Motorradkleidung: Die sichere Wahl - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Motorradkleidung Die sichere Wahl

Textil oder Leder - noch immer diskutieren Motorradfahrer über das bessere Material für ihr Outfit. Kevlar und Cordura machen der schwarzen Naturlederkluft längst Konkurrenz, haben aber ihren Preis.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Düsseldorf/Essen - Eigentlich hört es sich gut an: Immer wieder gibt es Meldungen, dass sich die Sicherheit von Motorrädern verbessert. Die Zahl der verkauften Zweiräder mit dem Blockierschutz ABS im Bremssystem wächst, und im Jahr 2006 soll sogar das erste Modell mit Airbag auf den Markt kommen. Doch das ändert nichts daran, dass ein Motorrad keine Knautschzone hat. Das Einzige, was Fahrer und Beifahrer beim Sturz vor Verletzungen bewahrt, ist eine vollständige Schutzkleidung. Gleichzeitig gibt es immer wieder Diskussionen, ob Kleidungsstücke aus Textil oder Leder die bessere Wahl sind.

Untrennbar mit dem Motorrad verbunden ist die Lederkombi. Traditionell stellen Jacken und Hosen aus gegerbten Tierhäuten die typische Kleidung für Zweiradfahrer dar. Seit geraumer Zeit bekommt der Klassiker jedoch Konkurrenz. "Man kann sagen, dass es derzeit einen Trend zur Textilbekleidung auf dem Motorrad gibt", sagt Ruprecht Müller, Motorrad-Experte des ADAC-Technikzentrums in Landsberg (Bayern).

Zwar gibt es keine Gesamtzahlen über den Anteil von Leder und Textil bei den Verkäufen. Doch zumindest die Statistiken der großen Anbieter bestätigen den Trend deutlich. So kommt die Zubehör- und Bekleidungskette Polo aus Düsseldorf nach eigenen Angaben auf einen Anteil von 65 Prozent für Textilkleidung. Leder macht nur noch 35 Prozent der Verkäufe aus.

Textilbekleidung leichter als Leder

Die Vorliebe für Textilfasern hat allerdings in der Regel weniger mit dem Gedanken an die Folgen möglicher Unfälle zu tun. "Es geht dabei vor allem um den Komfort", erklärt Müller. So sind nach Angaben des Institutes für Zweiradsicherheit (ifz) in Essen gerade die Atmungsaktivität und der Kälteschutz besser als beim Leder. Hinzu kommt, dass der Einsatz moderner Materialien gleichzeitig eine Wasserdichtigkeit gewährleisten kann. Bei Polo weist man zusätzlich darauf hin, dass Textilbekleidung leichter als Leder ist.

Die Lederkleidung auf der anderen Seite bietet manche dieser Vorzüge nicht: Im Sommer schwitzt der Motorradfahrer in seiner engen Tierhaut spätestens beim Ampelstopp, bei Kälte schützt das Leder meist auch nicht lange. Und Regen ist ohnehin ein Feind des Naturmaterials: "Zu den Nachteilen der Lederbekleidung zählt sicher, dass man für schlechtes Wetter immer eine zusätzliche Regenkombi dabei haben muss", erklärt Michael Lenzen, Sprecher des Bundesverbandes der Motorradfahrer (BVDM) in Mainz.

Aber Bequemlichkeit ist auf dem Motorrad eben nicht alles. "Leder hat eine höhere Abriebfestigkeit als Stoff", sagt Lenzen. Das bedeutet: Wer stürzt, ist bei der folgenden Rutschpartie über den Asphalt in der Lederhaut meist besser geschützt. Ruprecht Müller stellt den Unterschied so dar: "Von den Schutzeigenschaften her entspricht ein Sturz mit Textilbekleidung bei Tempo 60 etwa einem Unfall in Lederbekleidung bei Tempo 100."

Doch auch die Schutzfunktion der Textilfasern wurde weiter verbessert. Nach Angaben des ifz sind aktuelle Textilanzüge nicht mehr mit den zum Teil gefährlichen "Plastikanzügen" vergangener Zeiten zu vergleichen: Heute bestehe kaum noch die Gefahr, dass die Unfallfolgen sich durch Einschmelzen des Materials in die Haut als Folge der Reibungshitze beim Rutschen noch verschlimmern. Vielmehr würden jetzt abriebfeste Materialien wie Cordura oder Armacor verwendet.

Kevlar und Cordura machen Leder Konkurrenz

Und die Entwicklungen gehen weiter. "Mittlerweile erreicht man auch mit hochwertiger Textilkleidung vergleichbare Abriebwerte wie beim Leder", meint Mathias Krone, Vertreter der finnischen Textilkleidungsmarke Rukka in Hamburg. Dafür ist dann aber auch ein hoher Aufwand erforderlich. So kann laut Krone mit Kevlarfasern gearbeitet werden. Die müsse man allerdings in Cordura-Fasern einhüllen, da Kevlar empfindlich gegenüber UV-Licht ist. "Kevlar ist rissfester als Stahl. Wir erreichen damit Abriebwerte, wie bei gutem Leder." Der Aufwand hat aber auch seinen Preis.

Das Grundmaterial der Bekleidung ist aber nur ein Punkt. Daneben gibt es noch ein anderes Thema, an dem sich die Geister scheiden: Protektoren. Dabei handelt es sich um zusätzliche Polster und Schalen, die an gefährdeten Stellen wie Knien, Ellenbogen oder auch am Rücken in der Motorradkluft getragen werden. Grundsätzlich sind sie eine gute Sache - wäre da nicht die Frage, ob harte oder weiche Protektoren besser sind. Laut Ruprecht Müller haben weiche den Vorteil, dass sie bei einem Sturz Energie besser abbauen. Harte dagegen schützen davor, dass spitze Gegenstände eindringen.

Noch ein weiterer Punkt ist bei Protektoren zu beachten: "Man sollte auf jeden Fall auf den richtigen Sitz achten", mahnt Michael Lenzen. Denn ein Protektor kann nur dann schützen, wenn er genau an der richtigen Stelle sitzt und bei einem Unfall nicht verrutscht.

So schwer die "Glaubensfrage" bei der Materialwahl auch zu entscheiden ist, in einem Punkt sind sich alle Experten einig: Ohne komplette Schutzkleidung mit Jacke, Hose, Handschuhen, Stiefeln und Helm sollte niemand starten. Und Geld sollte an anderer Stelle gespart werden - nicht bei der Fahrerausstattung.

Von Heiko Haupt, gms