Opel Corsa Höhenflug über Londons Dächern
Die Luft ist zum Schneiden, tiefe Bässe wummern durch das Backsteingebäude am Ufer der Themse. Die Temperatur treibt einem schon im Stehen den Schweiß auf die Stirn, auf der Bühne zucken junge Tänzer im blitzenden Licht. Und doch sind wir nicht in irgendeiner Kultdisko gelandet auch wenn London vielen als Nabel des Nightlife gilt. Was hier am Vorabend der Motorshow in der britischen Hauptstadt über die Bühne geht, ist keine wilde After-Work-Party, sondern die Präsentation eines Autos. Und zwar von einer Marke, der man ein solch jugendliches Ambiente bis dato kaum zugetraut hätte. Denn die Gastgeber sind Opel und die britische Schwester Vauxhall, und im Mittelpunkt des hochsommerlichen Spätnachmittages steht die vierte Auflage des Corsa, die auf der Messe enthüllt wird und am 7. Oktober bei den Händlern stehen soll.
Weil der neue Kleinwagen für die europäische GM-Tochter von beinahe existentieller Bedeutung ist und weil der Corsa laut Marketing-Vorstand Alian Visser nach dem Astra als weiterer Meilenstein für die Verjüngung der Marke steht, zieht das versammelte Top-Management vor den rund 1000 geladenen Gästen nicht wie früher einfach ein silbernes Tuch von den Autos. Damit die Stimmung stimmt, bittet Visser die Gäste nach draußen ans Flussufer und drischt ein paar Marketingphrasen, die ohnehin keiner hören kann, weil am Himmel die Hubschrauber kreisen. Was auf den ersten Blick noch nach einer peinlichen Panne klingt, entpuppt sich schnell als kühl kalkulierter Schachzug der Regie.
Direkt vor der Towerbridge steigt ein weiterer Helikopter auf und lässt den neuen Corsa wie seinerzeit den Maybach über Manhattan buchstäblich zum Höhenflug ansetzen. Und neben Visser stehen auf der Bühne plötzlich Hiphop-Star Sean Paul und ein paar Mitglieder seines Ensembles, die den Marketingvorstand bei allem jugendlichen Elan ziemlich alt aussehen lassen. Kaum ist der Corsa am Haken des Helikopters wieder entschwebt, tobt die Party drinnen weiter, wo der eigens für diesen Auftritt eingeflogene Jean Paul sein Konzert spielt, die Gäste Energy-Drinks aus Corsa-Dosen trinken und das Auto so ganz langsam wieder im Bühnennebel verschwindet.
Angriff auf Clio, Grande Punto und Peugeot 207
Lange allerdings wird es nicht mehr dauern, bis man den in erster Linie praktischen Fünftürer und den etwas dynamischeren Dreitürer des Corsa nicht nur auf der Showbühne zu sehen bekommt. In gut zwei Monaten rollt die vierte Generation des seit 1982 mittlerweile fast zehn Millionen Mal gebauten Kleinwagens auf die Straße. Dort muss er verlorenen Boden gutmachen. Denn auch wenn der in Eisenach montierte Corsa früher mal ein echtes Erfolgsmodell gewesen ist, konnten sich die Hessen zuletzt gegen die Konkurrenz im eigenen Land nicht mehr behaupten. Für das aktuelle Modell blieb hinter Polo und Fiesta nur der dritte Platz. Und auch die europäischen Wettbewerber haben nicht geschlafen und mit dem Peugeot 207, dem neuen Renault Clio und dem Fiat Grande Punto seit letztem Herbst gleich drei kleine Autos auf den Markt gebracht, die große Ziele verfolgen.
Nun also nimmt der Corsa als erster deutscher Kleinwagen die Herausforderung aus Frankreich und Italien an. Während Polo und Fiesta noch mindestens ein Jahr mit alter Form und altem Format weiter laufen, wird er nicht nur sportlicher und jünger, sondern vor allem größer: Er wächst in der Länge auf 3,99 Meter und überragt seinen Vorgänger damit um glatte zehn Zentimeter. Außerdem hat die Höhe um fünf Zentimeter und die Breite um sechs Zentimeter zugelegt, so dass der Corsa bei einer ersten Sitzprobe in London spürbar mehr Kopf- und Schulter- sowie etwas mehr Beinfreiheit bietet.
Zielgruppe ohne Führerschein
Sportlichkeit war auch das wichtigste Kriterium für das Fahrverhalten, das Hans Demant auf einen kurzen Nenner bringt: "Kleines Auto, großer Fahrspaß", sagt der Opel-Chef nach zahlreichen Testfahrten, auf denen der Wagen zum Kurvenflitzer getrimmt worden sei. Mit einem Fahrwerk, das weitgehend vom Astra abgeleitet wurde, erhebt Demant für den Corsa einen Führungsanspruch bei Dynamik und Agilität. Was dazu nur noch fehlt, sind die passenden Motoren: Denn starten wird der Corsa zunächst mit drei Benzinern und zwei Dieseln, die bei 1,0 bis 1,4 Litern Hubraum und 60 bis 90 PS Vernunft statt Vergnügen bedienen. Doch wer sich vom scharfen Design hat locken lassen, muss gar nicht so lange warten, bis seine sportlichen Gelüste erfüllt werden. Kurz nach der Markteinführung kommt ein 1,7-Liter-Diesel mit 125 PS. Und die Tuner im Opel Performance Center basteln angeblich bereits an einem Turbo mit 180 PS.
Einige Gäste der Premierenparty werden diese Vorzüge allerdings erst in einigen Jahren oder nur auf dem Beifahrersitz erleben können. Denn viele im Publikum wirkten so jung, dass sie noch gar keinen Führerschein haben dürften.