Passrunde um St. Moritz Carving auf Rädern
St. Moritz - da klingeln den Wintersportfreunden die Ohren, und Bergwanderer machen große Augen. Bei Autofahrern allerdings hat die Schweiz keinen guten Ruf. Zu rigide die Tempolimits auf den Autobahnen und zu scharf die Kameras, die in Tunnels und unter Brücken auf eilige Transitgäste warten. Aber wer einen Gang zurück schaltet und die Schnellstraßen verlässt, der findet gerade um das Engadiner Promidorf herum einige Pässe, die den Weg zum Ziel machen und mit so manch drögem Autobahn-Kilometer versöhnen.
Sollen andere wandern oder auf den Winter warten: Einmal früh aufstehen, die Landkarte studieren und noch etwas Wetterglück dann kann man in der Schweiz sogar auf der Straße Skifahren und die Serpentinen hinauf zu Julier- und Albula-Pass so schnittig nehmen, als hätte man Carver an Füßen.
Die Tour beginnt von St. Moritz aus im Uhrzeigersinn und folgt der B3 Richtung Tiefencastel. Bereits kurz hinter Silvaplana beginnen die ersten Kurven, über die sich die Straße erst durch sattgrüne Almweiden und später durch moosbewachsene Geröllfelder auf den 2284 Meter hohen Julierpass hinauf schraubt. Der Pass wurde schon vor mehr als 3000 Jahren begangen, von den Römern angelegt und im Jahre 1826 schließlich befestigt.
Weil der Julier neben den Tunnelpässen San Bernadino und Großer St. Bernhard die einzige der großen Nord-Süd-Verbindungen ist, die im Winter offen gehalten wird, ist die von Silvaplana bis Tiefencastel exakt 43 Kilometer lange und bis zu 13 Prozent geneigte Straße stets frisch geteert und prächtig ausgebaut. Das trübt ein wenig die Romantik, und schon nach einer knappen Stunde ist das Vergnügen vorüber. Doch erstens gibt es auf dem Rückweg noch genug Gebirgszauber. Und zweites freut man sich über die verkappte Alpen-Autobahn spätestens dann, wenn im Vordergrund das erste Wohnmobil auftaucht.
Über den Julierpass hinunter nach Tiefencastel
Auf dem Hinweg ist man also ziemlich schnell auf der Passhöhe und von dort auch wieder herunter. Denn sonderlich reizvoll sind weder die Gaststube oben auf dem Sattel noch das etwas weiter unten an der Nordrampe gelegene Hospiz. Danach allerdings wird die Strecke mit jedem Kilometer schöner. Durch ein breites Stufental geht es wie auf einer gigantischen Treppe Kurve für Kurve hinab Richtung Baumgrenze und dann entlang des kitschig-schönen Marmorera-Stausees nach Tiefencastel. Wer dort am großen Kreisel geradeaus fährt und sich links hält, kommt auf dem schnellsten Weg zur Autobahn. Und wer im Dorf rechts abbiegt, macht ein paar zusätzliche Höhenmeter, schraubt sich hinauf nach Lenzerheide und vor der Schnellstraße dann wieder hinunter ins romantische Chur.
Doch wer zurück in den Engadiner Kurort möchte, der nimmt im Kreisverkehr gleich die erste Ausfahrt und klettert hinauf auf den Albula-Pass. Diese zweite Etappe hat mit der ersten etwa soviel gemein wie ein ICE mit einem Dampf-Sonderzug. Denn statt auf einer breiten, gut ausgebauten Piste fährt man hier über lange Strecken auf einem besseren Feldweg. Bei Gegenverkehr empfiehlt es sich durchaus, den Außenspiegel einzuklappen oder eine breitere Stelle zum Ausweichen zu suchen. Manche Ortsdurchfahrt ist gepflastert, und wenn nach der nächsten Kurve eine Herde Kühe auf der Strecke stünde, wäre das auch kein Wunder.
Felswände verstärken den Motorsound
Wer jetzt in einem sportlichen Cabrio unterwegs ist und einen sonnigen Morgen erwischt hat, wähnt sich im Siebten Himmel. Denn immer wieder wird die Straße so schmal, dass zwischen die steile Felswand zur Linken und die massiv gemauerte Leitplanke über dem tiefen Abgrund zur Rechten kaum mehr als das eigene Auto passt. Das erfordert zwar ein wenig Fingerspitzengefühl am Lenkrad. Die Straße wirkt aber auch als natürlicher Schalltrichter, der den Motorklang derart aufwertet, dass man sich schon in einem Fiat fühlt wie im Ferrari. Und wer gar mit einem veritablen Sportwagen unterwegs ist und ein wenig Zutrauen in seine Bremsen gefunden hat, der wähnt sich am Steuer eines Formel-1-Boliden, der gerade durch die Häuserschluchten von Monaco jagt.
Unterbrochen nur von ein paar Weilern und romantischen Dörfern wie Bergün geht es so auf der schönsten Etappe der Runde über zehn, zwanzig Kilometer hinauf bis zum Hospiz, das auf der Scheitelhöhe von 2315 Meter mit ein paar sonnigen Bänken und einer rustikalen Küche zur Pause lockt. Die kann man sich nach gefühlten 400 Kurven und zusammen mehr als 2000 Höhenmetern auch gönnen, denn von nun an geht es nur noch bergab.
Erst folgt die Straße einem Hochtal und stürzt sich danach jetzt wieder besser ausgebaut und in größeren Bögen geschwungen hinunter ins Tal nach La Punt, von wo es nur noch ein Katzensprung bis St. Moritz ist. Wer dort noch immer nicht genug hat, muss nicht lange nach neuen Herausforderungen suchen: Tanken, in der Eisdiele erfrischen, und schon geht es wieder los. Schließlich stehen am Ortsausgang auch Schilder Richtung Bernina- oder Malojapass.