Neue Hybrid-Kooperation Sprung über den Schatten
Die Autohersteller geraten zusehends in Zugzwang. Nicht erst seit dem jüngsten Aufflammen der CO2-Diskussion haben die meisten offenbar erkannt, dass dringend etwas getan werden muss, um die Motoren sparsamer und die Abgase sauberer zu machen, wenn auch in 10 oder 20 Jahren noch große Autos verkauft werden sollen.
Weil dafür dicke Bretter zu bohren sind, Grundsatzentscheidungen gefällt werden müssen und auf den Entwicklern reichlich Arbeit lastet, kommen einzelne Unternehmen damit an ihre Grenzen zumindest, wenn es schnell gehen muss. Deshalb formen sich hinter den Kulissen nicht nur über Kontinente, sondern auch über Konzerngrenzen hinweg überraschende Allianzen.
So ist es einerseits logisch und konsequent, andererseits aber auch eine kleine Sensation, dass die ewigen Rivalen Mercedes und BMW heute in Stuttgart und München einen ungewöhnlichen Schulterschluss angekündigten: Binnen drei Jahren wollen sie gemeinsam ein "innovatives Hybrid-Modul für heckgetriebene Pkw des Premiumsegments" entwickeln. Das klingt hochtrabend und geheimnisvoll, lässt sich aber ganz einfach entschlüsseln. Mercedes S-Klasse und BMW 7er sollen künftig sparsamer und sauberer werden.
In der Oberklasse wird die Luft langsam dünn
"Es geht darum, gerade in dieser Fahrzeugklasse schnell überzeugende Antriebstechnologien in Sachen Effizienz, Leistung und Komfort auf den Markt zu bringen", erläutert Mercedes-Entwicklungsvorstand Thomas Weber die Idee hinter der Kooperation. Beide Partner wollen nach den Worten von Webers BMW-Pendant Klaus Draeger die "technologische Basis zukünftiger Hybridsysteme in der Premium-Klasse verbreitern und die Innovationskraft beider Unternehmen bündeln".
Außerdem führt natürlich der gleichzeitige Einsatz bei zwei Marken schneller zu höheren Stückzahlen und damit zu günstigeren Preisen, so die Hoffnung der Projektpartner. Außerdem bilden sie damit ein Bollwerk gegen die Japaner, wo allen voran Hybrid-Pionier Toyota ihnen mit dem Lexus LS600h den Rang abzulaufen droht.
Ganz neu ist die Zusammenarbeit allerdings nicht. Schließlich haben Schwaben und Bayern gemeinsam mit General Motors bereits auf der IAA im Jahr 2005 einen Forschungspakt für den Hybrid-Antrieb geschlossen. Doch konzentriert sich der vor allem auf den US-Markt, wird von Detroit aus in Schwung gehalten und ist insbesondere für die schweren Geländewagen gedacht, die weder bei BMW noch bei Mercedes zum Markenkern gehören. Mit den Plänen für die Oberklasse geht es nun tatsächlich ans Eingemachte.
Dass dafür eine weitere Allianz geformt wird, liegt vor allem an den unterschiedlichen Anforderungen. Denn das Hybrid-Konzept für einen schweren Geländewagen lasse sich nicht einfach auf eine Luxuslimousine übertragen, heißt es bei BMW. Während es dort vor allem um eine Senkung des Kraftstoffverbrauchs geht, zielen die Entwickler mit dem neuen Hybridmodul auch auf mehr Leistung und Fahrspaß. Statt eines "Full-Hybrid" wird deshalb ein "Mild-Hybrid"-System entwickelt, das leichter und kompakter gebaut werden kann.
Gemeinsam entwickeln, getrennt vermarkten
Obwohl die beiden Konkurrenten gemeinsam entwickeln, ihr Knowhow teilen und in Stuttgart und München paritätisch besetzte Projektgruppen einrichten, wird der Wettbewerb im Schmusekurs nicht weggekuschelt. Im Gegenteil: "Die jeweils markenspezifische Anpassung der Komponenten der beiden Hersteller sichert die individuelle Ausprägung in den unterschiedlichen Fahrzeugen", heißt es herrlich verklemmt im offiziellen Communique zur neuen Partnerschaft.
Mit dem Schulterschluss können BMW und Mercedes ihre Entwicklung beschleunigen und damit schneller auf einen Trend reagieren, der nun von den USA offenbar auch nach Deutschland schwappt. Denn angesichts der steigenden Kraftstoffpreise steigt das Interesse an der Hybrid-Technik stark. Immerhin rund ein Viertel der deutschen Autofahrer denkt nach einer jetzt bei "Automobilwoche online" veröffentlichten Studie des Zulieferers Continental über die Anschaffung eines Hybrid-Autos nach und wäre bereit, für weniger Verbrauch und mehr Beschleunigung fast 3000 Euro Mehrkosten zu akzeptieren.
Würde der Kauf staatlich gefördert, könnten sich sogar zwei Drittel aller Autofahrer einen Umstieg vorstellen. Allerdings zeigt die Umfrage auch erheblichen Aufklärungsbedarf. Zwar hatten auch vor der aktuellen CO2-Debatte mehr als 75 Prozent der rund 1000 Befragten schon einmal etwas von "Hybridantriebstechnologie" gehört. Doch richtig erklären konnte die Kombination von Verbrennungs- und Elektromotor nur jeder Dritte.