Renault Sportmodelle: Ernte der Formel 1 - DER SPIEGEL
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Renault Sportmodelle Ernte der Formel 1

Klimawandel und Spritpreis beherrschen die Debatte, doch noch ist die Leistungslust nicht verdrängt. Manchmal gibt es die sogar ohne Premiumgedöns, wie das Beispiel Renault zeigt. Um das Formel-1-Engagement zu versilbern, bringt die Marke neue Sportmodelle an den Start.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Win on Sunday, sell on Monday – die goldene Regel aus dem Sportmarketing funktioniert schon lange nicht mehr. Keiner weiß das besser als Bernd Hütter. Er ist Motorsportkoordinator bei Renault in Deutschland und müht sich, das Formel-1-Engagement der Marke in sportlichen Glanz für die bürgerliche Modellpalette umzumünzen. "Immerhin ist Renault die Marke, die in Deutschland die längste Tradition im automobilen Breitensport hat", sagt der Manager und erinnert an mehr als 40 Jahre R5- oder Clio-Cup.

"Nur mit solchen Rennserien ist es allerdings nicht getan", sagt Hütter. "Wenn man auch nur einen Bruchteil der Formel-1-Investitionen wieder hereinholen möchte, muss die gesamte Marke einen sportlichen Anstrich bekommen." Dafür wäre am besten der alte Name Alpine geeignet, heißt es. Doch bis der einzig ernst zu nehmende Sportwagen aus Frankreich irgendwann sein Comeback feiert, konzentriert sich Renault auf ein anderes Kompetenzzentrum am gleichen Ort.

Denn just in Dieppe, wo dereinst der Alpine produziert wurde, baute Renault in den vergangenen Jahren die Abteilung "Renault Sport" auf, die mittlerweile eine beachtliche Flotte von Kraftmeiern mit dem Kürzel "RS" an den Start bringt: Wenn in diesen Tagen als drittes Modell der Twingo RS auf die Piste geht, gibt es kaum eine andere Massenmarke, die so kräftig mit dem Gasfuß spielt.

Bei Renault gibt es vom Twingo über den Clio bis hin zum Mégane schon drei Autos mit der Extraportion Sportlichkeit. Und nur mit den Werksmodellen ist es nicht getan, sondern offiziell entstehen weitere Einzelstücke und Sonderserien mit noch ambitionierteren Zielen.

Der Twingo RS, jüngster und zugleich vorlautester Spross unter den Sportlern, soll es vor allem mit dem Fiat 500 Abarth aufnehmen. Angetrieben von einem 1,6-Liter mit 133 PS und 160 Nm kommt "der stärkste Twingo aller Zeiten" Mitte September zu Preisen ab 14.800 Euro in den Handel und lockt mit einem Sprintwert von 8,7 Sekunden und einer Spitzengeschwindigkeit von 201 km/h. Dazu gibt es ein tiefergelegtes Sportfahrwerk, einen leicht modifizierten Innenraum und das übliche Flügelwerk, das solche Typen in der Spur halten.

Deutsche Extremtüftler setzen auf Turbokraft

Doch die französische Renner ist nichts gegen das Einzelstück, das ein paar deutsche PS-Fanatiker am Nürburgring aufbauen ließen. Dieser Twingo sieht zwar von außen aus wie jeder andere. Doch das täuscht: Rennschale, Wildlederlenkrad, Digital-Display sind an Bord. Was auf dem Monitor zur Begrüßung aufleuchtet, wird die Werkstuner nachdenklich stimmen: "Twingo RS Turbo". Dann bricht unter der Haube die Hölle los, denn dort ist ein aufgeladener und kräftig getunter Zweilitermotor eingezwängt – mit 238 PS Leistung und 340 Nm Drehmoment.

Entsprechend rasant geht der Twingo zur Sache: Nur kurz quietschen die Reifen, dann schüttelt sich der Zwerg, und schon rast die Digitalanzeige nach oben. Einmal zwinkern, und man fährt 50, zweimal zwinkern, 75, und bevor die Stoppuhr sieben Sekunden anzeigt, zählt der Tacho dreistellig. Da werden selbst deutlich größere Renner blass. "Spaß macht das allerdings nur geradeaus", sagt Rennfahrer Markus Oestreich, der den Bonsaiboliden ab und zu testet und mit der Straßenlage trotz Rennfahrwerk noch nicht zufrieden ist.

Tuning in zwei Stufen für den Kleinwagen Clio

Renault tritt auch eine Klasse höher mit einer Art Doppelspitze an. Für Schnellfahrer mit Bodenhaftung verkaufen die Franzosen zu Preisen ab 22.800 Euro den Clio Sport mit 197 PS starkem Zweiliter-Motor. Und für all jene, die ihr Glück auf der Rennstrecke suchen, gibt es eine Cup-Version mit Renntechnik. Von Schalldämpfern und Straßenauspuff befreit, kommt der Motor dort auf 204 PS, geschaltet wird ohne Kupplung mit sequentiellem Sechsganggetriebe und Schalter und Anzeigen sitzen blank auf einer Blechkonsole, denn alles was stören oder das Gewicht erhöhen könnte, fliegt aus dem Wagen. Anstelle von Teppichboden wurde Riffelblech verlegt, eine Rückbank gibt es nicht und die Lufthutze auf dem Dach ersetzt die Klimaanlage. 34.900 Euro netto kostet der Renner mit Straßenzulassung. Schon 500 Autos wurden gebaut, jedes zehnte davon fährt in Deutschland.

Auch beim Kompaktwagen Mégane lassen es die Franzosen jetzt, kurz vor dem Modellwechsel, noch einmal krachen und legen den Mégane Sport in einer Sonderserie namens R26R auf. Der kostet rund 35.000 Euro und tritt mit dem bekannten Zweiliter-Motor mit 230 PS an. Neu ist die Leichtbau-Diät mit Extras wie einer Motorhaube aus Karbon, Heck- und Seitenscheiben aus Polycarbonat sowie einem Leichtbausitz und dem Verzicht auf Nebensächlichkeiten wie Rückbank oder Klimaanlage – so wurden mehr als 120 Kilo eingespart.

Über die Nordschleife in weniger als acht Minuten?

Weil zudem Fahrwerk und Getriebe modifiziert wurden, flitzt der R26R noch flotter: Für den Spurt auf Tempo 100 braucht er 6,0 Sekunden, ein Ende findet der Vortrieb erst bei 237 km/h. Dass es noch rasanter geht, hat der Wagen vor ein paar Wochen auf der Nordschleife bewiesen: Mit 8 Minuten und 17 Sekunden war er schneller, als die meisten Serienfahrzeuge mit Frontantrieb. Noch in diesem Jahr soll er nicht nur den Rekord, sondern auch die Acht-Minuten-Marke knacken.

Natürlich passen solche Fahrzeuge selbst bei bescheidenen Stückzahlen nicht in die Zeit von Klimasorgen und Rekordpreisen an der Tankstelle. Doch der Faszination für Fahrspaß tun diese schlechten Rahmenbedingungen offenbar keinen Abbruch. Die meisten der 450 geplanten R26R sind längst bestellt. Und hierzulande war die Nachfrage nach den lediglich 26 für Deutschland reservierten Boliden so groß, dass nun wohl das Los entscheiden muss.