Opel Ascona A König der Mittelklasse (a. D.)
Von Ascona-Zeiten kann man in Rüsselsheim heute nur noch träumen. Während sich der Vectra im Winter seiner Modellkarriere in der Mittelklasse nur noch mühsam gegen Importautos aus Japan und Frankreich behaupten kann, waren die stattlichen Autos von Opel früher einmal eine große Nummer. Nicht nur Kapitän, Admiral und Diplomat in der Oberklasse waren für die Hessen eine sichere Bank. Auch der breiten Masse hatten sie etwas zu bieten den Ascona zum Beispiel.
Benannt nach der Schweizer Stadt am Lago Maggiore, die damals mindestens noch so viel Fernweh und Sehnsucht weckte wie heute Antigua oder Atlanta, waren Limousine und Caravan aus Rüsselsheim so etwas wie die automobile Entsprechung zum Bausparvertrag und dem Reiheneckhaus in der Vorstadt: Nicht vornehm, luxuriös oder protzig, sondern grundsolide, bodenständig und - bei Preisen ab 6996,24 Mark - meist sogar bar bezahlbar. Bevor Opel das Kapitel Vectra beendet und damit einen weiteren großen Autonamen aufgibt, war SPIEGEL OLINE jetzt noch einmal mit dem Ur-Großvater des Insignia unterwegs.
Die Geschichte beginnt im November 1970 mit der Premiere des Ascona A. Angeboten wurde diese erste Generation als Limousine oder Komibmodell Caravan mit jeweils zwei oder vier Türen und mit vier Motoren vom 1,2-Liter mit 60 bis zum 1,9-Liter mit damals fast schon atemberaubenden 90 PS. Doch brauchte es gar nicht die größte Maschine für den großen Spaß. Schon der 1600 S, der seit gut zehn Jahren im historischen Fuhrpark der Rüsselsheimer Dienst tut und seitdem außer der Polierscheibe kaum Werkzeug gesehen hat, war mit seinen 1,6 Liter großen Vierzylinder, 80 PS und 120 Nm allemal stark genug für die Eltern der Generation Golf.
80 PS reichten völlig, das Auto wog keine 1000 Kilo
Auch heute, wo selbst der Kleinwagen Corsa deutlich mehr Leistung bietet, wirkt der rüstige Rentner nicht untermotorisiert. Natürlich muss man häufiger zum wunderbar patinierten Schaltknüppel aus massivem Holz greifen und den richtigen der nur vier Gänge auswählen. Doch weil der Wagen keine 1000 Kilo wiegt, hat der Motor leichtes Spiel und bringt die signalrot lackierte Limousine mit dem schmucken Vinyldach flott in Fahrt. Zugegeben, mit 155 km/h Höchstgeschwindigkeit wäre heutzutage keiner mehr zufrieden, und die "200" Beschriftung auf der Tachoskala ist der blanke Hohn.
Aber ein Verbrauch von 9,5 Litern zum Beispiel ist in der Mittelklasse noch immer ein respektabler Wert. Und die Straßenlage ist auch nicht schlechter als bei manchem sehr viel jüngeren Fernost-Import. Und das, obwohl man im Ascona am spindeldürren Lenkrad allein mit Muskelkraft steuert, an der angetriebenen Hinterachse noch Trommelbremsen montiert sind und 165er Reifen auf 13 Zoll großen, hübsch lackierten Stahlfelgen nun auch nicht grade den besten Abrollkomfort haben dürften.
Kulturschock aus Plastik, Kunstleder und Holzimitat
Das Interieur allerdings ist der gelebte Kulturschock aus einer Zeit orientierungsloser Raumgestalter, in der Nierentische zwar nur noch bei der Großmutter standen, aber auch Ikea erst noch erfunden werden musste. Das schmucklose Cockpit trägt dieselbe Vinyleiche wie die Schrankwand im Wohnzimmer, die schwarz bezogenen Sitze bieten ähnlichen Seitenhalt wie mit Wäscheleinen bespannte Gartenstühle und das Kunstleder in den Türpaneelen klebt und schmatzt auf warmer Haut.
Plastik statt Chrom lautete damals offenkundig der Trend. Immerhin: die Fensterkurbel und die Kappen der Spiegel schimmern noch im alten Glanz. Und natürlich die Zierleisten um die Fenster sowie die Stoßstangen, die ihrem Namen noch zu Recht tragen. Aber selbst der Chromgrill musste 1973 schwarzem Kunststoff weichen. Dafür allerdings wurden an den Vordersitzen Drei-Punkt-Sicherheitsgurte eingebaut. Hinten dagegen gab es nicht mal Kopfstützen, aber dafür praktische Halteschlaufen. Außerdem bot der Ascona, gemessen an seinen Kindern und Kindeskindern, schier unglaublich viel Platz.
Der Ascona bot viel Platz trotz kompakter Außenmaße
Obwohl der Youngtimer mit 4,12 Metern kaum länger ist als heute ein Corsa, und vom aktuellen Vectra um einen halben Meter überragt wird, reist man vorn wie hinten mit der Freizügigkeit eines Eisenbahnabteils erster Klasse. Zu dritt wird es hinten naturgemäß auch etwas enger, doch zumindest zwei Erwachsene hatten im Fond des Ascona damals mindestens soviel Platz wie heute im Vectra.
Obwohl die Konkurrenz - vor allem Ford mit dem Modell Taunus -auch nicht geschlafen hat, französische und italienische Marken damals noch höher im Kurs standen als heute und die ersten japanischen Modelle schon mit den Hufen scharrten, war der Ascona A für Opel eine Erfolgsgeschichte. In nur fünf Jahren wurde das Auto fast 700000 mal gebaut. Ihm folgt 1975 als letzter Ascona mit Heckantrieb die B-Serie, die 1981 vom Ascona C abgelöst wurde. Danach begannt die Karriere des Vectra, die nun, nach 20 Jahren und drei Modellgenerationen, ebenfalls zu Ende geht. Denn am 22. Juli enthüllt Opel den Insignia und hält es damit wie der Croupier beim Roulette: Neues Spiel, neues Glück.