Oldtimer-Rallye Sachsen Classic: Heimvorteil für die Rennpappe
Oldtimer-Rallye Sachsen Classic Rasende Ostalgie
Morgens um sieben ist in Zwickau die Welt noch in Ordnung. Doch ein paar Stunden später erkennen die Einwohner ihren Marktplatz kaum mehr wieder. Denn dort, wo eben noch ein beschaulicher Kleinstadt-Werktag beginnen wollte, hallt von den Hauswänden plötzlich das Dröhnen von 180 Oldtimern wider und in der Luft liegt ein Duft aus heißem Öl, unverbranntem Sprit und neuen Reifen, die auf ihre ersten Kilometer warten. "Das ist fast wie in Brescia, wenn die Mille Miglia startet", freut sich der Mann am Mikrofon, als er das erste Auto von der Rampe winkt und so die elfte Auflage der Oldtimer-Rallye "Sachsen Classic" startet.
Während bei der Mille Miglia, den legendären 1000 Meilen durch Italien, vor allem historische Sport- und Tourenwagen an den Start gehen, interessiert sich auf den rund 600 Kilometern durch den Osten kaum jemand für die Flügeltürer aus Stuttgart, die alten Porsche 911, die wenigen Ferrari, Bentley oder Rolls-Royce. Bei der vielleicht bürgerlichsten Rallye in Europa sind die kleinen Autos die großen Stars, VW Käfer, Audi 80, BMW 316, Karmann Ghia oder der VW Bus im Starterfeld reichlich vertreten.
Auch der "Dienstwagen" von SPIEGEL ONLINE gehört in diese Kategorie. Denn wir haben die Rallye in einem Skoda Felicia Cabrio aus den frühen Sechzigern begleitet. Während die Tschechen heute durch und durch vernünftige Autos bauen, war die flotte Felicia einst ein richtig heißer Feger. Und trotzdem eines der billigsten Cabrios ihrer Zeit - kein Wunder, dass von 1957 bis 1964 fast 16.000 Exemplare verkauft wurden, zu einem Grundpreis von Anfangs 6650 D-Mark.
Anders als viele gleich alte Cabrios aus dem Westen und erst recht die hochgezüchteten Roadster aus dem üblichen Rallye-Tross, ist die Felicia weder Diva noch Grazie. Sondern ein patentes Mädel, das sich für keine Bodenwelle zu schade ist, in keiner Kurve zickt und auch am steilsten Hügel nicht den Geist aufgibt. Natürlich muss man kräftig am riesigen Lenkrad kurbeln, wenn man auf den engen Sträßchen von Vogtland und Erzgebirge auf Kurs bleiben will.
Kein Cabrio zum Angeben, sondern ein echter Kumpeltyp
Das Getriebe mit der spiegelverkehrten H-Schaltung (erster oben rechts, vierter unten links) knirscht am Anfang ziemlich widerwillig, und bei maximal 55 PS braucht man schon viel Anlauf, einen guten Überblick oder einfach nur genügend Mut, damit man auch mal Überholen kann. Doch je länger man auf den kleinen Polstersesseln hockt und über die dralle grüne Haube schaut, desto mehr wächst einem das Auto ans Herz: Mit Felicia kann man Pferde(stärken) stehlen - und wenn es nur die des Vordermanns sind, der mal ein paar Sekunden nicht aufgepasst hat und sich jetzt doch seinen Platz abnehmen lässt.
Aber das sind nur kleine Kabbeleien, die eigentlich nicht zum Programm gehören. Denn wie die allermeisten Oldtimer-Rallyes ist auch die Sachsen Classic eine sogenannte Gleichmäßigkeitsfahrt, bei der es nicht aufs Tempo ankommt. Das heißt aber nicht, dass die Zeit hier keine Rolle spielt. Im Gegenteil: Nicht umsonst haben die allermeisten Teams mindestens zwei Stoppuhren und allerlei Wegstreckenzähler im Auto. Vom Navigationssystem und dem Bordcomputer auf dem iPad ganz zu schweigen.
Schließlich haben die Veranstalter die Strecke mit rund zwei Dutzend Wertungsprüfungen gespickt. Zwar müssen da bisweilen auch die Autos einiges leisten, zum Beispiel wenn es an der "Steilen Wand" in Meerane eine Kopfsteingasse mit zwölf Prozent Steigung hinauf geht und der 1,1-Liter-Vierzylinder der Felicia gefährlich heiß wird. Doch kommt es dort in der Regel eher auf den Menschen als die Maschine an: Wer 230 Meter in exakt 18 Sekunden zurücklegen soll oder auf der 3,7 Kilometer langen Berg- und Talbahn des Sachsenrings drei Runden in haargenau derselben Zeit abspulen möchte, der muss die Uhr schon penibel im Blick und den Gasfuß gut unter Kontrolle haben. Da ist es kein Wunder, dass viele Teams die Fahrt wochenlang trainieren, sich mit Geheimcodes verständigen wie Börsenmakler und mancher Beifahrer selbst in der verzwicktesten Situation mit meditativer Ruhe die Sekunden herunter zählt: "Fünf, vier, drei, zwei, eins, durch".
Wo Amateure wie der Autor schon stolz sind auf Abweichungen unter einer halben Sekunde, schaffen die Profis ihre Prüfungen regelmäßig auf wenige Hundertstel genau. "Und wer nicht mindestens einmal 'zu null' rauskommt, der macht hier was falsch", prahlt ein Routinier
Gefeiert werden die Autos aus dem Osten
Nicht nur bei diesen Sonderprüfungen, für die oft Fußgängerzonen geöffnet oder Marktplätze gesperrt werden, herrscht Hochbetrieb. Sondern auch in den entlegenen Weilern und auf den einsamen Landstraßen bleiben die anderen Verkehrsteilnehmer stehen und lassen das rollende Museum an sich vorbei ziehen. So fährt die Karawane durch ein Spalier begeisterter Passanten, die winken, hupen und eifrig fotografieren.
Klar erfreuen die Zaungäste sich auch an einem Porsche, einem Rolls-Royce oder einem Bentley. Aber gefeiert werden hier die Autos aus dem Osten - und von denen gibt es im Tross genügend. Horch, Wartburg, Trabant - selbst der offene 327, den alle auf den ersten Blick für einen BMW halten, kommen "von drüben". Denn das Wappen über dem Kühler ist nicht weiß-blau, sondern weiß-grün und steht für die Eisenacher Motoren Werke (EMW), die nach dem Krieg die alten BMW-Modelle weitergebaut haben. "Gugge moal, en Trobbie", rufen sie unserem Vordermann entgegen, und wo immer die Felicia auftaucht, heißt es lautstark: "Schau, schau, öhn Schkodah!"
Die Freundlichkeit der Passanten bei der besucherstärksten Oldtimer-Rallye in Deutschland ist einnehmend, die Landschaft einladend und der sportliche Ehrgeiz in den Wertungsprüfungen ansteckend. Und auch die Ostalgie greift rasend schnell um sich - und schlägt sogar das bayerische Ärzte-Pärchen in seinen Bann, das zum ersten Mal eine Rallye fährt und ausgerechnet im kommunalfarben-orangen Trabant Cabrio eines befreundeten Unternehmers gelandet ist.
Daheim in München würden sich die beiden mit dem auf rund 60 PS getunten und überraschend flotten Viersitzer wahrscheinlich lieber nicht sehen lassen. "Aber für die Sachsen Classic ist der Wagen perfekt", sagt die Kardiologin auf dem Beifahrersitz. "Mit welchem Auto könnte man besser um Zwickau und Chemnitz kurven, als mit einem Trabant?"