Nissan-Studien Pokémon und Powerplay
Geplagte Ehemänner und gestresste Väter können künftig aufatmen: Wenn es nach Nissan-Designchef Shiro Nakamura geht, ist die Zeit der beim Einkaufsbummel verbeulten Zweitwagen bald vorbei. Vor allem für überfüllte Shoppingmeilen wie die Ginza in Tokio, die Champs d'Elysées in Paris oder den Ku'damm in Berlin hat sein Team pünktlich zur Motor Show in der japanischen Hauptstadt den Pivo auf die Räder gestellt, der in ein paar Jahren Schluss machen könnte mit den Schwierigkeiten beim Rückwärtseinparken.
Denn statt mühsam mit Hilfe der Spiegel zu rangieren, lässt sich die gesamte Kabine des 2,70 Meter kurzen Cityflitzers auf Knopfdruck um 180 Grad drehen, so dass der Fahrer auch dann in die richtige Richtung schaut, wenn vorne eigentlich hinten ist. "Damit haben wir das ideale Konzept für junge Frauen im urbanen Umfeld gefunden, die partout nicht einparken können", sagt Nakamura ohne Scheu vor irgendwelchen Vorurteilen und denkt dabei ganz offensichtlich an die vielen wohlhabenden Girlies, die allabendlich die Boulevards zwischen Benetton und Banana Republic bevölkern.
Zentrales Element des Pivo, dessen Design von der Comic-Welt von Pokémon inspiriert wurde, ist eine große, durchsichtige Kugel mit elektrisch betätigten Schiebetüren und drei versetzt nebeneinander angeordneten Sesseln. Diese Kugel sitzt wie eine gewaltige Seifenblase auf einem Fahrschemel mit vier Rädern, die individuell von zwei Elektromotoren mit jeweils zwei Ausgangswellen angetrieben werden und den Pivo besonders wendig machen. Technisch umgesetzt wird das riesige Kugellager mit einer elektronischen Steuerung von Lenkung, Gas und Bremse, mit der eine mechanische Verbindung zwischen Aufbau und Plattform überflüssig wird.
Fiora, japanisches Lancia-Coupé
Doch der perfekte Panoramablick alleine genügt den Designern beim Schutz vor Schrammen offensichtlich noch nicht. Deshalb bekommt der Pivo zudem durchsichtige Karosserieelemente und eine elektronische Umfeldüberwachung, für die Kameras an Bug und Heck den Verkehr beobachten und ein 360-Grad-Bild mit Warnhinweisen auf den Infomonitor projizieren. Zwar bleibt der Einkaufswagen für die Pokémon-Generation insgesamt nur ein dreidimensionales Gedankenspiel, doch zumindest dieses Detail wird bereits in ein oder zwei Jahren in Serie gehen.
Während die Designer beim Pivo in die Zukunft geschaut haben, war der Blick beim Fiora vor allem nach hinten gerichtet - und fiel ganz offensichtlich auf ein paar alte Sportwagen aus Italien. Nicht umsonst erinnert die babyblaue Studie mit der langen Haube, der glatten Flanke und ihren hellen Kiemen, dem auf silbernen A-Säulen schwebenden Dach sowie dem elegant gerundeten Heck mit den kleinen waagrechten Rückleuchten an schmucke Lancia-Coupés aus besseren Zeiten.
Allerdings haben die Japaner die Idee vom kleinen Grand Turismo modern interpretiert und dem 2+2-Sitzer deshalb sogenannte Suicide-Doors spendiert. Ähnlich wie beim Mazda RX-8 lassen sich bei offenem Auto hinter den zwei großen Fronttüren noch einmal zwei kleine Klappen entgegen der Fahrtrichtung öffnen, die den Zustieg in den Fond erleichtern. Unter dem Blech verspricht die Kombination aus Frontmotor, Heckantrieb und Allradlenkung ein ausgesprochen agiles Fahrverhalten, das allerdings außer Designchef Nakamura kaum jemand je genießen dürfte. Denn an eine Serienproduktion ist laut Nissan vorerst nicht gedacht.
Amenio, Wohnzimmer auf Rädern
Das gilt auch für die Großraumlimousine Amenio, die den Japanern den Stillstand im Stau künftig zum Vergnügen machen könnte. Dafür haben die Designer ein modernes Wohnzimmer auf Räder gestellt und den Schiebetür-Van mit vornehmem Rosenholz und sechs Sesseln möbliert, die auf den ersten Blick an teure italienische Klassiker erinnern. Die Beinfreiheit lässt sich dabei elektrisch einstellen, und auf Wunsch klappen wie im Flugzeug Fußstützen aus den Polstern. An den letzten Urlaubsflug erinnert auch das Unterhaltungsprogramm auf dem Navigationsmonitor: Im Earth-Modus zeigen virtuelle Satellitenaufnahmen den Verkehr auf der Straße. Und im Space-Modus erscheinen die Sternbilder, auf die der Amenio gerade zusteuert.
Sehr viel näher an der Serie und doch ein absolutes Einzelstück ist der Minivan Note, der kurz vor seinem Europa-Debüt in einer Kooperation mit Adidas zum Turnschuh auf Rädern umgestaltet worden ist. Außen wirken deshalb vergrößerte Stoßfänger und graue Seitenschweller wie die wulstige Sohle eines Sneakers. Und innen ziehen sich die unvermeidbaren drei Streifen über Polster und Konsolen.
Die spektakulärste Studie am Nissan-Stand allerdings ist streng genommen gar kein Showcar mehr, sondern bereits ein sehr konkreter Prototyp. Denn die rassige Flunder, die der wie ein Popstar gefeierte Konzernchef Carlos Ghosn am Mittwoch enthüllt hat, wird in zwei Jahren als neuer Nissan GT-R in Serie gehen und dann mit mehr als 400 geschätzten PS gegen Supersportwagen wie den Honda NSX antreten. War das Powerplay auf der Überholspur beim Vorgänger von 1999 vor allem auf Japan beschränkt, sollten künftig auch Porsche- und Corvette-Fahrer etwas häufiger in den Rückspiegel schauen. Denn der GT-R soll diesmal als Linkslenker auch den Weg nach USA und Europa finden.