Pedersen-Räder: Ein Velo im Zeichen der Dreiecke - DER SPIEGEL
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Pedersen-Farhrräder: Skurril und humorvoll

Foto: Andrea Reidl

Pedersen-Räder Ein Velo im Zeichen der Dreiecke

Beim ersten Pedersen-Rad bestand der Rahmen wie eine alte Eisenbahnbrücke aus lauter Dreiecken. Noch immer gibt es eine kleine Gruppe von Fahrradenthusiasten, die moderne Varianten des nostalgischen Rades fährt. Einmal im Jahr treffen sie sich in Bad Zwischenahn. SPIEGEL ONLINE war dabei.
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Samstagmorgen, neun Uhr. Ein Parkplatz, irgendwo in Bad Zwischenahn. 106 Pedersen-Fahrer aus ganz Deutschland warten auf das Startsignal. 65 Kilometer durch Wald und Wiesen liegen vor ihnen. Die Sonne scheint, der Wind bläst. Pedersen-Fahrer Otto Renken drückt den Balg seiner glänzenden Hupe. Los geht's.

Pedersen fahren ist anders. Vor allem das Aufsteigen. Beim ersten Mal muss man sich überwinden, das Bein überhaupt über den Sattel zu schwingen. Denn das Rad wirkt unglaublich groß. Ist es aber gar nicht. Die Rahmengeometrie täuscht Größe vor. Kaum hat man sein Knie über dem Sattel, rutscht man schon in denselben und sitzt - und das ziemlich komfortabel.

Der Sattel ist das Herzstück des Rades. Er ist mit drei Zügen abgespannt wie eine Hängematte. Um ihn herum hat sein Erfinder, der Däne Mikael Pedersen, Ende des 18. Jahrhunderts den Rahmen gebaut. Dessen Streben sind so angeordnet, dass sie 21 Dreiecke bilden. Pedersen ist für damalige Verhältnisse ein unglaublich leichtes Fahrrad gelungen. Das leichteste Modell wog inklusive Bereifung knapp 5000 Gramm.

Überraschend leichtes Rad

Kalle Kalkhoff, Pedersen-Händler aus Oldenburg, hatte dieses Rad mal in der Hand. "Ich habe nie geglaubt, dass dieses Rad so leicht ist", sagt er. Kalkhoff verkauft seit 19 Jahren das filigrane Rad des Dänen. Die Idee hatte er, als er in einem Hamburger Fahrradladen ein Pedersen entdeckte. Kalkhoff selbst konnte aufgrund seiner Beinprothese nicht mehr Rad fahren - doch mit dem Pedersen ging das. Seitdem gehört dem Modell seine Leidenschaft.

Die Gründe für einen Pedersenkauf sind vielfältig. Den meisten gefällt das Design, andere verbinden mit dem Rad ein Lebensgefühl. "Ich habe mir einen Pedersen gekauft, weil ich meinen Alltag entschleunigen wollte", sagt Jens Glawe. Das glaubt man ihm sofort. Gemütlich zieht die Pedersen-Kolonne an diesem Morgen vorbei an frisch gemähten Wiesen und üppig blühenden Rhododendren in pink. Auf einem Pedersen sitzt man nicht, man thront. Die aufrechte Haltung entspannt Rücken und Handgelenke und lädt eher zum Plaudern als zum Rasen ein.

Getrödelt wird aber nicht an diesem Samstagmorgen. Zügig fahren die 106 Pedersen-Fahrer von Bad Zwischenahn Richtung Oldenburg. Mit einer Rohloff-Nabenschaltung ist auch das nostalgisch anmutende Pedersen durchaus ein würdiges Reiserad. Otto Renken fuhr so ausgestattet auf seinem hellblauen Pedersen durch Lettland. Aber auch zwei Teilnehmerinnen sind zu dem Treffen per Rad angereist. Eine kam aus Trier, die andere aus Amsterdam. 14 Tage waren sie unterwegs. Andere kamen mit dem Auto aus Hamburg, Berlin, Frankfurt, Dormagen und Holland angereist.

In Oldenburg blockieren zwei Mitfahrer die Kreuzungen für die Gruppe. Sie fahren Comped-Pedersens mit Anhänger. Das Comped ist ein modifiziertes Pedersen-Modell aus der Fahrradmanufaktur von Michael Kemper. Der Fahrradbauer aus Erkelenz-Grambusch bei Aachen entwickelt die Pedersen-Räder weiter. Er baut Rahmen für unterschiedliche Zielgruppen und auf Wunsch auch nach Körpermaß.

Das Original - ein Heiligtum

Das ist nicht einfach. "Es reicht nicht, den Rahmen zu verkleinern, denn dann stimmen die Proportionen nicht mehr", sagt Kemper. Er verändert die Geometrie des Rahmens, um unterschiedliche Eigenschaften aus dem Bike hervorzukitzeln. "Das Comped ist der super-hippe Urenkel des historischen Modells", erklärt er. Mit seinen 20-Zoll-Laufrädern und 50 Millimeter breiten Reifen fährt es sich bedeutend frecher als ein übliches Pedersen.

Die beiden Comped-Fahrer lassen beim Bremsen lässig ihr Hinterrad um die Kurve rutschen, ihr dynamischer Fahrstil erinnert an Mountainbikefahrer. Eine Fahrweise, die undenkbar ist bei dem Standard-Modell oder gar dem Dursley-Pedersen, mit dem Eye Beukemh unterwegs ist.

Der Niederländer ist an diesem Tag das Top-Fotomodel bei jeder Rast. Eye Beukemh fährt ein Original: Ein 96 Jahre altes Dursley-Pedersen - ein Heiligtum. Er hat das Rad in Holland auf einem Flohmarkt erstanden. Nachdem er die durchgerosteten Felgen und Speichen ersetzt hatte, war es fahrtüchtig. Die Patina und das zerbröselnde Vorderradschutzblech durften bleiben. Für Beukemh hat das Stil. "Dem Rad darf man sein Alter ruhig ansehen", sagt er. Schließlich funktioniert noch alles - selbst die 3-Gangschaltung, eine der ersten, die überhaupt gebaut wurden.

Keine Fahrt ohne Fragen oder Kommentare von Fremden

Geschickt steuert der Niederländer sein Heiligtum durch den knöcheltiefen Sand des Feldwegs. Viele der Mitradler, die ohne Ballonreifen fahren, steigen ab. So mischt sich das Fahrerfeld immer wieder neu und jeder fährt mal mit jedem - Pedersen-Fahrer sind kontaktfreudig. Oder werden es zwangsläufig. Wer dieses Rad fährt, lernt: Keine Fahrt ohne Fragen oder Kommentare von Fremden. Otto Renken musste sich bereits Bemerkungen anhören, wie: "Hast Du schon mal so'n ein blödes Fahrrad gesehen? Wie kommt man da überhaupt rauf?"

Dabei ist das "runter kommen" beim Pedersen anfangs eher das Problem. Der Abspanngurt verhindert das übliche Abspringen nach vorn. Deshalb gilt: Bremsen und erst wenn das Rad steht, Fuß absetzen, dann absteigen. Wer das missachtet, fällt schnell um.

Nach 50 Kilometern ist es so weit. Ihre Sitzhöcker melden: Alarm. Grinsend stopft Gaby Kalkhoff Lammfelle in Sattelgröße unter die Regenhaube einiger Sättel. Die letzten 15 Kilometer schaukeln die Hinterteile nun weich gepolstert über den Waldweg. Dann ist die Pedersen-Ausfahrt vorbei. Nach einem Tag auf dem Rad, lautet das Fazit der Runde: Rücken ok, Nacken ok, Handgelenke schmerzfrei. Das ist klassisch beim Pedersen.

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