Motor Show Tokio treibt es bunt
In Europa ist der Gedanke noch fremd, doch in Japan hat das Auto in seiner jetzigen Form keine Zukunft mehr. "In Städten wie Tokio heißt Mobilität, aufs Auto zu verzichten. Der eigene Wagen ist da nur ein Klotz am Bein", sagt Tobias Nagel. Der junge Deutsche sollte es wissen. Schließlich fühlt der Dresdener Designer als Trendscout für Nissan in der japanischen Hauptstadt den Puls der Zeit. Obwohl Nagel davon überzeugt ist, dass "es viel bessere Transportmittel gibt als das Auto", sieht er für seine Branche nicht schwarz, sondern prophezeit ihr eine bunte Zukunft. Sein Credo: Das Auto der Zukunft müsse eher die Bedürfnisse des Fahrers befriedigen als einfach nur das Bedürfniss nach Mobilität. Durch die japanische Brille betrachtet, wird der Wagen zum Wohnraum auf Rädern, zum Musikzimmer oder zum Partykeller, zu einer Oase für Ruhe und Regeneration oder zu einem Weggefährten mit humanoidem Charakter. Oder er löst sich vollends von seinem althergebrachten Grundkonzept und passt sich den neuen Verkehrsverhältnissen an.
Europäer und Amerikaner mögen solche Visionen erschreckend und unglaubwürdig zugleich finden. Doch bei den japanischen Autodesignern sind diese Überlegungen bereits so weit gediehen, dass sie nach dieser Philosophie zur Motor Show in Tokio ein gutes Dutzend Showcars auf die Räder gestellt haben. Über Technik wird dabei, anders als etwa bei der letzten Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt, kaum diskutiert. Doch wenn die Frage nach dem Antrieb kommt, gibt es darauf meist nur eine Antwort: Das Surren eines Elektromotors. Von der Brennstoffzelle spricht in Tokio derzeit niemand, und der Hybridantrieb ist für die Japaner fast schon ein alter Hut. Neu dagegen ist ein zaghafter Flirt mit dem Dieselmotor, der - nach einem Umweg über Europa - mittlerweile bei Nissan, Mitsubishi & Co nun auch in Japan als mittelfristige Alternative gesehen wird.
Eine der buntesten Studien dieser Messe ist Nagels Entwurf Pivo2, der aussieht wie eine Praline auf Rädern, seinen Fahrer allmorgendlich per Roboter begrüßt und dank drehbarer Räder gleichermaßen vorwärts, rückwärts und seitwärts fahren kann. Nach einem ähnlichen Muster hat Honda den Puyu gebaut, dessen Karosserie außen mit einem Gel behandelt ist, das sich weich anfühlt und den rollenden Glaskasten nachts wie ein buntes Glühwürmchen in vielen Farben leuchten lassen kann.
Ein rollendes Teehaus und ein Unimog im Kleinformat
Wie wohnlich ein Auto sein kann, zeigen Studien wie der Toyota RiN, der als fahrendes Teehaus gestaltet ist. Dem Fahrer wird Ruhe und Erholung suggeriert und bei jedem Griff ans Lenkrad auch gleich ein EKG erstellt. Als persönlicher Salon in einer Außenwelt ohne Privatsphäre gedacht, ist der Nissan Intima, dessen gegenläufig angeschlagene Türen den Weg in ein vornehme Lounge aus Lack und Leder öffnen. Und wer sich in Mega-Citys wie Tokio keine Terrasse leisten kann, genießt den Sommer mit seinen Freunden künftig vielleicht im eigenwilligen Nissan-Cabrio Roundbox. Zwar fehlt den Japanern, anders als den Kunden auf fast allen anderen Märkten, offenbar der Spaß am SUV, doch der Weg ins automobile Abenteuer wird ihnen dennoch geebnet. Suzuki schickt den auf Rollschuh-Format geschrumpften Unimog X-Head ins Gelände, Daihatsu fährt mit einem treffend zum Mudmuster gestempelten Kleinlaster hinterher, und Nissan eröffnet mit dem NV200 am städtischen Badessee eine mobile Tauchstation.
Auch für den Dauerstau und einen völligen Zusammenbruch der gewohnten Verkehrswege haben die Autohersteller in Japan vorgesorgt. "Wir müssen neue Mobilitätskonzepte entwickeln", sagt Nissan-Designer Nagel und rechtfertigt damit auch die Arbeit von Toyota und Suzuki, die auf der Messe jeweils Einsitzer präsentieren, die aus der Kreuzung von Rollstuhl, Regentropfen und Designersessel hervor gegangen sind. Suzuki baut dazu gleich noch einen passenden Glaskasten, der eine große Klappe öffnen und den SSC hereinlassen kann, bevor er mit dessen Kraft selbst zum Auto wird. Und falls die Straße doch mal frei sein sollte, jagt man mit dem wie aus fließenden Stoffbahnen zusammengefügten Mazda Taiki davon, so weit einen der Wind und die Kraft des Wankelmotors tragen können.
Es gibt sie noch, die serienreifen Neuheiten
Zwar dürfen die Designer zur Tokio Motor Show all diese Ideen ausleben und in greifbare Formen bringen. Doch ganz ohne Bodenhaftung geht es nicht. Deshalb findet man zwischen den kühnen Visionen auch eine Reihe konkreter Absichtserklärungen - wie den Honda CR-Z, der einmal das Erbe des legendären CR-X antreten könnte. Aus der Studie Lexus LF-A wird bis 2009 ein neuer Supersportwagen und der LF-LX nebenan gibt einen Vorgeschmack auf den Nachfolger des Allradlers RX 400. Bei Mitsubishi ist mittlerweile die Serienproduktion des cX-Konzepts als Kompakt-SUV beschlossen und die Idee vom CT als Erben des verblichenen Mittelklassemodells Galant nicht so weit hergeholt. Und auch den Subaru G4e kann man sich durchaus als pfiffigen Kleinwagen vorstellen.
Will man bei den japanischen Herstellern allerdings serienreife Neuheiten finden, die auch für europäische Kunden interessant sind, dann muss man schon suchen, bis man zum Beispiel bei Honda die neue Generation des Jazz findet, der auf dem heimischen Markt allerdings Fit heißt. Oder man spitzt einfach die Ohren. Denn weder der 300 PS starke Subaru WRX-STI noch die zum Supersportwagen aufgestiegene Neuauflage des Nissan GT-R sind im Messetrubel zu überhören.