Pannen: Zulieferskandal bei Opel - DER SPIEGEL
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Pannen Zulieferskandal bei Opel

Die Adam Opel AG sieht sich von einem Kunststoff-Lieferanten geprellt. Minderwertige Motorverkleidungen verursachten zahlreiche Pannen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Die Qualitätsexperten der Autoindustrie unterscheiden diverse Intensitäten von Ärgernissen. Zu den schlimmsten zählt das "Walk-homefailure": Das Auto steht, der Kunde läuft nach Hause.

Kapitale Motor- oder Getriebeschäden sind selten die Ursache einer solchen Malaise. Manchmal sind es simple Kunststoffteile im Wert von weniger als 100 Mark.

Seit Jahren plagen sich der Kundendienst und die Entwicklungsabteilung der Adam Opel AG mit merkwürdigen Pannen ihrer Diesel-Pkw. Während die Antriebstechnik tadellos funktioniert, rumpelt es zuweilen verdächtig unter dem Motorblock: Kunststoffverkleidungen, die der Schallisolierung dienen sollen, brechen dort aus, klappern oder verkanten sich, schlagen Kabelstränge durch und legen das gesamte Fahrzeug lahm.

Mit zahlreichen Abhilfemaßnahmen versuchten die Entwickler, dem Problem beizukommen. Sie veränderten die Verschraubung, sie erhöhten die Materialstärke von 2,5 auf 2,8 Millimeter, sie ließen zusätzliche Verstärkungsprofile einbringen. Geholfen hat all das nur wenig.

Seit vergangener Woche dämmert den Ingenieuren nun, warum: Der Ärger mit der Geräuschisolierung ist Gegenstand eines bizarren Zuliefer-Skandals, der Vorstand und Rechtsabteilung von Opel derzeit in Atem hält.

Seit gut zehn Jahren werden die Verkleidungen von der HP-chemie Pelzer GmbH in Witten an der Ruhr angeliefert. Laut Herstellerspezifikation sollten sie aus besonders bruchfestem Glasfaserkunststoff bestehen, der üblicherweise in einem aufwendigen Pressverfahren hergestellt wird.

Materialanalysen im Opel-Labor ergaben nun jedoch, dass die HP-chemie diese Teile im erheblich günstigeren Spritzgussverfahren fertigen lässt ­ unter anderem bei dem italienischen Subunternehmer Massolini in der Nähe von Brescia .

Äußerlich lässt sich der Unterschied nicht erkennen. "Das ist wie bei einem Ski", erklärt Opel-Chefentwickler Hans Demant. "Von außen sieht man nicht, was innen drin ist."

Die Analyse brachte nun Licht ins Dunkel ­ und die HP-chemie in Erklärungsnot. Die Unternehmensgruppe mit weltweit 4000 Mitarbeitern, bereits 16-mal vom Opel-Dachkonzern General Motors (GM) zum "Lieferant des Jahres" ernannt, hat viel zu verlieren.

Firmenchef Helmut Pelzer weilte auf Dienstreise in den USA, während Finanzchef Hubert Potthoff vergangene Woche auf Anfrage des SPIEGEL eine zweiseitige Stellungnahme abgab. Die gelieferten Teile, behauptet er darin, seien von Opel "dimensionell und werkstofflich freigegeben" worden, und legte als Beispiel dafür den Prüfauftrag für eine im Spritzgussverfahren hergestellte Motorverkleidung vor, der am 1. Juli 1997 von Opel unterzeichnet wurde.

Diese Freigabe, kontert Opel-Sprecher Karl Mauer, besage nicht, dass der Werkstoff im Rahmen dieser Abnahme noch einmal analysiert wurde. Jede Materialveränderung hätte der Zulieferer angeben müssen.

Überdies behauptet Potthoff: "Für das Herstellverfahren dieser Teile gibt es keine Spezifikation."

Die Aussage ist ­ oberflächlich betrachtet ­ sogar richtig. In der Lieferbedingung TM 9440 00, mit der Opel die Richtlinien für die Motorisolierung festlegte, steht nichts von Pressen oder Spritzen ­ aus Opel-Sicht auch überflüssig. Denn die Richtlinie schreibt eine Verstärkung des Werkstoffs aus Langglasfaservlies vor. Und das geht nur im Pressverfahren.

Der Umstand, dass solche Argumentationen kaum dazu taugen dürften, den drohenden Betrugsvorwurf abzuwehren, macht den Fall für das Opel-Management nicht minder blamabel. Vorstandschef Carl-Peter Forster, erst einen Monat an der Opel-Spitze, muss nun klären, weshalb die Qualitätskontrolle in seinem Unternehmen offenbar ebenso brüchig ist wie der angelieferte Schallschutz.

Verantwortlich für die Überprüfung der Unterschilde war ein Produktingenieur im Hause Opel. Zu seinen Aufgaben zählte nicht nur die Überprüfung der Teile, sondern auch die regelmäßige Inspektion der Produktionsanlagen. Dass beim Sublieferanten Massolini keine Vliese im Pressverfahren verarbeitet wurden, hätte ihm zweifellos auffallen müssen.

Intern klären die Opel-Juristen derzeit diverse Korruptionsvorwürfe, die aus dem Mitarbeiterkreis des Ingenieurs erhoben werden. Der Kunststoff-Prüfer nutzte etwa ein Firmenhandy der HP-chemie, angesichts des beklagten Schadens sicher eher ein Trinkgeld.

Bisher wurden mehr als eine Million Motorverkleidungen aus HP-Lieferungen in Opel-Fahrzeugen verbaut, das Stück zu etwa 60 Mark. Damit lag HP weit unter den Angeboten von Wettbewerbern. Für Spritzguss-Teile sind die Preise aus Opel-Sicht jedoch viel zu hoch. Nach einer vorläufigen Schätzung der Einkaufsexperten sind die Rechnungspreise demnach insgesamt um etwa 20 Millionen Mark überhöht.

Folgekosten sind bei diesem Schaden noch nicht eingerechnet. Womöglich droht Opel eine gigantische Rückrufaktion. Ausbrechende Karosserieteile, die über die Fahrbahn fliegen und im schlimmsten Fall einen Motorradfahrer treffen könnten, bergen das ständige Risiko einer Produkthaftungs-Katastrophe. Opel-Chef Forster steht gleich zu Beginn seiner Dienstzeit vor einer schweren Entscheidung.

CHRISTIAN WÜST