Mercedes SLR Speedster Rasender Restposten
Die Marketing-Leute mühten sich redlich. Wann immer der Mercedes SLR McLaren seit der Premiere 2004 irgendwo präsentiert wurde, war auch vom Original aus den fünfziger Jahren die Rede. Stirling Moss, Juan Manuel Fangio und der legendäre Sieg bei der Mille Miglia mussten immer wieder herhalten, um den Mythos der Silberpfeile zu beschwören und ins neue Jahrtausend zu retten. Doch so schön, stark und nahezu perfekt der erste Mercedes-Supersportwagen des 21. Jahrhunderts auch ist - eine richtiger Renner wurde er nie.
Dabei klang in der Theorie alles perfekt: Der Wagen wird von Mercedes gemeinsam mit dem Formel-1-Partner McLaren in einer Manufaktur im britischen Woking von Hand gebaut. Offiziell spricht Mercedes vom meistverkauften Supersportler in dieser Preisklasse (rund 500.000 Euro) - mehr als 1400 Exemplare wurden bislang abgesetzt. Das ändert aber nichts daran, dass dem Auto bislang jene magische Aura fehlt, die zum Beispiel bei Ferrari, Porsche oder Lamborghini serienmäßig mitgeliefert wird.
In Deutschland registrierte das Kraftfahrtbundesamt für das vergangene Jahr insgesamt 73 und für das erste Halbjahr 2008 44 Zulassungen des SLR. Und wer weiß, vielleicht hätte das Auto auch irgendwann noch die Kurve in Richtung Vollgas-Ikone gekriegt. Doch im nächsten Jahr ist definitiv Schluss, weil der Silberpfeil dann nicht mehr den Vorschriften zum Fußgängerschutz entspricht und umkonstruiert werden müsste. Ein teures Unterfangen, das sich wohl kaum rentiert.
Um den Traumwagen über die Zeit zu retten und den Abverkauf zu sichern, planen die Schwaben nun ein furioses Finale. Derzeit wird mit Hochdruck an einer neuerlichen Sonderserie gearbeitet, die Stirling Moss und der Mille Miglia endlich gerecht werden soll und so nah am Original bleibt, wie es sich die Fans von Anfang an gewünscht hatten. Denn nach Coupé oder Roadster gibt es nun auch noch einen SLR Speedster. Allerdings nur in einer Auflage von 75 Exemplaren. Und die ist mit einem Grundpreis von etwa 750.000 Euro plus Steuern so teuer, dass am Ende vielleicht doch noch eine schwarze Null unter dem teuren Prestige-Projekt SLR stehen könnte.
Zum Schluss ein Sportwagen pur
Für den Spurt auf der Zielgeraden haben Designer und Techniker auf alles verzichtet, was ihnen überflüssig erschien: Eng angelehnt an die klassische Rennversion aus der Feder des damaligen Chefkonstrukteurs Rudolf Uhlenhaut trägt der Speedster anstelle der Frontscheibe nur noch kleine Windabweiser und hinter den Sitzen zwei große Höcker. Ein Dach gibt es nur als knöpfbare Plane für die Mulde um den Beifahrer, und Luxus, etwa Seitenscheiben in den Flügeltüren, hielt Mercedes ebenfalls für verzichtbar. Wo der normale SLR den Komfortsportler für die Sehr-viel-besser-Verdiener gibt, will dieses Auto tatsächlich ein Rennwagen sein. Ein Schutzhelm am Steuer ist Pflicht.
Die puristische Karosserie und die hohe Kunst des Verzichts haben einen angenehmen Nebeneffekt: Angeblich ist das Auto rund 200 Kilo leichter als das Serienmodell. Obwohl sich am 5,5 Liter großen und 650 PS starken V8-Motor aus der 722er-Edition nichts ändert, wird der SLR Speedster deshalb noch einmal ein bisschen schneller sein. Nicht bei Tempo 337, sondern erst bei 350 km/h soll der Vorwärtsdrang ein Ende haben. Und für den Sprint von 0 auf Tempo 300 werden lediglich 26 Sekunden vergehen, hört man aus Stuttgart.
Keine Bestätigung, kein Dementi
Endgültig und offiziell bestätigt ist der Speedster noch nicht. Doch Dementis hört man auch keine. Stattdessen findet man in den Fachmagazinen eine Reihe von vermeintlich investigativen Erlkönigfotos, die aber verdächtig professionell aussehen und für geheime Aufnahmen der üblichen Heckenschützen viel zu scharf sind. Und dass parallel dazu die ersten Videos mit denselben Szenarien durch die einschlägigen Foren im Internet geistern, macht die konspirative Herkunft eher zweifelhaft. Virales Marketing ist offenbar die finale Stufe der SLR-Propaganda.
Wenn 2009 der letzte SLR aus dem Glaspalast in Woking gerollt wird, ist zwar die Kooperation von Mercedes und McLaren vorerst beendet. Doch die Ära der Supersportwagen soll bei den Schwaben fortgesetzt werden. Womöglich bereits Ende nächsten Jahres wird als Erbe der legendären Flügeltürers ein neuer Überflieger abheben. Und was für ein Zufall: Auch von dem geistern bereits die ersten Videos durchs Netz.