Neues Bediensystem: Drei Autos in einem - DER SPIEGEL
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Neues Bediensystem: Charakterwechsel auf Tastendruck

Foto: Continental

Neues Bediensystem Drei Autos in einem

Moderne Pkw sind ein einziger Kompromiss, denn sie werden als Allround-Fahrzeuge entwickelt. Der Automobilzulieferer Continental will das ändern. "Simplify your Drive" heißt ein Bedienkonzept, mit dem sich das Autofahren der Zukunft ändern soll.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vermutlich raufen sich Autoentwickler manchmal die Haare: Sie tüfteln die raffiniertesten Bauteile aus, deren wirkliches Potential jedoch so gut wie nie zum Vorschein kommt. Einerseits liegt das daran, dass der durchschnittliche Fahrer im Alltagsverkehr nur einen Bruchteil dessen nutzt, was die Technik parat hält. Und andererseits werden aktuelle Modelle fast immer als eierlegende Wollmilchsäue konzipiert - sie sollen sportlich, komfortabel, rasant, sparsam, wendig, agil, dynamisch und neuerdings auch effizient sein. Alles zugleich geht aber nicht. Das Resultat sind dann meist Fahrzeuge, die auf ein gut verkäufliches Mittelmaß nivelliert sind.

"Wir heben diesen Kompromiss einfach auf", sagt Ralf Lenninger, Leiter der Forschung der Division Interior beim Automobilzulieferer Continental. "Der Fahrer allein kann dann entscheiden, ob er mit seinem Wagen sportlich oder gediegen, extrem sparsam oder überaus bequem unterwegs sein möchte." Funktionieren soll das auf Knopfdruck, ganz nach Wunsch.

Die Idee an sich ist nicht neu. Bereits heute gibt es zahlreiche Autos, in denen per Wähltaste zum Beispiel das Fahrwerk härter oder weicher, die Lenkung direkter oder die Getriebesteuerung mehr sportlich oder eher spritsparend programmiert werden kann. Die Continental-Ingenieure gehen mit ihrem System, das sie "Simplify your Drive" nennen, noch ein paar Schritte weiter: Hier verändert der Tastendruck sämtliche Komponenten in die gewünschte Richtung.

Besonders deutlich wird das in einer Fahrt mit dem Versuchsträger, einem VW Passat CC mit 3,6-Liter-V6-Motor und 300 PS. Beim Start steht das System stets im Modus Comfort. Das komplett frei konfigurierbare Cockpit-Display zeigt dann nur die nötigsten Informationen in blauer Farbe an. Sämtliche Systeme wie Motor-, Getriebe-, Fahrwerkssteuerung, die Klimaanlage, das elektrische Gaspedal, die Lenkung und die Fahrerassistenten sind konsequent auf größtmögliche Behaglichkeit eingestellt. So fährt man also kommod von dannen.

Auf Knopfdruck wird das brave Auto zum Biest

Das erste Aha-Erlebnis folgt nach dem Druck der Sport-Taste. Die Cockpitfarbe wechselt prompt zu rot. Jetzt wird der Drehzahlmesser am größten dargestellt. Ein sogenannter G-Ball im Zentrum zeigt an, welche Kräfte beim Beschleunigen, Bremsen oder in Kurven auf die Insassen wirken. Dazu ruft die Motorsteuerung die Maximalleistung ab: Das Getriebe dreht die Gänge dramatisch aus, das Fahrwerk wird straffer, die Lenkung direkter. Es fühlt sich an und sieht so aus, als säße man auf einmal in einem Sportwagen - stattdessen hat das zentrale Steuersystem allen erreichbaren Subsystemen lediglich den Befehl erteilt, das Leistungsoptimum auszuschöpfen.

Es geht aber noch weiter, denn es gibt noch eine dritte Taste im Bedienfeld, auf der Eco steht. Wird die gedrückt, wechselt die Cockpit-Darstellung auf grün. Als kleine Spielerei und als Animation für den Fahrer, spritsparend zu agieren, gibt es mehr Eco-Punkte, je effizienter der Fahrstil ist. Und diese grünen Punkte kullern auf dem Bildschirm effektvoll in ein Kleeblatt, das so nach und nach immer grüner leuchtet.

Im Eco-Modus entwickelt das Gaspedal ein interessantes Eigenleben

Doch wird nicht nur eine Grafik-Show abgezogen, sondern das Auto verändert abermals den Charakter. Der Motorsteuerung etwa stehen im Eco-Modus nur noch maximal 60 Prozent der Leistung zur Verfügung. Alle variablen Komponenten - Getriebe, Klimaanlage, Fahrwerk - verbrauchen möglichst wenig Energie; sogar das Navigationssystem wählt die Routen jetzt nach ökologischen Kriterien aus. Und auch das Gaspedal wird aktiv und stemmt sich dem notorischen Bleifuß mit vehementem Gegendruck entgegen.

Im Testwagen, von dem es bislang nur ein Exemplar gibt, funktioniert das alles schon tadellos. Continental-Entwickler Lenninger sagt, dass das System in circa drei Jahren in einem Mittelklasse-Auto auf der Straße sein könnte. Mit Autoherstellern werde bereits verhandelt, Details dazu seien natürlich noch streng geheim.

Das neue System nutzt die schon im Auto vorhandenen Steuergeräte

Erfreulich ist auch, dass durch das "Simplify your Drive"-Konzept der Fahrzeugpreis nicht zwangsläufig steigen muss. Einzig der frei konfigurierbare Bildschirm im Cockpit ist ein wirklich neues Bauteil, das den Fahrzeugpreis leicht nach oben hieven dürfte. "Ansonsten baut das System komplett auf den ohnehin schon im Auto vorhandenen Steuerapplikationen auf", erklärt Lenninger. Die müssten übrigens nicht von Continental kommen, um in das System eingebunden zu werden, betont er. Obwohl es natürlich auch zum Kalkül des Unternehmens gehört, durch ein derart umfassendes Generalsystem auch möglichst viel Geschäft mit den einzelnen Steuerkomponenten zu generieren.

Welche Modi letztlich in den Autos, die dereinst mit "Simplify your Drive" auf die Straße kommen, zur Verfügung stehen, ist noch offen. Das Trio Comfort-Sport-Eco hat Continental mit Unterstützung von vier hauseigenen Psychologen definiert und festgelegt. Lenninger: "Im Prinzip aber ist alles möglich."

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