Opel-Oldtimer: Das "Weißt du noch"-Erlebnis - DER SPIEGEL
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Opel-Oldtimer Das "Weißt du noch"-Erlebnis

Auf die eigene Geschichte hat Opel früher nicht viel Wert gelegt. Doch während manche Manager die Oldtimer dem Rostfraß preisgeben wollten, setzten sich einige Mitarbeiter für deren Rettung ein. Heute stehen die 300 Veteranen auch bei den Chefs wieder hoch im Kurs.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mit den musealen Glaspalästen, die Mercedes, BMW und Porsche gerade eröffnet haben oder noch errichten, kann die Halle K6 auf dem Fabrikgelände von Opel in Rüsselsheim nicht mithalten. Doch auch wenn die Architektur viel weniger spektakulär ist, birgt der einstmals größte Verladebahnhof Europas vielleicht die größere Überraschung. Denn während sich Mercedes, BMW oder Audi seit jeher zu ihrer Geschichte bekennen, gab es bei Opel dafür über lange Jahre kein rechtes Gespür. Regiert von US-Managern, die eher Bilanzen im Kopf hatten, wurden die alten Autos zum alten Eisen geworfen, Ersatzteile verschrottet und historische Dokumente im Reißwolf geschreddert.

Dass in der rund 160 Meter langen, gut 7000 Quadratmeter großen Halle jetzt trotzdem mehr als 300 Fahrzeug vom ersten Opel-Pkw, dem Lutzmann aus dem Jahr 1899, über den Doktorwagen und den Laubfrosch, Kapitän, Rekord, Manta und ein halbes Dutzend bonbonfarbene GT bis hin zu Corsa & Co. stehen, ist das Verdienst einer kleinen Schar von engagierten Mitarbeitern wie Heinz Zettl, der aus der Marketing-Abteilung heraus als Vergangenheitsretter wirkte. Denn außer drei, vier Klassikern fürs Foyer der Hauptverwaltung, zwei, drei Autos für Messen oder die Gewerbeschau in Rüsselsheim war nicht mehr viel übrig von der mobilen Tradition der Marke.

So beschloss Zettl vor rund 15 Jahren, zu retten, was noch zu retten ist. Fast immer ohne Budget und gelegentlich auch ohne Wissen seiner Chefs hat er im Werk so manchen Old- und Youngtimer vor der Schrottpresse bewahrt und später dann auch eine Reihe von Raritäten gekauft. Außerdem bekommt er von Kunden und Händlern immer wieder mal Autos geschenkt - wie den marineblauen Rekord Baujahr 1965, der aus Rhodos kam und mit 845.000 Kilometern die größte Laufleistung im Museumsfuhrpark hat. Mit diesen Fahrzeugen legte er den Grundstein für eine Sammlung, die mittlerweile auch beim Management hoch im Kurs steht.

Erklären oder terminieren lässt sich der Sinneswandel nicht. Es muss wohl an der Einstellung der neuen Führungsmannschaft liegen und ebenso am wiedererstarkten Selbstbewusstsein der Marke. "Als Opel vor ein paar Jahren in starken Turbulenzen war, da hat sich das Unternehmen auf seine alten Stärken besonnen. Dafür sind die Autos hier in der Halle natürlich die beste Gedankenstütze", sagt Zettl. Auf jeden Fall gibt's nun ein eigenes Budget und das Domizil in Halle K6, und demnächst wird die Beharrlichkeit des Bewahrers aus Rüsselsheim vielleicht mit einem richtigen Museum belohnt. Zettl: "Es ist zwar noch nichts entschieden, aber wir haben den Auftrag, uns über eine museale Präsentation der Oldtimer Gedanken zu machen und ein Ausstellungskonzept zu erarbeiten."

Gesammelt werden auch Fahrräder und Nähmaschinen

Inzwischen sammelt er weiter. Und zwar nicht nur Oldtimer auf vier Rädern. Sondern auch Fahrräder und Nähmaschinen, mit denen Adam Opel 1862 die Produktion begann. Dazu kommen Kleinbusse, Nutzfahrzeuge und Feuerwehren auf Basis des Opel Blitz sowie eine Reihe von Motorrädern. Im separaten Archiv sind mehrere hundert Regalmeter mit mehr als 100.000 historischen Fotos sowie ebenfalls mehr als 100.000 Text-Dokumenten aus allen Epochen der Firmengeschichte gelagert.

Auch die jüngere Vergangenheit ist in Halle K6 präsent. "Seit etwa zehn Jahren übernehmen wir beim Produktionsauslauf eines Modells immer eines der letzten Fahrzeuge", sagt Zettl und deutet auf fabrikneue Omega, Kadett, Tigra oder Calibra, die noch nie eine Straße gesehen haben. Außerdem ist er Herr über Schnittmodelle, Ausstellungsmotoren und alle wichtigen Designstudien, mit denen Opel immer wieder in die Zukunft blickte. "Was vor vier Jahren noch in Genf auf dem Autosalon stand, parkt heute hier in unserer Halle", schwärmt er und schlendert zwischen Fahrzeugen wie dem Knirps Maxx, dem Snowtrekker, dem ersten Tigra Roadster aus den frühen neunziger Jahren oder dem leider etwas lädierten Opel CD herum, der mal ein sportliches Luxuscoupé hatte werden sollen.

Renner, Exklusiv-Umbauten und ein gesegnetes Modell

Weiter hinten parken Rennwagen: von Walter Röhrls Rallye-EuM-Auto von 1974 über den DTM-Vectra von Heinz-Harald Frentzen, die nach Jahrgängen sortierten DTM-Calibra bis hin zum Ascona 400, mit dem der Finne Ari Vatanen 1983 die Safari-Rallye gewann. Und nicht nur Opel stehen in der Halle: Hin und wieder taucht auch ein Chevrolet auf Opel-Basis auf, weiter hinten hat Daewoo ein paar Erstlingswerke geparkt, und auch die Schlüssel zu Edelumbauten auf Opel-Basis, etwa von Bitter oder von Indra, hängen im Schrank.

Zettls Lieblingsauto ist ein Opel 1,2 Liter aus dem Jahr 1935, der ziemlich unscheinbar aussieht. Doch ist dieser Wagen, den er 1995 zurückkaufte, für ihn ein Highlight, weil der Wagen 60 Jahre lang im Besitz einer offensichtlich etwas zwanghaft veranlagten Münchner Arzt-Familie war. Sie ließ ihren Opel nicht nur jährlich von einem Priester weihen, sondern hat wirklich jeden Schnipsel Papier zum Auto aufgehoben und zudem eine Art Logbuch geschrieben. Deshalb hat Zettl zu der schwarzen Limousine nicht nur den Kaufvertrag und alle Werkstattrechnungen, sondern auch mehrere Dutzend Strafzettel oder die Ausnahmegenehmigung, mit der die Nazi-Behörden den mattschwarz gewalzten Wagen vom Nachtfahrverbot im Krieg befreiten.

Der Olympia war zu breit für die Weinbergs-Inspektion

Ebenfalls von besonderer Bedeutung ist der laubgrüne "Huxel"-Wagen, dessen Geschichte nicht minder exotisch klingt. "Als Opel 1949 den 100.000sten Olympia feiern wollte, hat man einen Wettbewerb gestartet, über den sogar in der Wochenschau im Kino berichtet wurde", erzähl Zettl. "Gesucht wurde der älteste Opel, der noch im Einsatz war. Und als Preis gab es dafür einen neuen Olympia." Unter anderem meldete sich der Weinbauer Fritz Huxel aus der Gegend von Alzey mit einem Opel 5/12 von 1912. Der wurde dann bei einem großen Festessen - Zettl: "Die Speisekarten haben wir im Archiv" - gegen einen nagelneuen Olympia eingetauscht. Doch mit dem konnte Winzer Huxel so schlecht durch seine Weinberge fahren. Deshalb stellte der unglückliche Gewinner zwei Wochen später seinen Neuwagen mit der Bitte um Rückgabe des alten wieder in Rüsselsheim ab. Er durfte den Olympia behalten, musste aber versprechen, dass der 5/12 nach seiner letzten Reben-Rallye wieder zu Opel kommt. Huxel kam dieser Zusage, 1962 tatsächlich nach.

Gerne erzählt Zettl auch die Gesichte von jenem Kapitän, der im November 1956 als zweimillionster Opel vom Band lief und zur Feier des Tages mit vergoldeten Zierteilen bestückt wurde. Oder die Story vom Moonlight-Roadster, der zwischen 1931 und 1933 nur 51 Mal gebaut wurde und dessen vermutlich letztes existierendes Exemplar ihm 1985 in Dänemark von einer 90-jährigen Witwe angeboten wurde.

Ein kurzer Schlenker durch die Raritätenhalle

Zwar ist der alte Verladebahnhof kein öffentliches Gebäude, doch auf offene Türen legt Hausherr Zettl Wert. "Gerade für die Mitarbeiter sind wir eine wichtige Anlaufstelle. Immer wieder bringt einer ein paar vergilbte Prospekte, eine ausgediente Betriebsanleitung oder einen alten Vergaser vorbei", erzählt Zettl. Und auch den Kunden will er die Sammlung künftig häufiger öffnen. Deshalb wird die Werksführung demnächst einen Haken durch die Halle schlagen, und wer sich rechtzeitig anmeldet, der darf sich auch gründlicher umschauen.

Dann bekommen Besucher auch die Werkstatt zu sehen, in der sechs Mitarbeiter die Autos herrichten. Derzeit haben sie ein besonders rares Rekord C Cabrio in leuchtendem Rot und einen schwarzen 52er Kapitän auf den Hebebühnen. Und weiter hinten in der Halle schraubt einer an einem Rennwagen von 1902, der bis auf den weißen Holzrahmen komplett zerlegt wurde. Jetzt wird das Auto nach alten Fotos mit originalen Teilen oder zumindest mit originalen Methoden wieder aufgebaut.

Nach der Restaurierung sollen die Oldies nicht nur gut aussehen, sondern vor allem wieder fahren. Zettl und seine Autos sind bei rund 80 Veranstaltungen im Jahr unterwegs. Dass dabei durchaus ein A-Kadett, ein Manta oder ein Kapitän auch legendären Klassikern wie einem Mercedes 300 SL die Schau stehlen, wundert Zettl nicht. "Natürlich ist der 300 SL ein Traumwagen. Aber für die Allermeisten war das eben wirklich nur ein Traum. Zu einem Opel dagegen konnten viele eine Beziehung aufbauen, weil sie einen persönlichen Bezug dazu hatten." Und Kommunikationschef Frank Klaas ergänzt: "Wenn man diese Autos sieht, dann erinnert man sich nicht an Spielkarten oder Wiking-Autos, sondern an den Wagen von Onkel Paul, Tante Hilde oder den eigenen Eltern. Und seinen Nachbarn fragt man: 'Weißt du noch?…'."