Problemfall Stau: Die Legende lebt - DER SPIEGEL
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Problemfall Stau Die Legende lebt

Wer im Stau steckt, verliert Zeit und ist entsprechend genervt. Doch das kommt wesentlich seltener vor, als manche Mobilitätsstudien vorgaukeln. Karl Otto Schallaböck vom "Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie GmbH" hat die Stau-Legende untersucht.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Schallaböck, der auch Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Verkehrsclub Deutschland (VCD) ist, hat die gängige Stau-Theorie unter die Lupe genommen. Die lautet folgendermaßen: Im Durchschnitt stehe jeder 67 Stunden pro Jahr im Stau, was immense Umweltbelastungen durch erhöhten Kraftstoffverbrauch und Schadstoffausstoß zur Folge habe sowie horrende Schäden für die Volkswirtschaft. Aus diesem Szenario werde dann eine schlichte Forderung abgeleitet: "Wir müssen die Straßen ausbauen, und zwar nicht zu knapp", schreibt Schallaböck in einem Beitrag für das VCD-Magazin "fairkehr".

Dann geht der Professor daran, die Argumente, die mit Vorliebe von Vertretern der Automobilindustrie vorgetragen werden, zu widerlegen. Ihre wissenschaftliche Basis sei "eher dürftig", schreibt Schallaböck. Obwohl manche Verkehrsteilnehmer häufig im Stau stehen, seien 67 Stunden als Durchschnittsgröße für das Feststecken in Autokolonnen "schlichter Unfug", wie nahezu jeder an seinen eigenen Stauerfahrungen nachvollziehen könne. "Grundlage für die hohe Abschätzung ist wohl die so genannte BMW-Staustudie, die teilweise mit recht eigenwilligen, um nicht zu sagen aberwitzigen Modellansätzen operiert."

Nun gibt es eine andere Untersuchung zum Phänomen Stau. Auf Basis eines Verkehrsmodells, das im Auftrag des Deutschen und des Schweizer Umweltbundesamtes entwickelt wurde, haben Wissenschaftler bei einer Fachtagung der Europäischen Verkehrsministerkonferenz in Paris das Problem neu untersucht.

Die wichtigsten Ergebnisse in Kürze: Stau und Stopp-and-go-Verkehr erhöhen den Treibstoffverbrauch der betroffenen Pkw um etwa ein Prozent. In diesem Fall sind die Schadstoffemissionen bei den Stickoxiden unterproportional und bei den Kohlenwasserstoffen überproportional. Die negativen Umwelteinflüsse sind also insgesamt bescheiden. Was den Zeitverlust durch Stau betrifft, kamen die Forscher zu folgender Erkenntnis: "Die Verkehrszeiten erhöhen sich bemerkbar, aber keineswegs um ein Drittel: Je Einwohner und Tag kann man von staubedingten Verlusten von durchschnittlich ein bis zwei Minuten ausgehen." Die volkswirtschaftlichen Schäden von Staus, so folgerten die Verkehrsexperten, seien in der EU bislang um das Zehnfache oder mehr überschätzt worden.

Bestätigt wurde von der neuen Studie der allgemeine Eindruck, dass der Verkehrsfluss in Städten und Ballungsräumen üblicherweise gestört ist. Die Forscher konstatierten, dass in diesen Gebieten aber niemand "ernsthaft freie Fahrt verlangen" könnte, wie Schallaböck schreibt. Und der Neubau von Straßen, das viel gepriesene Mittel, um Staus abzuschaffen, stößt in städtischen Gebieten sehr schnell an natürliche Grenzen: Es fehlt ganz einfach der Platz.