Pässe richtig fahren: "Notfalls Blechbremsung" - DER SPIEGEL
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Pässe richtig fahren "Notfalls Blechbremsung"

Die Alpenpässe zählen zu den spektakulärsten Straßen Europas. Doch die himmelstürmenden Strecken haben auch ihre Tücken. ADAC-Experte Marco Völklein sprach mit SPIEGEL ONLINE über die schönsten Serpentinenstraßen und die richtige Fahrtechnik.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Sind Alpenpässe eine Alternative zum Autobahnfahren auf den Weg gen Süden?

Marco Völklein: Wenn man gen Süden in die Ferien fährt, genügend Zeit hat, und nach dem Motto "der Weg ist das Ziel" unterwegs ist, sind ein paar hundert Kilometer auf der Landstraße abseits der Autobahn sogar eine sehr gute Alternative. So kann man nicht nur Staus umfahren, sondern auch Landschaft und Kultur am Wegesrand erleben.

SPIEGEL ONLINE: Lohnt es sich, Alpenpässe zu fahren, um Maut zu sparen?

Völklein: Sicher könnte man so ein paar Euro sparen, allerdings muss man ja erst mal über die Autobahn zu den Pässen hinfahren, und dafür braucht man in Österreich und der Schweiz ja ohnehin eine Vignette oder auch ein Pickerl, wie man in Österreich sagt. Außerdem wird auf einigen Landstraßen auch Maut verlangt, zum Beispiel auf der Zillertaler Höhenstraße. Dieser Aspekt ist also eher zu vernachlässigen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Pässe sind besonders fahrenswert?

Völklein: Eine erstklassige Aussicht hat der Pass zur Pillerhöhe zu bieten. Zwischen dem Pitztal und dem Kaunertal in Tirol kann man dort den "Gacher Blick" auf das Inntal und die Silvrettagruppe genießen. Dann gibt es die "Route des Grandes Alpes", die vom Genfersee bis ans Mittelmeer führt. Die rund 700 Kilometer lange Strecke führt über sehr schöne und sehr hohe Pässe, unter anderem über den Col de l'Iseran, Col du Mont Cenis, Col du Galibier, Col d'Izoard, Col de Vars, Col de la Bonette, Col St.-Martin und den Col de Turini.

Völklein: Gibt es weitere Routenempfehlungen?

Völklein: Besonders großes Vergnügen bietet das Stilfser Joch, eine alte Postkutschenstraße die scheinbar nur aus Kurven besteht, nämlich 48 Kehren an der Ostrampe und 34 Serpentinen bei der westlichen Auffahrt. Die 49 Kilometer lange Strecke führt auf 2758 Meter und wird insbesondere von Motorradfahrern geschätzt. Eher entspannt geht es auf der Großglockner-Hochalpenstraße zu, die eigens für den motorisierten Tourismus gebaut wurde. Der flüssige Verlauf und die vergleichsweise großen Kurvenradien ermöglichen eine gelassene Reise und auch dem Fahrer einen Blick auf die imposante Landschaft.

SPIEGEL ONLINE: Wer sollte besser nicht über Pässe kurven?

Völklein: Eltern sollten gut überlegen, ob sie ihren Kindern solch eine Fahrt zumuten wollen. Ungeeignet sind viele Pässe sicher auch für Gespanne und Wohnmobile, die kommen manchmal am Berg einfach nicht mehr weiter und sind deshalb auch auf Strecken mit starker Steigung nicht zugelassen. Auf jeden Fall sollte man sich vorher über die Route informieren.

SPIEGEL ONLINE: Was muss man beachten, wenn es hinauf oder hinab geht?

Völklein: Ganz wichtig ist, dass das Fahrzeug und vor allem die Bremsen tadellos sind. Außerdem sollte man richtig packen. Für Motorradfahrer heißt das, die schweren Sachen in den Tankrucksack. Im Auto sollte schweres Gepäck möglichst nah und tief an der Rücksitzbank verstaut werden. Bei Kombis ist ein Gepäcknetz wichtig, damit beim Bergabfahren nichts nach vorne fällt.

SPIEGEL ONLINE: Wie befährt man einen Pass sicher?

Völklein: Vor allem mit Verständnis und Rücksichtnahme gegenüber den anderen Verkehrsteilnehmern, gerade zwischen Motorrad- und Autofahrern. Autofahrer sollten niemals kurz vor einer Kurve ein Motorrad überholen, sonst wird es gefährlich eng wegen der Schräglage der Motorradfahrer. Umgekehrt sollten Motorradfahrer, die in gemächlichem Tempo in der Gruppe unterwegs sind, immer ein bisschen Platz zwischen sich lassen und so Autofahrern die Möglichkeit geben, zu überholen und sich gegebenenfalls dazwischen einzuordnen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es einen speziellen Pass-Fahrstil?

Völklein: Generell sollte man vorausschauend fahren und stets innerhalb des Sichtbereichs bremsen können. Bei engen Kurven muss man darauf achten, nicht auf die Gegenseite der Fahrbahn zu geraten. Bergauf den Motor möglichst im mittleren Drehzahlbereich halten und vor allen an steilen Stellen möglichst nicht stoppen. Bergab immer in dem Gang fahren, in dem man dieselbe Stelle auch hinauffahren würde. So nutzt man die Bremsleistung des Motors. Ansonsten: techtzeitig bremsen, aber hin und wieder auch vom Pedal runtergehen, damit die Bremse nicht überhitzt.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn auf dem Weg hinab die Bremsen ausfallen?

Völklein: Dann sollte man keinesfalls aufhören zu bremsen, sondern versuchen, mit dem Pedal mehrmals zu pumpen, um die Dampfblasen in der Bremsflüssigkeit zu komprimieren. Gleichzeitig zurückschalten und versuchen, mit der Handbremse die Geschwindigkeit zu drosseln. Bremst der Wagen dann immer noch nicht, gibt es nur noch zwei Chancen: Entweder eine bergauf führende Abzweigung - zum Beispiel einen Feldweg - ansteuern oder die so genannte Blechbremsung. Dabei schrammt man mit dem Auto an einer Mauer, Felswand, Leitplanke oder Ähnlichem so lange entlang, bis der Wagen steht.

SPIEGEL ONLINE: Fahren Sie selbst gern über Alpenpässe?

Völklein: Ja, wenn ich Urlaub in den Alpen mache, fahre ich ganz gern über Pässe. Ich versuche dann, nicht einfach durchzurauschen, sondern öfter mal ein Päuschen einzulegen oder Abstecher abseits der Hauptreiserouten zu machen, die ich mir vorher im Atlas raussuche.

SPIEGEL ONLINE: Welcher Pass gefällt Ihnen am besten?

Völklein: Mein Favorit ist die große "Pässe-Acht" in der Zentralschweiz, die aus fünf Pässen besteht, dem Susten, Grimsel, Furka, Nufenen und Gotthard. Die schlängeln sich so aneinander, dass man sie in Form einer Acht hintereinander entlang fahren kann und nur den Furka-Pass zweimal überquert. Die Tour dauert mindestens einen Tag, macht aber richtig Spaß!

Das Interview führte Kati Borngräber.

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