Roller auf der Eicma 2011: Raus aus der Nische
Motorradmesse Eicma 2011 Im Reich der Riesenroller
Wer vor den Mailänder Messehallen in Rho über den Parkplatz schlendert, versteht sofort: Südeuropa tickt anders. Motorräder sind dort der emotionale, aber auch nur der kleinere Teil der mediterranen Zweiradwelt; Vespa, Lambretta - überall rund ums Mittelmeer wird Roller gefahren.
Auch BMW hat das verstanden; auf dem diesjährigen Eicma-Stand der Münchener dominierten nicht die Boxer, die Superbikes oder die Groß-Enduros, sondern Scooter. Zum Einstieg in das für die Bayern neue Marktsegment Urban Mobility stellt BMW einen Maxi-Roller in einer sportlichen (C 600 Sport) und einer komfortablen, Touren-orientierten Version (C 650 GT) vor.
Zunächst irritierend dabei: Sowohl der C 600 als auch der C 650 werden vom gleichen, eigens entwickelten Zweizylinder-Reihenmotor mit 647 Kubik angetrieben und einem maximalen Drehmoment von 66 Nm. Geschaltet wird wie bei Rollern üblich nicht manuell; verbaut wird ein stufenloses CVT-Getriebe, eine Fliehkraftkupplung und eine im Ölbad laufende Rollenkette zum Hinterrad.
Fahren lassen sollen sich die BMW-Scooter wie ein Motorrad - dank den großen Reifen der Dimensionen 120/70 R 15 und 160/60 R 15, dem Fahrwerk aus einem Stahlrohrrahmen und einem Alu-Druckgussteil, das die Schwinge aufnimmt. Und das bis zu einer Höchstgeschwindigkeit von 175 km/h.
Das Design, so das erste Feedback von Besuchern am Stand, scheint anzukommen: BMW-like, sportiver als die Konkurrenz etwa von Yamaha und Suzuki und näher am Motorrad als am klassischen Roller. So ist etwa der typische Roller-Durchstieg zwischen Sitzbank und Lenker kaum ausgebildet. Alltagstauglich sind die beiden Modelle allemal, in beide Staufächer passen zwei Helme.
Eine beheizbare Sitzbank sowie eine breite Palette von Zubehör wie eine Regendecke für die Knie - damit kann ein Maxi-Scooter zukünftig Teil der Urban Mobility auch auf dem öfter verregneten deutschen Markt werden. Für BMW sind die beiden Scooter eine ausbaufähige Plattform, bereits für nächsten Herbst ist die Vorstellung eine serienreifen Elektro-Variante fest avisiert. Preise für den C 600 und den C 650 werden noch nicht genannt, sie sind jedoch definitiv fünfstellig.
Piaggio baut die Palette um
Piaggio lebt bisher von seinen Brot- und Butter-Fahrzeugen und hat es sich in der Nische der Dreiradfahrzeuge bequem gemacht. Außerdem unterhält der Hersteller mit Vespa und Gilera weitere Roller-Töchter im Konzern. Dass BMW mit Großrollern kommen wird, wussten die Verantwortlichen - die Reaktion aus Italien folgt sofort.
Piaggio-Tochter Aprilia, bisher bekannt für aggressive Sportmotorräder, nimmt mit dem SRV 850 die in die Jahre gekommenen Schnellfahrer, deren malade Bandscheibe den Supersportler nicht länger ertragen, ins Visier. 839 Kubik Hubraum, 76 PS und Geschwindigkeiten nahe der 200-km/h-Grenze sind Werte für einen Maxi-Scooter, die auch Sportmotorrädern zu Ehren gereichen würden.
Neu ist der SVR 850 allerdings nur bei Aprilia - den Motor und ein ähnliches Fahrwerk hat Piaggio seit 2007 auch bei Gilera mit dem GP 800 im Angebot. Die Aprilia-Variante ist nur moderner gestaltet und lehnt sich an das Sport-Design des Superbikes RSV4 R an - der Preis ist noch nicht bekannt.
Beim französischen Roller-Krösus Peugeot ist die Nachricht vom Verkaufserfolg, den Piaggio in den vergangenen Jahren mit dem Dreirad-Roller MP3 eingefahren hat, inzwischen auch angekommen.
Die logische Konsequenz: In Mailand wurde mit großem Aufwand die Studie Metropolis Projekt vorgestellt - eine Dublette des Piaggio-Dreirads, verkauft als "Zwitter zwischen Automobil und Scooter". Viertaktmotor mit 35 PS und 38 Nm Drehmoment, drei Scheibenbremsen, elektronische Feststellbremse, LED-Lampen und riesiges Staufach werden als Eigenschaften genannt - aber keine Produktionszyklen und Preisvorstellungen.
Optisch ist der Metropolis gelungen; der Frontgrill in Anlehnung an den Peugeot 508 lässt darauf schließen, dass die Designer eng mit den Automobil-Kollegen zusammengearbeitet haben.
Yamaha - auf den wichtigen Märkten Spanien, Frankreich und Italien traditionell stark vertreten - stattet seinen Flaggschiff TMAX im kommenden Jahr mit 530 statt 500 Kubik aus. Der Maxiroller hat zwar weiter 46 PS, aber der Durchzug im unteren und mittleren Drehzahlbereich soll damit wesentlich verbessert werden. Der Aluminiumrahmen wurde abgespeckt, angeblich ohne das Fahrverhalten negativ zu beeinflussen; das Fahrzeug ist insgesamt vier Kilogramm leichter geworden.
Doch ob das reichen wird, um den Münchner Frontalangriff mit dem C 600 Sport und dem C 650 GT abzuwehren, wird sich erst noch zeigen.