Neuwagen-Logistik Jungfernfahrt auf der Wasserstraße
Noch bevor die Ford-Modelle Fiesta und Fusion beim Händler stehen, steht eine Bootsfahrt an. Denn die ersten Kilometer legen sie nicht auf der Autobahn, sondern auf dem Rhein zurück. Die Jungfernfahrt auf der Wasserstraße beginnt direkt am Ende des Montagebandes in Köln-Niehl und führt 380 Kilometer flussabwärts bis nach Vlissingen oder weiter bis Antwerpen und von dort aus zu Seehäfen in ganz Europa. Außerdem schwimmen die Autos seit ein paar Wochen auf zwei neuen Schiffen auch rheinaufwärts nach Wörth, von wo aus die süddeutschen Händler beliefert werden. Damit schlägt Ford drei Fliegen mit einer Klappe: Die Transferzeiten werden kürzer, die Kosten sinken, und die Umwelt wird entlastet.
Im Sekundentakt flitzen die Autos über ein verzweigtes System von Rampen auf die "Kiruna". 15 Fahrer pro Schicht übernehmen die Neuwagen am Band, rollen nur ein paar hundert Meter durchs Werk und rangieren sie millimetergenau auf eines der fünf Decks. Dort stehen nach wenigen Stunden Hunderte von Fiesta- und Fusion-Exemplare so dicht an dicht, dass man kaum mehr durch die Reihen gehen kann. 24 Stunden nachdem die "Kiruna" leer angelegt hat, ist das schwimmende Parkhaus rappelvoll. Allein auf dem 110 Meter langen, 11,40 Meter breiten, neun Meter hohen und 2000 Tonnen schweren Mutterschiff stehen jetzt 550 Autos. Auf drei unbemannten Leichtern, die reihum vertäut werden, können weitere rund 1000 Pkw rheinabwärts schippern.
Während der letzte Fahrer von Bord geht, steigt der Kapitän die lange Leiter zur Brücke hinauf. Sein Arbeitsplatz ist eine hydraulisch vor jeder Straßenbrücke absenkbare Loge 14 Meter über dem Wasserspiegel - eine Höhe, von der aus selbst der ruhige Vater Rhein Schwindel erregen kann. Die Tour vom Ford-Hafen durch halb Holland kennt der Kapitän im Schlaf: 24 Stunden flussabwärts bis Vlissingen und von dort weitere sieben Stunden bis Antwerpen. Statt eines großen Steuerrades bewegt er dabei nur einen kleinen Joystick und zwei Schubhebel für die beiden 1600 PS starken Dieselmotoren. Sie schaffen rheinabwärts Tempo 20 km/h und brauchen etwa 150 Liter Sprit pro Stunde. Natürlich sind 750 Liter auf 100 Kilometer mehr als bei jedem Lkw. Doch wenn man den Verbrauch von 70 Lastern addiert, geht die Öko-Bilanz auf.
Mit diesem Logistik-Konzept spart Ford Zeit und Geld. Weil keine großen Lagerkapazitäten und kein personalaufwendiger Fahrdienst mehr benötigt werden, sinken die Kosten für die Auslieferung um rund 25 Prozent. Und die Umwelt profitiert auch: "Allein für die 220 Schiffe, die nach Großbritannien fahren, müssten sonst 14.500 Lkw rollen", sagt Ford-Sprecher Bernd Meier. "Unter dem Strich sparen wir so pro Jahr 3,3 Millionen Straßenkilometer und 1,1 Millionen Liter Diesel."
Auf dem Wasser sind Neuwagen sicher
Das haben auch andere Hersteller erkannt: So macht zum Beispiel auch der Dacia Logan seine Jungfernfahrt auf dem Wasser, wenn er aus dem Werk im rumänischen Pitesti per Donaukurier ins Land kommt. "Rund 85 Prozent der Produktion werden per Schiff transportiert", berichtet Renault-Sprecher Martin Zimmermann. Das ist, so hört man in Branchenkreisen, nicht nur der schnellste und günstigste, sondern im "Wilden Osten" angeblich auch der sicherste Weg gen Westen.
Während Ford und Renault ihre Autos schwimmen lassen, setzt zum Beispiel Porsche auf die Schiene. "Wir sind aufgrund unserer kleinen Stückzahlen nicht gerade prädestiniert für eine solche Logistik", sagt Unternehmenssprecher Albrecht Bamler. Doch ist sein Vorstandsvorsitzender nicht nur leidenschaftlicher Modellbahner, sondern auch bekannt für unkonventionelle Lösungen in Produktion und Logistik. Deshalb ließ Wendelin Wiedeking seine Lademeister und die Experten der Bahn so lange tüfteln, bis ein wirtschaftliches Konzept für die Schiene gefunden wurde. Natürlich geht es dabei nicht um die Befriedigung persönlicher Leidenschaften, sondern um höhere Ziele. "Wir setzen auf die Schiene, weil uns die Straße am Herzen liegt", sagt Wiedeking und berichtet von rund 15.000 Lkw-Transporten und fast 20 Millionen Straßenkilometern, die so jedes Jahr vermieden werden.
Sonderzug mit Porsche-Teilen
Seit 2001 gibt es einen eigenen Verladebahnhof in Kornwestheim, von wo aus die Porsche-Exportmodelle auf der Schiene zu den Überseehäfen gebracht werden. Außerdem rollen von dort auch Motoren und Komponenten auf der Schiene zum Kooperationspartner Valmet nach Finnland. Im neuen Werk in Leipzig haben die Schwaben den Bahnhof sogar direkt integriert. Dort trifft täglich ein Sonderzug ein, der "just in time" die Rohkarosserien ans Band liefert. Und natürlich fahren die Cayenne für Übersee mit der Bahn zum Verladehafen.
Bahnchef Hartmut Mehdorn hat dem Sportwagenbauer aus Dank für dieses Engagement sogar eine eigene Lokomotive gewidmet. Sie ist nicht ganz so elegant wie der Sportwagenklassiker Porsche 911, dessen Silhouette sie auf der Außenhaut trägt. Doch sonst passt E 182 004-2 ganz gut zum Autobauer. Sie ist nämlich mit fast 9000 PS gewiss nicht untermotorisiert und beschleunigt in 20 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 200.