Oldtimer-Diebstähle: Detektei spürt Jaguar E-Type auf - DER SPIEGEL
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Oldtimer-Detektive: Rollendes Diebesgut

Foto: oldtimerslost.com

Oldtimer-Detektive Wer zahlt, der findet

Das Geschäft mit Oldtimern boomt - auch bei Kriminellen. Immer öfter werden Blechschätze gestohlen, gegen die Tricks der Diebe ist die Polizei oft machtlos. Hilfe versprechen Detektive mit ungewöhnlichen Suchmethoden.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

John Vullers reichen die Akten bis zum Hals. Wenn der Papierberg auf seinem Schreibtisch in dem Tempo weiter wächst, ist der 1,80 Meter große Mann bald dahinter verschwunden. Vullers arbeitet als Detektiv, in jeder Aktenmappe steckt ein Fall. Oldtimerdiebstähle, darum kümmert er sich.

"Die Zahl der verschwundenen Liebhaberfahrzeuge ist bis Mitte September 2015 um gut 70 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen", sagt Carsten Möller, Geschäftsführer bei OCC, Marktführer für Oldtimer-Versicherungen. Eine absolute Zahl betroffener Kunden will er lieber nicht nennen.

Die alarmierende Zahl der Diebstähle ist die Kehrseite des Oldtimer-Booms. In den vergangenen Jahrzehnten entwickelten sich alte Autos zu echten Wertanlagen, die Preise für bestimmte Modelle gingen regelrecht durch die Decke. Der vom Verband der Automobilindustrie ermittelte Deutsche Oldtimer Index, der den durchschnittlichen Wert von historischen Kraftfahrzeugen zugrunde legt, hat sich seit 1999 mehr als verdoppelt.

Das Dreiländereck bietet ideale Bedingungen für Diebe

Das weckt Begehrlichkeiten. Teure Altautos sind ins Visier der Diebe geraten. Und die Aufklärungsrate der Polizei ist gering. Den Beamten fehlt es an Personal und belastbaren Hinweisen. So wurden im vergangenen Jahr nur 27,5 Prozent aller Kraftwagendiebstähle aufgeklärt, bei schweren Delikten wie Mord oder Totschlag (96,5 Prozent) oder Raub (51,6) liegt die Erfolgsquote deutlich höher, geht aus der Polizeilichen Kriminalstatistik von 2014 hervor.

John Vullers weiß von den Engpässen - von seinen Kunden, aber auch aus eigener Erfahrung. Bevor der 53-Jährige 2014 als Detektiv anfing, hatte er bereits eine mehr als 32-jährige Polizeikarriere hinter sich, zuletzt ermittelte er in führender Position. "Ich war enttäuscht von dem System, der ganzen Bürokratie. Mir fehlte bei der Polizei das Gefühl, etwas zu bewegen", sagt er.

Sein Büro  liegt in einem kleinen Ort in den Niederlanden, unmittelbar hinter der deutschen Grenze. Von Wessem bis nach Aachen sind es gerade einmal 60 Kilometer. Auch bis Belgien ist es nicht weit. Für Diebe bietet das Dreiländereck ideale Bedingungen. Autobahn-Auffahrt hoch, Auffahrt runter - schon ist das Diebesgut im nächsten Land.

Bis zur Aufklärung der Tat können Jahre vergehen

Wer Vullers' Dienste in Anspruch nimmt, hat das Vertrauen in die Polizei verloren. Und er verfügt über Geld: Schon bevor der Ex-Kriminalbeamte seine Recherche startet, muss der Kunde in Vorleistung gehen. Wie hoch die Anzahlung ist, hängt von mehreren Faktoren ab. Zum Beispiel, "ob ich in ganz Deutschland nach dem Auto suchen muss oder nur im Grenzbereich", sagt er. Bringt der Kunde bereits hilfreiche Hinweise zum Diebstahl seines Schätzchens mit, verlangt Vullers ein geringeres Honorar.

Günstige Allerwelts-Oldtimer sucht Vullers erst gar nicht. "Ich bekomme etwa zehn Prozent vom Wert des Fahrzeugs, wenn es wieder beim Besitzer steht", erklärt er sein Geschäftsmodell. Bei einem Mercedes 300 SL Flügeltürer, der mittlerweile gut eine Million Euro wert ist, sind das 100.000 Euro. Doch bis er ein Auto wiederfindet, können Jahre vergehen.

Das Problem: Die meisten der gestohlenen Fahrzeuge werden nach der Tat nicht etwa weiterverkauft, sondern verschwinden nach dem Diebstahl erst mal von der Bildfläche. Weil es sie in der Regel selten gibt und sie in den einschlägigen Foren oder auf Treffen von Kennern leicht zu identifizieren wären, haben die Diebe eine ausgeklügelte Strategie entwickelt. Sie stellen die Autos "kalt", wie es in der Szene heißt.

Ein Jaguar E-Type verschwindet aus einem Wohngebiet

Die Diebe lagern die gestohlenen Oldtimer so lange ein, bis der eigentliche Besitzer nicht mehr sicher ermittelt werden kann. Nach zehn Jahren, wenn der Diebstahl längst verjährt ist, werden alle mit dem Fahrzeug verknüpften Daten, wie Fahrgestellnummer, letzter Halter etc., bei den Behörden gelöscht. Dann müssen die Ganoven das Fahrzeug nicht mal mehr aufwendig verändern, um es weiterzuverkaufen. Das ist wichtig, denn der eigentliche Wert vieler Oldtimer ist die Originalität.

Aber wie kann man dann, wenn die Autos scheinbar spurlos verschwinden, überhaupt auf ihre Fährte kommen? Vullers und seine Detektei haben eine Antwort auf die Strategie der Diebe gefunden. Vullers nennt sie "die Wurst", und im Fall von Heinrich Karl* ist sie aufgegangen.

Karl kam im Oktober 2004 zur Detektei, in der John Vullers heute arbeitet. Tags zuvor hatten Diebe seinen Jaguar E-Type, Baujahr 1973, auf der Straße geklaut - mitten in einem Wohngebiet im Nordwesten von Aachen. Der Wagen war umfangreich restauriert worden. "Der Restaurateur hat mir die Detektei empfohlen."

Der Detektiv lockt mit einer hohen Belohnung

Als Erstes musste Karl in die Wurst investieren. Die Wurst, das ist eine Belohnung, die die Detektei für hilfreiche Tipps ausschreibt. Bezahlen muss sie der Kunde, und sie kann schon mal 10.000 bis 20.000 Euro kosten. Vullers und seine Kollegen bauen bei ihrer Suche vor allem auf Kontakte ins kriminelle Milieu. Sie wissen, dass bei diesen Summen die Chancen gut stehen, dass jemand redet. Ohne die Hilfe von Dieben ist es fast unmöglich, diese Diebstähle aufzuklären. Klingt absurd, ist aber so.

Vullers geht bei seiner Arbeit vor wie ein investigativer Journalist. Er hangelt sich von einer Information zur nächsten. Seine Whistleblower können sich darauf verlassen, anonym zu bleiben. "Der Kreis von Informanten ist international. Einige von ihnen sind immer noch kriminell, andere sind mittlerweile ausgestiegen, verfügen aber immer noch über Kontakte ins organisierte Verbrechen", erklärt Vullers. Aus seiner Zeit als Ex-Polizist kennt er einige von ihnen, die wiederum andere kennen.

Aber warum sollte ein Gauner den anderen verraten? Vullers hofft auf Streitigkeiten. Will ein Krimineller dem anderen eins auswischen, gibt er gegen Geld womöglich den entscheidenden Hinweis. "Ich locke sie mit der Wurst und hoffe, es beißt jemand an", sagt Vullers.

Es beginnt ein bürokratischer Spießrutenlauf

Bei Karls Auto dauerte es fast elf Jahre, bis die entscheidende Information zu Vullers kam. Ein bisschen Glück war auch dabei. Kurz nachdem Vullers zu der Detektei gestoßen war, hatte er auf der Webseite der Detektei alle gestohlenen Autos veröffentlicht. Dort stellte Vullers auch den Jaguar von Karl ein, zusätzlich postete er alle gestohlenen Fahrzeuge bei Facebook. Das war der Durchbruch.

"Ich habe mich mit dem Informanten getroffen", erzählt Vullers, "er behauptete, der Jaguar stünde in einer Halle in Tüddern, Kreis Heinsberg." Vullers fuhr hin, sah sich vor Ort um. Den Hinweis seines Informanten hielt er nach der Ortsbegehung für glaubwürdig. Warum, will er nicht erzählen. Betriebsgeheimnis.

Fall gelöst? Mitnichten.

Der Tag, an dem sein Auto wiedergefunden wurde, war für Karl kein Freudentag. Denn Vullers stand vor verschlossener Tür, als Detektiv fehlte ihm die rechtliche Handhabe, der Durchsuchungsbefehl. Dafür brauchte er die Unterstützung der Polizei.

Für Vullers und Karl begann nun ein bürokratischer Spießrutenlauf. Weil die Tat längst verjährt war, wollte die Polizei anfangs nicht ermitteln. Erst als Karl einen Anwalt einschaltete und so Druck aufbaute, kam es zu einer Durchsuchung. Als die Polizeibeamten die Halle endlich inspizierten, stand dort nicht ein geklauter E-Type, sondern gleich drei. Doch der Verantwortliche war nicht zu ermitteln: Vier Personen waren als Besitzer der Halle eingetragen, ein weiterer Kniff der Kriminellen, weil man so den Verantwortlichen nie zweifelsfrei identifizieren kann. "Man kommt diesen Leuten nicht bei", sagt Karl. Keiner der Besitzer will von einem Diebstahl etwas gewusst haben.

Diebe verkaufen Oldtimer in Einzelteilen

Doch selbst als das Fahrzeug gefunden war, konnte Karl es noch lange nicht wieder an sich nehmen. Weil inzwischen sämtliche Daten des Jaguars gelöscht waren, musste Karl erst den Nachweis erbringen, dass es sich bei dem Fund tatsächlich um sein Fahrzeug handelte - vor Gericht. "Ein Fahrzeugbrief allein hilft da übrigens nicht unbedingt weiter, denn den kann man schließlich relativ einfach fälschen", erklärt Karl. Er konnte den Richter schließlich dadurch überzeugen, dass er eine lückenlose Dokumentation über alle Vorbesitzer vorlegen konnte.

Der Fall Karl steht exemplarisch für die vielen Hürden, die zwischen rechtmäßigem Besitzer und Beute stehen, selbst wenn das Fahrzeug gefunden wird. Dass Oldtimer gefunden werden, dürfte indes auch immer seltener vorkommen. Denn der teilweise raketenartige Preisanstieg bei manchen Modellen hat in den letzten Jahren einen neuen Trend bei den Dieben ausgelöst: Sie zerlegen die Fahrzeuge und verkaufen sie in Einzelteilen.

Ersatzteile erzielen auf dem Oldtimermarkt mitunter hohe Preise. So kostet zum Beispiel ein Zylinderkopf für einen 190er SL knapp 3000 Euro bei Mercedes, bei Ebay bringt er immerhin noch mehr als tausend Euro ein. Wer ein Auto systematisch ausschlachtet, kann oft mehr Geld erzielen als mit einem kompletten Oldie.

Diese Autos werden vermutlich dann für immer verschwinden. Denn die Spur einzelner Teile zu verfolgen ist nicht nur so gut wie unmöglich, es ist auch unrentabel, zumindest für Vullers. Und so kann es gut sein, dass er schon bald hinter seinem Aktenberg endgültig verschwindet.

* Der Name wurde von der Redaktion auf Wunsch des Betroffenen geändert.