Nano-Technologie: Revolution unter dem Mikroskop - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Nano-Technologie Revolution unter dem Mikroskop

An vielen Stellen im Auto ist Nano-Technologie kaum noch wegzudenken. Sogar in Reifen und Sitzen sorgen die Mini-Teilchen für Verbesserungen. Manchmal helfen sie, die Umwelt zu entlasten – Mediziner befürchten jedoch auch Gesundheitsrisiken für Autofahrer.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wiesbaden - Für gewöhnlich denken Autohersteller in großen Dimensionen. Wenn es aber um den technischen Fortschritt geht, arbeiten sie oft im ganz, ganz Kleinen: Sie setzen immer häufiger auf Nano-Technologie. So werden künftig Teile eine wichtigere Rolle spielen, die nur wenige Millionstel Millimeter groß sind.

Der Begriff "Nano" stammt aus dem Griechischen und steht für Zwerg. Ein Nanometer ist der milliardste Teil eines Meters und verhält sich zum Meter etwa so wie ein einzelnes Eisenatom zu einem VW Käfer. Von Partikeln im Nano-Bereich versprechen sich zum Beispiel Hersteller von Kosmetika, Haushaltsprodukten, Kleidung und Automobilen positive Eigenschaften.

So haben Nanopartikel wegen ihres geringen Formats eine vergleichsweise große Oberfläche: "Die spezifische Oberfläche eines Gramms nanokristallinen Pulvers kann der Fläche eines Fußballfeldes entsprechen", heißt es aus dem hessischen Wirtschaftsministerium in Wiesbaden. Deshalb könnten Nanopartikel zum Beispiel die Härte oder Bruchfestigkeit eines Bauteils erhöhen, Oberflächen schützen sowie die elektronischen, magnetischen, chemischen oder optischen Eigenschaften eines Bauteils verändern.

Kratzfester Lack dank Nano-Technik

Diese Vorteile macht sich die Automobilindustrie schon heute zu Nutze: So basieren nach Angaben von VW-Sprecher Hartmuth Hoffmann zum Beispiel die Abgaskatalysatoren seit Mitte der achtziger Jahre auf Nanotechnologie. Die Entwicklung geht weiter, und Hoffmann stellt kleinere und leichtere Katalysatoren mit verbesserter Reinigungswirkung in Aussicht.

Ebenfalls auf Nano-Technologie setzt die Industrie beim Lack. Zum Beispiel hat Mercedes vor rund zwei Jahren einen kratzfesten Lack eingeführt. Dafür wurden nach Angaben von Pressesprecher Norbert Giesen in Stuttgart mikroskopisch kleine Keramik-Partikel in den Klarlack gemischt, die sich wie ein Schutzschild über die eigentliche Farbschicht legen. Zwar könnten diese Partikel den Lack auch nicht vor Nägeln oder Ästen schützen, doch die winzigen Schleifspuren einer Autowäsche würden damit nahezu völlig verhindert.

Nach Angaben der Experten des hessischen Wirtschaftsministeriums eignet sich die Nano-Technologie auch für eine deutliche Gewichtseinsparung bei den wachsenden Fensterflächen im Fahrzeug. Weil mit ihrer Hilfe Polymerscheiben kratzfest würden, könne immer häufiger leichter Kunststoff statt schweres Glas eingesetzt werden. Ebenfalls der besseren Sicht diene der Einsatz von Nano-Technologie bei der mikroskopisch feinen Metallbeschichtung der Scheinwerferreflektoren.

Umweltentlastung oder Gesundheitsrisiko?

Weitere Nano-Anwendungen im Auto finden sich laut VW-Sprecher Hoffmann auch in der Karosserie des Fahrzeugs oder bei der Entspiegelung von Kombiinstrumenten. Das hessische Wirtschaftsministerium weist auf weitere Einsatzmöglichkeiten hin: Korrosionsschutz, Luft-Filter für den Innenraum, Schmutzschutz für Autositze, Superkondensatoren für Elektro- oder Hybridfahrzeuge und reibungsarme Beschichtung einzelner Motorkomponenten.

Sogar im Reifen setzt die Industrie auf mikroskopischen Fortschritt: So kann etwa nach Angaben von Burkhard Wies aus der Entwicklung von Continental in Hannover durch die Verwendung von Nano-Zinkoxid-Teilchen in der Reifenmischung auf bis zu 90 Prozent des früher benötigten Zinkoxides verzichtet werden. Das sei ein wichtiger Beitrag zur Entlastung der Umwelt.

Doch Nano-Technologie bietet möglicherweise nicht nur Vorteile: Einige Mediziner befürchten, dass die mikroskopisch kleinen Partikel über die Haut, die Nahrung oder die Luft in den Körper gelangen können, wenn sie nicht fest an ihre Trägermaterialien gebunden sind. Welche Effekte das haben kann, ist allerdings noch nicht hinreichend erforscht, heißt es beim Bundesinstitut für Risikobewertung in Berlin.

Thomas Geiger, gms