Reifenindustrie Globale Gummibäcker-Gilde
Auf den ersten Blick ist die Welt der Reifenhersteller recht übersichtlich eingeteilt. "Es gibt die sogenannten großen drei, nämlich Michelin, Goodyear und Bridgestone, und mit deutlich Abstand die kleineren drei, nämlich Continental, Pirelli und Yokohama", sagt Michael Berthel vom Wirtschaftsverband der deutschen Kautschukindustrie e.V. Das klingt recht übersichtlich, doch nach dieser groben Einteilung ist es mit der Transparenz der Branche auch schon vorbei.
Das liegt daran, dass die großen Konzerne jeweils eine ganze Reihe von Reifenherstellern und -marken unter ihren Fittichen versammelt haben. Und es liegt daran, dass sich der weltweite Reifenmarkt nach Dutzenden von Kriterien aufteilen lässt. Geht es um Pkw- oder Lkw-Reifen, um Erstausrüstungsreifen oder das Ersatzgeschäft, um Sommer- oder Winterreifen, um den amerikanischen, europäischen oder asiatischen Markt und so weiter und so fort.
Aufgrund dieser Aufsplitterung ist es nahezu unmöglich zu sagen, welcher Konzern die globale Marktführerschaft inne hat. Fest steht nur so viel: Die "Big Three" sind in ihren jeweiligen Heimatregionen unangefochten die Nummer eins - also Michelin in Europa, Goodyear in Nordamerika und Bridgestone in Asien. Darüber hinaus aber versuchen sie, durch geschickte Akquisitionen, ihre Position in den für sie fremden Märkten zu stärken.
Die "Neue Reifenzeitung", das deutsche Fachorgan der Pneu-Branche, hat in einem Überblick vor einigen Jahren bereits ein Grundproblem der Gummibäcker skizziert: Die weltweite Überkapazität. Danach könnten die Reifenhersteller insgesamt und weltweit pro Jahr 1,2 Milliarden der schwarzen Rundstücke produzieren. Doch nachgefragt würden global weniger als eine Milliarde Pneus pro Jahr.
Für die Reifenwerke in Deutschland gelte dies jedoch nicht, sagt Michael Berthel. "Hierzulande werden vor allem Highperformance-Reifen hergestellt, und deren Nachfrage wächst. Zudem hat das ifo-Institut bei einer Untersuchung zur Kapazitätsauslastung festgestellt, dass die Reifenindustrie in Deutschland nah an 100 Prozent arbeitet." Ein Trend, der sich wohl nicht so rasch abschwächen wird, denn in deutschen Reifenwerken werden zunehmend auch pannensichere Pneus hergestellt - mit denen der Autofahrer im Fall eines Druckverlustes noch bis zu 200 Kilometer weit fahren kann -, die von mehr und mehr Autoherstellern in der Erstausrüstung angeboten werden.
Die wichtigsten Markenfamilien in der Reifenbranche
In Deutschland werden pro Jahr rund 45 Millionen Pkw-Reifen im so genannten Ersatzgeschäft abgesetzt - also von Autofahrern gekauft, die neue Reifen auf ihren Wagen aufziehen möchten. Die Kunden haben die Wahl aus mehr als 25 Reifenmarken - doch hinter vielen dieser Produkte steht ein und derselbe Konzern. Hier ist ein Überblick über die wichtigsten Markenfamilien in der Reifenbranche.
Michelin, einer der großen drei Reifenkonzerne der Welt, wurde 1889 von Edouard und André Michelin im französischen Clermont-Ferrand gegründet. Das Markenzeichen des Unternehmens ist seit 1900 das "Michelin-Männchen" Bibendum, zu dem einer der Firmengründer angeblich durch einen Reifenstapel auf dem Hof seiner Fabrik inspiriert wurde. Heute gehören neben Michelin auch die Marken Kléber (Übernahme der Mehrheit 1985) und BF Goodrich (Eingliederung der Uniroyal Goodrich Tire Company 1990).
Der Name der Marke Goodyear stammt vom Amerikaner Charles Goodyear, der Mitte des vorvergangenen Jahrhunderts das Prinzip der Vulkanisation entdeckte, aber nicht das in dieser Erkenntnis steckende Potenzial. Goodyear starb 1860, doch Frank A. Seiberling benannte seine Reifenfirma, die er 1898 gründete, nach ihm. Goodyear schloss vor sechs Jahren eine Allianz mit der japanischen Gruppe Sumitomo Rubber Industries - an der wiederum Dunlop seit 1963 die Aktienmehrheit besaß; Dunlop übernahm 1995 ebenfalls die ostdeutsche Marke Pneumant mit Produktionsstätten in Riesa und Fürstenwalde. Zum Konglomerat aus Goodyear und Dunlop gehört auch der 1900 gegründete deutsche Reifenhersteller Fulda, der bereits 1927 erste Geschäftskontakte zu den Amerikanern aufnahm und 1962 von Goodyear übernommen wurde.
Der dritte Konzern im Bunde der großen drei ist das japanische Unternehmen Bridgestone. Es wurde 1925 von Shojiro Ishibashi gegründet. Zunächst stellte die Firma traditionelle japanische Schuhe in Massenfertigung her, seit 1931 werden auch Reifen produziert. Der Name Bridgestone ist übrigens eine Umkehrung und Übersetzung des Nachnamens des Gründers: Ishibashi bedeutet wörtlich Steinbrücke. Bridgestone übernahm 1988 den damals zweitgrößten US-Reifenhersteller Firestone, zudem gehört auch die Marke Dayton zum Portfolio der Japaner.
Mit deutlichem Abstand zu den großen drei, aber auch mit klarem Vorsprung vor den weiteren Reifenherstellern, agieren Continental, Pirelli und Yokohama. Zur deutschen Continental AG, die 1871 in Hannover gegründet wurde, gehören inzwischen unter anderem die Reifenmarken Uniroyal (USA, seit 1979), Semperit (Österreich, seit 1985), General Tire (USA, seit 1987), Gislaved (Schweden, seit 1992), Barum (Tschechien, seit 1993) und Mabor (Portugal, seit 1993). Der italienische Hersteller Pirelli und die japanische Marke Yokohama arbeiten in der Reifenbranche - von Joint Ventures abgesehen - als Ein-Marken-Unternehmen.
Zu den vergleichsweise noch kleineren Reifenherstellern zählen die beiden koreanischen Unternehmen Kumho und Hankook, die allerdings in den vergangenen Jahren stark wachsen. Außerdem agieren im weltweiten Reifenmarkt der japanische Hersteller Toyo, der finnische Winterreifenspezialist Nokian sowie die holländische Firma Vredestein, die erst vor wenigen Monaten von der russischen Unternehmensgruppe Amtel aufgekauft wurde.