Nissan GT-R: Godzilla mit Doppelturbo - DER SPIEGEL
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Nissan GT-R Godzilla mit Doppelturbo

Aus Japan nähert sich ein Sportwagen-Monster: Seit Jahrzehnten ist der Nissan GT-R in Fernost ein Kultrenner - nun tritt das 480-PS-Geschoss weltweit an. In Deutschland kostet der Extremsportler nur halb so viel wie ein 911 Turbo. Sayonara Porsche?
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Ob man in Zuffenhausen ein bisschen nervös ist? Porsches Flaggschiff 911 Turbo verfügt über einen 3,6-Liter-Sechszylinder-Boxermotor mit 480 PS und kostet 140.152 Euro. Der Nissan GT-R, der im März nächsten Jahres in Deutschland an den Start rollt, hat einen 3,8-Liter-V6-Biturbo-Motor mit ebenfalls 480 PS Leistung. Der Preis: 74.990 Euro. Nissan GT-R, das klingt in deutschen Ohren weder besonders bekannt noch irgendwie glamourös. In Japan allerdings hat das Auto einen ähnlichen Stellenwert wie hierzulande der Porsche 911. Dort wird er auch schon seit Oktober verkauft, für 7,77 Millionen Yen, das sind umgerechnet etwa 49.500 Euro. In den USA rollen die ersten Modelle in diesen Wochen auf die Straßen, Europa ist dann im kommenden Frühling dran.

Britische Autozeitschriften haben sich bereits über den Graumarkt Rechtslenker-Modelle aus Japan besorgt. Das Magazin "Car" zum Beispiel ließ einen frisch angelandeten Nissan GT-R im Duell mit einem Porsche 911 Turbo auf der Rennstrecke von Rockingham antreten. Ergebnis der Raserei: Der japanische Supersportler nahm den Racer aus Zuffenhausen auf einer Runde rund eine Sekunde ab.

Dabei nimmt Nissan für sein neues Aushängeschild in Sachen Sportwagenbau in Anspruch, erstmals ein wirklich alltagstaugliches Vollgasgerät gebaut zu haben. Chefingenieur Kazutoshi Mizuno sagt: "Man kann mit dem Auto zum Einkaufen fahren oder entspannt reisen, es erzielte aber auch auf der Nürburgring-Nordschleife die fantastische Zeit von 7:38 Minuten."

Supersportwagen mit Kofferraum und vielen Tasten

Das mit der Alltagstauglichkeit begründen die Entwickler nicht nur mit den vier Sitzplätzen, die der Wagen bietet, und dem 315 Liter großen Kofferraum (zum Vergleich: VW Golf 350 Liter), sondern auch so: Unter den zahlreichen Tasten im Cockpit (allein auf dem Lenkrad befinden sich elf Schalter) ist auch eine, mit der die Charakteristik des GT-R in drei Stufen variiert werden kann. Dämpfer, Getriebe und Stabilitätskontrolle sind dann je nach Bedarf auf entspanntes Bummeln, zügiges Fahren oder extremen Vortrieb programmiert.

Technisch interessant sind noch weitere Details des Wagens. Die Karosserie zum Beispiel besteht aus Stahl, Aluminium und Kohlefaser. Dann wird erstmal eine Doppelkupplungsgetriebe (mit sechs Gängen) in Transaxle-Anordnung eingesetzt, also der Motor vorn, Getriebe und Endantrieb an der Hinterachse. Das Cockpitdisplay, das von den Designern des Playstation-Spiels Gran Turismo gestaltet wurde, zeigt unter anderem auch die Kräfte an, die beim Beschleunigen, Bremsen und Kurvenfahren auf den Fahrer einwirken.

"Der Luftstrom formte dieses Auto"

Neben solchen futuristisch anmutenden Spielereien weist Chefdesigner Hiroshi Hasegawa auf weitere optische Besonderheiten hin: "Dies ist der erste GT-R, der als völlig eigenständiges Auto kreiert wurde. Dennoch haben wir einige klassische Elemente wie etwa die vier runden Rücklichter oder die kantige Kastenform früherer Modelle zitiert. Vor allem aber formte der Luftstrom im Windkanal die äußere Form." Den cW-Wert gibt Nissan mit 0,27 an, eine für Sportwagen exzellente Ziffer, denn es geht bei Autos, die mehr als 300 km/h schnell sind, ja vor allem um Abtrieb und Fahrstabilität.

Kraft und Schnelligkeit setzt die GT-R-Fangemeinde bei diesem Modell ohnehin voraus. Die Wurzel des Mythos' reicht zurück ins Jahr 1964, als ein Prince Skyline 2000 GT auf der Rennstrecke in Suzuka mit einem 165 PS starken Reihensechszylinder nach großem Duell mit einem Porsche 904 auf Rang zwei ins Ziel schoss. Kurz darauf kam in Japan die Straßenversion des Vollgashelden heraus, etwas später fusionierte die Marke Prince mit Nissan, und 1968 erschien der erste Skyline unter Nissan-Regie – einschließlich der aufgepeppten Sportversion 2000 GT mit 105-PS-Vierzylinder.

Das lückenhafte Leben der stilbildenden Baureihe

Im Herbst 1969 erhielt das getunte Skyline-Modell erstmals das Kürzel GT-R und es begann die große Zeit des Wagens. In weniger als drei Jahren rasten beherzte Piloten mit GT-R-Typen zu 50 Rennsiegen. Umso überraschender kam das vorläufige Aus der Baureihe im März 1973 aufgrund der Ölkrise. Nur zwei Monate zuvor hatte Nissan ein neues GT-R-Coupé vorgestellt, es war das erste mit den bis heute charakteristischen vier Rückleuchten, doch die Produktion wurde nach nur 193 gebauten Exemplaren gestoppt.

Erst 16 Jahre später ließ Nissan den GT-R wieder aufleben. 1989 wurde das Auto vorgestellt, mit Sechszylindermotor, 280 PS, Allradantrieb, Allradlenkung und einem Beschleunigungsvermögen von 0 auf 100 km/h in 4,7 Sekunden. Auf der Nürburgring-Nordschleife erzielte das Auto mit einer Rundenzeit von 8:20 Minuten prompt eine neue Bestzeit. 1999 erschien dann der vorläufig letzte GT-R – als Gruß an Ferrari mit rot lackierten Ventildeckeln. Gebaut wurde das Auto nur bis 2002, dann stoppten strengere Abgasgrenzwerte in Japan die Karriere des Kraftmeiers. Seither wurde die Skyline-Baureihe nicht mehr von Extremsportlern gekrönt.

Werbung ist nicht mehr nötig

Doch das Kürzel GT-R ließ Nissan nicht einfach fallen. Bereits 2003 verkündete Nissan-Chef Carlos Ghosn ein Comeback, und wie man heute weiß, hat das auch geklappt. Jetzt ist der GT-R erstmals ein eigenständiger Sportwagen ohne die Gene der Skyline-Baureihe. Und er ist der erste GT-R, der weltweit angeboten wird. In Japan lebt er von seinem Nimbus als Vollgasklassiker, in den USA und Europa muss er sich erst einen Platz in der gut bestückten Supersportliga ergattern.

Trotzdem dürfte sich der Wagen, der weitgehend in Handarbeit gefertigt wird, schnell etablieren. Etwa 600 Autos - 100 sind nach Nissan-Angaben bereits verkauft - sollen im kommenden Jahr nach Deutschland kommen; sie werden über 14 spezielle Nissan-Performance-Center vertrieben. Und es sollen auch schon grau importierte Rechtslenker-Modelle auf deutschen Webseiten angeboten worden sein - zu Preisen weit über 100.000 Euro. Womöglich kommt da ein neuer Hype ins Rollen. Nissan-Präsident Carlos Ghosn hat das offenbar geahnt, als er tönte: "Wenn wir für dieses Auto Werbung machen müssten, hätten wir was falsch gemacht."