Mercedes Pullman: Fahren auf höchster Ebene - DER SPIEGEL
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Mercedes Pullman Fahren auf höchster Ebene

Regierungschefs, Ölscheichs und Top-Manager können aufatmen: Die Zeit drangvoller Enge im Fond ihrer Luxuslimousinen ist endlich vorbei, denn Mercedes hat einen neuen Pullman entwickelt. Schon vor der Premiere auf dem Autosalon in Paris wurde das erste Dutzend bestellt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mercedes ist wieder in staatstragender Mission unterwegs. Nachdem Kanzler und Präsidenten, Potentaten und Prominente lange wie schnöde Minister oder piefige Mittelständler mit einer ganz normalen S-Klasse Vorlieb nehmen mussten, bringen die Schwaben jetzt das Modell Pullman zurück auf die Straße. Für dieses Auto erhält die S-Klasse ein Zwischenstück von 1,15 Metern Länge und wird so zur Stretch-Limo mit einem regelrechten Salon im Fond. Mercedes hat die gepanzerte S-Klasse im Radstand auf 4,32 und in der Länge auf 6,36 Meter gestreckt. Zudem wurde das Dach um sechs Zentimeter angehoben und die Heckscheibe etwas steiler gestellt - jetzt sitzt es sich hinten noch bequemer und geräumiger. Außerdem gibt es, ähnlich wie im Maybach, in der letzten Reihe zwei Einzelsitze und in der Mitte, entgegen der Fahrtrichtung, zwei weitere Plätze für Sekretär, Assistent oder Dolmetscher. In einem gekühlten Barfach warten Erfrischungen und zur Steigerung der Kurzweil auf langen Dienstreisen surrt auf Knopfdruck aus der Trennwand zum Fahrer ein riesiger Bildschirm heraus.

Weil in einem Fahrzeug dieser Kategorie häufig prominente und deshalb womöglich auch stark gefährdete Gäste transportiert werden, bietet Mercedes den neuen Pullman ausschließlich als sogenanntes Guard-Modell mit Sonderschutzausstattung an. Dank spezieller Stahleinlagen und Kunstfasermatten in der Karosserie sowie schusssicherem Glas von der Dicke eines Telefonbuchs hält die Fahrgastzelle deshalb auch Kugeln stand.

Fahrer braucht Lkw-Führerschein

Auch Sprengstoffangriffen und Handgranaten sei der Wagen gewachsen, verspricht Produktmanager Rainer Gärtner. Serienmäßig sind darüber hinaus Spezialreifen mit Notlaufeigenschaften, ein sich bei Schäden selbstverschließender Tank; auf Wunsch ist noch ein automatisches Feuerlöschsystem und eine eingebaute Frischluftversorgung als Schutz gegen Gasangriffe verfügbar.

Während es die Passagiere so bequem und geräumig haben wie in keinem anderen Mercedes, werden sich die Chauffeure an das Auto erst einmal gewöhnen müssen. Denn der Pullman ist nicht nur mehr als doppelt so lang wie ein Smart - und hat damit auch einen entsprechend großen Wendekreis. Sondern er wiegt mitsamt Panzerung 4,8 Tonnen und darf noch einmal 500 Kilogramm zuladen.

Deshalb braucht der Fahrer nicht nur Fingerspitzengefühl - er benötigt auch einen Lkw-Führerschein, wenn er den Longliner durch den öffentlichen Verkehr bugsieren will. Und Geduld kann auch nicht schaden. Denn obwohl der Pullman den 517 PS starken V12-Motor aus dem Mercedes S 600 übernimmt, bleiben ihm die 250 km/h auf der linken Spur versagt. Mehr als 160 Sachen wollen die Schwaben vor allem den Reifen nicht zumuten.

Geld darf eigentlich keine Rolle spielen

Dass der neue Pullman natürlich kein Schnäppchen ist und laut Gärtner mindestens "einen hohen sechsstelligen Betrag" kostet, zügelt das Interesse der Kunden offenbar kaum. "Schon vor der Weltpremiere in Paris haben wir mehr als ein Dutzend Pullman verkauft", sagt der Produktmanager und spricht von Regierungsaufträgen ebenso wie von Privatkunden. Wer genau die Autos ordert, will er jedoch nicht verraten.

Lange allerdings wird das kein Geheimnis bleiben. Denn ein Wagen wie den Pullman kann man nur schwerlich verstecken. Und auch wenn man ihn auf der Straße nur selten zu Gesicht bekommt, dürfte der Lulatsch in den TV-Nachrichten zum Stammgast werden, glaubt Gärtner. Denn auf dem Markt der gepanzerten Highend-Limousinen liegt Mercedes eindeutig in Führung. Und so flimmert fast immer, wenn irgendwo ein Staatsgast über den Bildschirm fährt, auch der Stern über die Mattscheibe.

Lange Erfahrung mit gepanzerten Autos

Ihre Marktmacht verdanken die Schwaben der langen Tradition der sogenannten Sonderschutzfahrzeuge. Während die heutigen Hauptkonkurrenten BMW und Audi noch gar nicht gegründet waren, tüftelten die Ingenieure in Sindelfingen schon am besonderen Schutz für spezielle Kunden. Als Beleg zeigt Gärtner Fotos von einem 1928 eingeführten Mercedes Typ Nürburg 460, der als erster Panzerwagen aus Stuttgart gilt.

Primitiv aber wirkungsvoll verfügte das Modell über spezielle Stahlplatten, die im Gefahrenfall wie eine Faltjalousie von innen vor die Fenster geklappt werden konnten. Und weil man außer durch den schmalen Schlitz vor dem Fahrer nicht mehr nach draußen sehen konnte, hatte das Auto nach U-Boot-Art sogar ein Periskop im Dach.

In der Ahnengalerie des neuen Pullman stehen ferner der berühmte "Kaiserwagen" für den japanischen Tenno, der 1935 bereits mit verborgenen Panzerplatten und fingerdickem Spezialglas aufwartete. Es folgten 1938 die gepanzerten Varianten des "Großen Mercedes" sowie Sonderschutzausführungen der Kompressor-Typen 500 K und 540K, bevor die Schwaben während des Krieges und in der Zeit danach erst einmal andere Prioritäten setzten. Erst mit dem legendären 600er von 1963 erwachte das Interesse an gepanzerten Staatslimousinen erneut, sagt Gärtner.

"Das damalige Flaggschiff war kaum präsentiert, schon erkundigte sich die Bundesregierung nach einer gepanzerten Ausführung für Staatsgäste." Mercedes entwickelte deshalb eine harte Schale für den Stern und panzerte ab 1965 auch den ersten Pullman der Nachkriegszeit. Als dann in den siebziger Jahren Terroranschläge die Welt erschütterten, wurde der Sonderschutz demokratisiert: Neben dem Pullman gibt es seither auch eine gepanzerte S-Klasse. Und inzwischen auch eine G- und E-Klasse.

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