Pariser Autosalon: Rasender Bremsfederpneu - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Pariser Autosalon Rasender Bremsfederpneu

Das Rad wird neu erfunden: Zwei ungewöhnliche Elektroautos fahren auf dem Pariser Autosalon mit der neuartigen Active-Wheel-Technik des Reifenherstellers Michelin vor. In den Wunderpneus sind Motor, Getriebe und Federung gleich integriert.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Motoren-Monopol bröckelt: Mehr als ein Jahrhundert wurden Autos mit zentralem Antrieb konstruiert - jetzt wandert die komplette Antriebstechnik ins Rad, und Pkw werden plötzlich von einem Motoren-Quartett angetrieben. In Paris debütieren die ersten Prototypen: der Heuliez Will, der ab Ende 2009 in Serie gehen wird, und der Venturi Volage, dessen Marktstart für 2012 geplant ist.

Interessanter, weil großserientauglich, ist das Stadtauto Will, ein Gemeinschaftsprojekt von Heuliez, Michelin und der Telekommunikationsfirma Orange. In jedem der vier sogenannten Active Wheels des Wagens sitzt ein 30 kW (zirka 40 PS) starker Elektromotor, das Bremssystem, eine mechanische Fahrwerksfeder und eine elektromechanische Feder-Dämpfer-Einheit. Michelin preist dies als "bislang weltweit einzigartige Kombination".

Für Designer, so heißt es, entstünden völlig neue Gestaltungsspielräume. Denn auf einmal gibt es Platz im Karosseriekörper, da dort kein Raum mehr für Motorblock, Getriebe oder Kurbelgehäuse benötigt wird. Und wo früher ein Tank untergebracht werden musste, können nun Batterien plaziert werden, aber auch ein Wasserstoffreservoir oder andere Energiequellen.

150 Kilometer Reichweite

Nicht nur die Gestalter, auch die Ingenieure dürften sich freuen. Der Grund: Weil das Drehmoment für jedes Rad einzeln geregelt werden kann, lassen sich sportlichere Kurvengeschwindigkeiten realisieren – bei zugleich erhöhter Spurstabilität und Sicherheit.

Doch der Heuliez Will möchte gar kein Sportwagen sein. Stattdessen macht das 3,70 Meter lange Auto auf Stadtmobil: mit Platz für vier Leute und etwas Gepäck. Aufgrund des niedrigen Gewichts reicht die Ladung der Lithium-Ionen-Batterie nach derzeitigem Stand der Akku-Technik für circa 150 Kilometer.

Ende nächsten Jahres soll bei Heuliez im westfranzösischen Cerizay die Produktion beginnen. 2010 sollen etwa 5000 Fahrzeuge gebaut werden, die zunächst an Fuhrparks, Geschäftskunden und Stadtverwaltungen verkauft werden. Später werden auch Privatkunden bedient – bis 2015 plant Heuliez mit einer Jahresproduktion von 50.000 Will-Exemplaren. "Hier geschieht ein wahrer industrieller Durchbruch", behauptet Heuliez-Präsident Paul Quéveau.

Es geht auch rasanter

An einem sportlichen Durchbruch arbeitet unterdessen die Elektroautofirma Venturi, die bereits den Strom-Roadster Fetish baut und in Paris die Studie eines neuen Zweisitzers zeigt, der ebenfalls mit der Active-Wheel-Technik von Michelin bestückt ist. Venturi will das Modell Volage in den nächsten vier Jahren serienreif entwickeln. Die Elektromotoren in jedem Rad sollen dann auf 55 kW Leistung (zirka 75 PS) getrimmt werden, so dass ein 300-PS-Stromer an den Start rollen kann.

Die Energie für den modern und unkonventionell designten Sportwagen aus Kohlefaserwerkstoffen und Aluminium liefert eine Lithium-Polymer-Batterie mit derzeit rund 45 Kilowattstunden. Der Akku wiegt 350 Kilogramm, was ziemlich heftig ist; dennoch bleibt das gesamte Auto weit unter dem Gewicht aktueller konventioneller Sportwagen – Leichtbau und die völlig neue Antriebstechnik sorgen dafür.

Abgesehen von einigen technischen Fragen, die noch nicht vollends zufriedenstellend gelöst sind, zeigen die neuen Elektroauto-Studien zweierlei: Erstens, dass mit dem Ende der Fixierung auf Spritverbrenner ganz neue Akteure in der Automobilwelt auf den Plan treten – oder zumindest bislang eher unbedeutende Firmen weitaus größeres Gewicht bekommen.

Und zweitens könnten neue Konstruktionsprinzipien, die durch den elektrischen Antrieb möglich werden, eine Revolution im Autobau auslösen. Nichts bleibt, wie es ist – das scheint auf einmal auch für die Pkw-Branche zu gelten.

Mehr lesen über