind inzwischen selbst die Nebenstrecken in Nordniedersachsen asphaltiert - doch die Schwaben haben die holprigen Originalstrecken exakt vermessen und in Untertürkheim und Sindelfingen auf dem Daimler-Chrysler-Prüfgelände nachgebaut. Dort musste jetzt auch die kommende Mercedes C-Klasse ran, und zwar so wie noch kein anderes Modell mit Stern auf dem Kühler. Denn diesmal muss alles von Beginn an perfekt sein - eine Mängelliste wie damals bei der E-Klasse darf sich die Marke nicht noch einmal leisten.

Vier Phasen für eine bessere Qualität

Die Erprobung der C-Klasse beschränkt sich aber nicht auf den "Heide-Dauerlauf", sondern besteht aus insgesamt vier Phasen: der Analyse im virtuellen Testlabor, der Komponentenprüfung, der Prüfstandserprobung und schließlich den Praxistests. Insgesamt absolvierte die C-Klasse mit Prototypen und Vorserienmodellen 24 Millionen Testkilometer. Dabei wird auch innerhalb von vier Wochen ein komplettes Autoleben in unterschiedlichen Klimazonen simuliert.

Vom Vorgängermodell ausgehend wird ein Computermodell des neuen Autos erstellt und im virtuellen Testlabor analysiert. Hierbei sollen frühzeitig Schwachstellen der neuen Konstruktion erkannt und beseitigt werden. Schon in dieser Phase wird die virtuelle C-Klasse auf die traditionsreiche Heide-Strecke geschickt, und die Belastungen werden im Rechner simuliert. Verlaufen die Tests positiv, werden einzelne Bauteile gefertigt und getestet. Auf den Prüfständen werden mechanische Belastungen unter verschiedenen Umweltbedingungen simuliert: etwa Radlager mit Hochdruckreinigern besprüht, Räder extrem schnell angetrieben und Achsgelenke bei Temperaturen von bis zu 90 Grad belastet, als sei das Auto im zähen Stadtverkehr von Tokio unterwegs. Und natürlich gibt es klare Zielvorgaben. Für Achsgelenke beispielsweise ist Gelenkspiel tabu.

Stöße in die Karosserie wie bei einem Erdbeben

Bevor es auf die Strasse geht, muss das Zusammenwirken als Gesamtkonstruktion geprüft werden. Bei der Präsentation für die Presse spannte Mercedes eine getarnte C-Klasse in eine Testvorrichtung. Mächtige Hydraulikzylinder an den Achsen simulierten wiederum die "Heide"-Strecke. Aber auch Fahrten auf dem Hockenheimring kann die Maschine nachstellen. "Die hierbei entstehenden Kräfte sind so groß, dass die gesamte Testvorrichtung vom Rest des Gebäude entkoppelt ist. Ansonsten würde das ganze Haus wackeln wie bei einem Erdbeben", erläutert Pkw-Entwickler Gerhard Godau. Wie bei einem Rodeoritt schaukelt das Fahrzeug auf dem Prüfstand, bei dem ein simulierter Heide-Kilometer 150 Mal strapaziöser ist als im Auto-Alltag.

Nun geht es auf die Strasse. Dort mussten insgesamt 900 C-Klasse-Prototypen und -Vorserienmodelle zahlreiche Dauerversuche mit Zeitraffer-Effekt abspulen. Die Erprobung begann bereits im Sommer 2003. Hitze, Kälte, Staub, Stop-and-go-Verkehr auf drei Kontinenten standen auf den zwölf Testprogrammen. Gefahren wurden zum Beispiel: 150.000 Kilometer in einem Jahr auf Autobahnen und Stadtstraßen, 50.000 Kilometer mit Vollgas durch Süditalien, 25.000 Kilometer mit Anhänger über die schwäbische Alb und 81.000 Kilometer in sechs Monaten auf Rennstrecken. Auch die Elektrik - bei der E-Klasse vor einigen Jahren ein Schwachpunkt - wurde intensiven Dauertests unterzogen, 15.000 Kilometer waren dafür reserviert. Auch mögliche Fehlbedienungen werden berücksichtigt. "Unsere Mitarbeiter sind wahre Künstler, wenn es darum geht, jeden erdenklichen 'Klammergriff' zu finden", sagt Jörg Heinrich, Leiter der Dauererprobung für die C-Klasse.

2000 Kilometer auf der nachgebauten Heide-Piste

Und natürlich fuhr die C-Klasse auch auf der nachgebauten Heidestrecke. 2000 Kilometer wurden auf dem Rüttelparcours absolviert. Im eigenen Auto würde man hier die Geschwindigkeit auf Schritttempo drosseln. Doch die Testreihe sieht andere Geschwindigkeiten vor. Im Schichtbetrieb wird das Auto mit 25 bis 60 km/h über das unwegsame Gelände getrieben.

Den Abschluss der Mercedes-Testreihe bildet die "kundennahe Fahrerprobung", bei der Daimler-Chrysler-Mitarbeiter mit rund 450 Vorserienmodellen die getarnte C-Klasse in Alltagssituationen testen. Bei dieser Erprobung werden insgesamt ungefähr 16 Millionen Kilometer zurückgelegt, und die Fahrer berichten den Entwicklungsingenieuren von ihren Eindrücken. Wenn im März beim Genfer Salon die neue Mercedes C-Klasse enthüllt wird, hat sie das bisher härteste und umfangreichste Testprogramm absolviert – und nach Angaben des Herstellers mit Bestnote bestanden.

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