Mercedes SLR Silberpfeil im Tiefflug
An Superlativen herrscht in der automobilen Welt kein Mangel. Daran hat in vielerlei Hinsicht auch Mercedes seinen Anteil zum Beispiel mit dem SLR McLaren. Der Enkel des legendären Mille-Miglia-Renners 300 SLR ist nicht nur das stärkste Auto, das ein deutscher Hersteller derzeit in den Preislisten führt, sondern auch das teuerste. Diese exponierte Position macht zwar weder den Vertrieb noch den Erwerb leichter doch schürt sie die Faszination für die Flunder zusätzlich.
Stilistisch bewegt sich der Wagen zwischen gestern und morgen. Einerseits trägt der 4,67 Meter lange und schier endlos breite Flachmann reichlich Zitate aus einer glorreichen Vergangenheit und imitiert mit den Flügeltüren, den gewaltigen Kiemen sowie den großen Sidepipes hinter dem Vorderrad den berühmten SLR der Fünfziger. Mit seiner Hakennase und den üppigen Doppelscheinwerfern zeigt er wiederum das Gesicht, das nun auch SL und SLK tragen. Dazu gibt es ein ausgefeiltes Aerodynamik-Paket mit einem durchgestylten Unterboden und einem Flügel im Heckdeckel. Abhängig von der Geschwindigkeit fährt er in drei Stufen aus und sorgt für zusätzlichen Abtrieb. Und beim Bremsen stellt er sich auf wie die Landeklappen eines Flugzeugs.
Unter der scharf geschnittenen Hülle steckt viel Technik von der Rennstrecke. Für die Sicherheit sorgt ein extrem stabiles Monocoque aus Karbon und Kohlefasern, gebremst wird der Bolide via Keramikscheiben, geschaltet wird mit einer aufgerüsteten Fünf-Stufen-Automatik, die den SLR auf Knopfdruck vom gemütlichen Gleiter in ein giftiges Raubtier verwandelt.
Im Zentrum der Kraft sitzt ein bei AMG trainierter V8-Motor, der in James-Bond-Manier mit einem roten Knopf im Schaltknauf zum Leben erweckt wird. Der 5,5-Liter-Ballermann wird von einem Kompressor beatmet, dreht bis 7000 Touren und kommt auf 626 PS. Dabei zerrt er mit bis zu 780 Nm an den gewaltigen Hinterrädern und beschleunigt das Coupé trotz der rund 1800 Kilo Gewicht mit einer ohrenbetäubenden Fanfare zwischen dem satten Bollern einer Harley-Davidson und dem giftigen Stakkato-Gellen eines Formel-1-Boliden in 3,8 Sekunden auf 100 km/h. Nach 10,6 Sekunden steht die Taschonadel bei 200 km/h. Und weil am Heck neben Mercedes auch das Logo von McLaren klebt, ist nicht schon bei 250 Sachen Schluss. Als einziger Sportwagen mit Stern darf der SLR bis zur tatsächlichen Höchstgeschwindigkeit von 334 km/h sprinten.
Bei beherzter Fahrweise steigt der Verbrauch auf 45 Liter
Über den Verbrauch redet man bei solchen Autos besser nicht. Doch zumindest bei moderaten Testfahrten auf öffentlichen Straßen begnügte sich der Zweisitzer mit 16 Litern und hielt dabei strikter Maß als manche M-Klasse. Im Datenblatt führt ihn Mercedes sogar mit 14,5 Litern. Aber es braucht nicht viel Phantasie, um sich einen Fahrstil vorzustellen, bei dem das Dreifache in den Zylindern verbrennt.
Während die Technik an Rennwagen erinnert, schlägt das Interieur die Brücke zu den anderen Luxuslinern aus Stuttgart. Denn statt spartanischer Funktionalität herrscht gediegener Luxus. So spannt sich über die Schalensitze feinstes Leder, für den guten Ton sorgt eine edle HiFi-Anlage, zum Bewegen der Spiegel, Fenster oder Türschlösser gibt es selbstverständlich ein Heer elektrischer Helfer, und eine Klimaautomatik ist ebenfalls an Bord. Sogar die beiden obligatorischen Golfbags haben die Schwaben berücksichtigt. Zwar gibt es Innenraum kaum Platz für ein Handy oder gar eine Jacke, und selbst der Aschenbecher reicht nur für eine Kippe. Doch unter den Heckdeckel passt mehr Gepäck als im offenen SL.
Biest oder Ballerina - der janusköpfige Supersportwagen
Mit dieser Kombination aus Praxis und Performance bekommt der SLR zwei Gesichter mal ist er schmeichelerischer Showstar, mal aggressiver Kämpfer, der dem Rest der Welt nichts als sein Heck zeigt. Oft zu Gesicht bekommt man es allerdings nicht. Seit Mai 2004 haben gerade einmal gut 1000 Exemplare die Manufaktur beim Entwicklungspartner McLaren verlassen. In der Zulassungsstatistik ist der SLR deshalb rar wie eine Sternschnuppe. Für 2005 meldete das KBA 78 und für das ersten Halbjahr 2006 erst 38 Zulassungen.
Wer einen hat, genießt damit also höchste Exklusivität. Doch werfen das Hightech-Konzept, die kleinen Stückzahlen und der exklusive Vertrieb auch kritische Fragen auf. Vor allem bei technischen Problemen. Zwar wird die Kohlefaserkarosserie nach einem Unfall direkt in der Manufaktur auf Herz und Nieren geprüft. Und sollte es mal eine ernsthafte Panne geben, steht ein Team von "Flying Doctors" bereit, das mit dem Werkzeugkoffer in der Hand binnen 24 Stunden an jeden Ort der Welt fliegt, um den Flitzer wieder flott zu machen. Denn die Mercedes-Werkstatt um die Ecke hilft höchstens beim Öl- oder Reifenwechsel. Und in Eigenleistung ist überhaupt nichts zu machen. Nicht umsonst empfiehlt das Bordbuch schon für den Wechsel der Sicherungen den Anruf beim Hersteller.