Mercedes CL: Die Spitze wird breiter - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Mercedes CL Die Spitze wird breiter

Die Gewitter des Tiefs Queeny haben den Himmel gereinigt. Jetzt taucht die Sonne den Hof vor dem neuen Mercedes-Museum wieder in grelles Licht. Die Fotografen stöhnen, doch sie brauchen die Bilder von dem Auto in "mystic white". Es ist der neue Mercedes CL.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hat man diese Scheinwerfer nicht schon irgendwo mal gesehen? Oder die Nebeläuglein? Oder die Linien des Hecks? Seltsam: Mercedes stellt ein nagelneues Auto vor – das Luxuscoupé CL –, und man wird den Eindruck nicht los, man kenne dieses Modell von irgendwoher. Das kann eigentlich nicht sein, denn eben erst hat Design-Direktor Peter Pfeiffer das Tuch von der Karosserie gezogen und dazu den Wagen als "Vorbild eines neuen Mercedes-Stils" gepriesen. Die Schwaben nehmen mit dem CL Abschied von ihrer barock-repräsentativen Formensprache und folgen nun "den Regeln des modernen Purismus", der laut Pfeiffer vom Wechselspiel "großer, ruhiger Flächen und scharf geschnittener Linien" bestimmt wird.

"Das Auto ist die Spitze unseres Modellprogramms", sagt Designer Peter Pfeiffer. Fest steht, dass diese Spitze breiter geworden ist. Gegenüber dem Vorgängermodell um genau einskommavier Zentimeter (auf 1,87 m). Dazu wurde der CL siebeneinhalb Zentimeter länger (5,06 m) und zwei Zentimeter höher (1,42 m). Er ist also ein stattliches Auto – hat aber nur zwei Türen, sonst wäre er auch kein Coupé und damit kein Ausdruck automobilen Überflusses. Das hat er mit allen seinen Vorgängern gemein, denn Mercedes baut den Luxus-Zweitürer nun bereits in der siebten Generation. Seit 1952 wurden mehr als 178.000 "große Coupés" verkauft, teilt Konzernchef Dieter Zetsche in einer kurzen Rede mit. "Und das neue Modell wird die Spitzenstellung in diesem Modell nicht nur behaupten, sondern ausbauen."

Das dürfte nicht besonders schwierig sein, denn es gibt kaum Konkurrenzmodelle in dieser Sphäre des Autobaus. Vielleicht einen 6er BMW, vielleicht einen Bentley Continental GT oder möglicherweise einen Aston Martin – das war's dann schon. Für sehr solvente und lebenserfahrene Menschen, im Schnitt gehören CL-Käufer zu den ältesten Mercedes-Kunden, die es gern einen Tick dynamischer hätten als in der S-Klasse, aber bitte ebenso komfortabel und gediegen, ist der CL erste Wahl.

Holzauswahl fast wie in einem Möbelhaus

Verzicht ist diese Klientel nicht gewohnt, insofern steckt im neuen CL ab Werk so ziemlich alles drin, was momentan verfügbar ist. Eine Vier-Zonen-Klimaanlage zum Beispiel, eine Musikanlage mit CD- und DVD-Spieler, ein gläsernes Schiebedach, Vertäfelungen aus Pappel-, Eschen- oder kalifornischem Wurzelnussholz, ein Bediensystem per Zentralregler, Nanolack als Außenhaut, "intelligente" Scheinwerfer, das Sicherheitspaket Pre-Safe und selbstverständlich ESP. Auf Wunsch gibt es erstmals auch eine mit Radaraugen (die sich hinter dem riesigen Mercedesstern im Kühlergrill verbergen) vorausschauende Bremse oder eine so genannte Parkführung, die im Vorbeifahren die Größe einer Parklücke misst und berechnet, ob sich der Schlitten hineinmanövrieren lässt oder nicht.

CL-Käufer scheinen solche Rundumbetreuung zu goutieren. Zumal der Wagen auch sonst keine Zweifel an seinen Möglichkeiten aufkommen lässt. Schon beim Einstiegsmodell CL 500, das ab dem 30. September bei den Händlern stehen wird, handelt es sich um ein Auto mit 5,4-Liter-V8-Motor mit 388 PS Leistung und einem Beschleunigungsvermögen von 5,4 Sekunden von 0 auf Tempo 100. Als Durchschnittsverbrauch gibt Mercedes 12,1 Liter an, als Preis 105.850 Euro. Im Dezember folgt der CL 600, also die Nobelversion mit 5,5-Liter-Zwölfzylindermotor, 517 PS und einer Spurtkraft von 0 auf 100 km/h in 4,6 Sekunden. Diese Maschine schluckt im Schnitt 14,3 Liter – bei einem Grundpreis von 149.640 Euro dürfte das auch schon egal sein.

Eine AMG-Version mit mehr als 500 PS folgt im Januar

Selbstverständlich ist das erst der Anfang. Denn Mercedes-Haustuner AMG wird sich natürlich auch dieses Modells annehmen, und so wird Anfang 2007 der CL 63 AMG mit deutlich mehr als 500 PS erwartet und ein Jahr später der CL 65 AMG. Entwarnung geben die Mercedes-Manager allerdings bei den Fragen nach einer Allrad- oder Dieselversion. "Für solche Varianten sehen wir keinen Markt", sagt Vorstandschef Zetsche. Wie auch, wo rund die Hälfte der CL-Produktion in den USA verkauft wird.

Dort unterschreiben übrigens immer häufiger Frauen einen Kaufvertrag für das saturierte Coupé. Und die Form des neuen Modells dürfte diesen Trend noch verstärken, denn das Gewand mit dem eleganten Faltenwurf verhilft dem doch ziemlich großen Auto zu einem galanten Auftritt. Im Innenraum herrscht die aufgeräumte Noblesse der S-Klasse, der Kofferraum fasst mit 490 Liter das Nötigste für einen Shoppingtrip nach Miami Beach, Manhattan oder Malibu, und selbst beim Einparken hilft die Elektronik nun mit. Ein All-inklusive-Auto mit dem speziellen Charme der Bourgeoisie.Da fällt es  dann gar nicht mehr groß auf, dass man diese Scheinwerfer vielleicht doch schon mal irgendwo gesehen hat.