Renault Vel Satis: Adieu Oberklasse - DER SPIEGEL
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Renault Vel Satis: Downsizing à la francaise

Foto: Tom Grünweg

Renault Vel Satis Adieu Oberklasse

Kleinwagen, Kompaktautos, Vans - in den Segmenten mischen die französischen Hersteller vorn mit. Doch in der Oberklasse sind sie chancenlos. Mit dem Produktionsende des Renault Vel Satis verschwindet ein weiteres Auto dieser Klasse. SPIEGEL ONLINE sagt dem eigenwilligen Auto adieu.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Renault muss sparen, und Konzernchef Carlos Ghosn zieht die Notbremse. Um die Renditeziele zumindest langfristig noch erreichen zu können, hat der Chef eine Ausdünnung der Modellpalette angeordnet. Der Kahlschlag trifft vor allem die Oberklasse, in der Renault bislang noch mit der feudalen Großraumlimousine Espace und dem unkonventionellen Vel Satis unterwegs ist. Weil der Espace durch den neuen Grand Scénic Konkurrenz aus dem eigenen Haus erhält und Oberklasse-Kunden offenbar lieber deutsche Produkte fahren, gilt ersterer als akut bedroht - und das Ende des Vel Satis ist längst beschlossen. Die Produktion des 2002 vorgestellten Luxusliners läuft aus. SPIEGEL ONLINE war mit der eigenwilligen Limousine noch einmal en route.

Mit dem Vel Satis verliert das automobile Oberhaus ein interessantes Auto, das schwer zu kategorisieren ist. Wo andere auf das klassische Stufenheck setzen, trägt er den schrägen Abschluss eines Kombis, an dem aber dann doch ein kleiner Bürzel klebt. Während man in anderen Limousinen sitzt, thront man im Vel Satis eher. So wird jede Fahrt zur entspannten Reise, sobald man die Chipkarte in den Schlitz gesteckt und den Starterknopf gedrückt hat.

Seine Trümpfe spielt der Vel Satis vor allem im Interieur aus. Dort bietet er auf allen fünf Plätzen mehr Raum als sämtliche Mitbewerber, speziell im Fond dürften selbst Passagiere der Mercedes-S-Klasse neidisch werden. Und der Kofferraum fasst ebenfalls großzügige 460 Liter. In Reihe eins gibt es zwei riesige First-Class-Sessel mit um zehn Zentimeter erhöhter Sitzposition und einer horizontal geteilten und damit ideal einstellbaren Rücklehne. Außerdem setzt der Vel Satis mit einer feinen Kombination aus Kunststoff, Leder, Holz und Aluminiumdekor ansehnliche Akzente. Und was die Liebe zum Detail betrifft, ist er manch klassischem Modell weit überlegen, denn selbst hinter den Zierleisten und unter der Rückbank gibt es noch eine Vielzahl von Ablagen.

Der Renault Vel Satis ist vor allem in Deutschland eine Rarität

In der aktuellen Preisliste, die ein Spektrum von 46.500 bis 51.000 Euro umfasst, steht der Vel Satis mit einem 173 PS starken Vierzylinder-Diesel, einem 3-Liter-V6-Selbstzünder mit 181 PS und einem 3,5-Liter-V6-Benziner mit 241 PS. Unter der Haube des Testwagens jedoch werkelte noch der alte Vierzylinder-Benziner mit zwei Liter Hubraum und Turbolader, der mittlerweile gar nicht mehr angeboten wird. 170 PS und 270 Nm reichen, dosiert von einer gemütlichen Fünf-Stufen-Automatik, für die behagliche Ausfahrt. Wenn es sein muss, schafft der französische Koloss den Sprint von 0 auf 100 trotzdem in zehn Sekunden und ist mit 205 km/h auch ausreichend schnell.

Der Renault Vel Satis wurde in Deutschland weniger als hundertmal pro Jahr verkauft. Und er ist nicht das einzige Top-Modell eines französischen Herstellers, das jetzt die Segel streicht. Auch Peugeot und Citroën kommen in dieser Klasse kaum voran. Sowohl der Peugeot 607 als auch der Citroën C6 dümpeln mit 94 und 138 Neuanmeldungen in den ersten neun Monaten dieses Jahres laut Kraftfahrt-Bundesamt am Ende der Zulassungsstatistik. Die Folge: Vermutlich wird es für beide Autos vorerst kein Nachfolgemodell geben.

Auch die anderen französischen Oberklasse-Modelle stehen vor dem Aus

Bei Citroën gibt es dazu aus Paris bereits eine offizielle Absage. Bei Peugeot hingegen beweist man einen etwas längeren Atem. "Der 607 ist etabliert, verkauft sich in kleinen Stückzahlen relativ stabil und macht im Augenblick wenig Arbeit. Deshalb wird er wohl noch bis nächstes Jahr weiterlaufen", sagt Firmensprecher Bernhard Voss. Dass im Anschluss allerdings gleich ein Nachfolgemodell folgt, hält er für unwahrscheinlich. Zwar kursierten bereits Pläne für ein neues Flaggschiff, doch wurden die angesichts der Wirtschaftskrise zurückgestellt. "Aufgeschoben ist nicht aufgehoben", orakelt Voss. "Schließlich hat die Wartezeit in der Oberklasse von Peugeot bereits Tradition. Auch zwischen den Modellen 605 und 607 lagen ein paar Jahre."

Die wenigen Kunden außerhalb Frankreichs werden die Oberklassen-Abstinenz von Renault, Citroën und Peugeot verschmerzen. Und auch im Heimatland des Trios fährt man in dieser Preisklasse lieber andere Autos. Schwierig wird der Verzicht auf repräsentative Modelle jedoch für die französische Staatsbürokratie, die dem nationalen Kraftwagen verpflichtet ist. Noch gibt es allerdings reichlich Restbestände. Und zumindest Staatschef Sarkozy dürfte auch in einem kleineren Modell genug Platz haben.