Rundgang in Genf: Salon der Suchenden - DER SPIEGEL
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Rundgang in Genf Salon der Suchenden

Bei Opel wurden Alphörner geblasen, Dodge ließ einen Schwarm Papierbienen fliegen, Saab hatte 55 Tonnen Eis aus Schweden herangeschafft - der 76. Genfer Auto-Salon ist eine bildgewaltige Branchenschau. Trends lassen sich angesichts der Reizüberflutung nur schwer ausmachen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Früher war es ganz einfach. Automessen funktionierten nach dem Prinzip Überraschungsei: Es gab leckere Autos und dazu kamen zwei, drei Überraschungen. Aus den Überraschungen ließen sich Trends ableiten. Inzwischen aber, und das macht der gegenwärtig stattfindende Autosalon in Genf deutlich, gibt es nur noch Schokolade oder nur noch Überraschungen - das kommt ganz auf den Informationsstand des Beobachters an. Die Folge heißt Übersättigung. Trends lassen sich kaum noch ausmachen, fast alle Hersteller experimentieren mit anderen Zutaten, um ein Erfolgsrezept herauszufinden.



In Genf wird schon nach dem ersten Rundgang klar, dass dies ein Salon der Suchenden ist. Wo ist eine noch unbesetzte Marktnische? Welche Lücke lässt sich noch lukrativ schließen? Wie können Kunden gewonnen oder zumindest gehalten werden? Was muss ein Auto künftig haben, damit es sich verkauft? Die Antworten sind so vielfältig wie die Marken, die sie geben. Audi speckt einerseits den Riesen-SUV Q7 zum Soft-Allradler A6 Allroad ab. BMW bringt das Z4 Coupé auf den Markt und schiebt gleich noch ein Rennmodell hinterher, das mit 400 PS und für einen Preis von 250.000 Euro Privatrennfahrer zu Siegern machen soll.

Thema Hybrid wirkt fast veraltet

Mercedes wiederum zeigt diverse AMG-Modelle sowie einen neuen Benzin-Direkteinspritzer namens CGI, der ab Herbst im viertürigen Coupé CLS zum Einsatz kommen und den Wagen mit 292 PS auf Trab bringen soll. Zugleich verkündet der neue Chef Dieter Zetsche die Einsicht, dass Mobilität nicht erst bei werweißwieviel PS beginnt, sondern angesichts schrumpfender Ressourcen Zurückhaltung angebracht sei. "40 Prozent aller Mercedes-Modelle in Westeuropa", so Zetsche, "sind Sechs-Liter-Autos. Und ich spreche nicht von Hubraum." Er meint natürlich den durchschnittlichen Benzinverbrauch. Zugleich aber deutet er damit an: 60 Prozent der Mercedes-Fahrzeuge in Westeuropa schlucken mehr Sprit - und nahezu alle neu präsentierten Modelle gehören wohl dazu.

Das Thema Hybrid, vor Jahresfrist noch das große Ding, wirkt inzwischen fast veraltet. Peugeot und Citroën sind jetzt dabei, Lexus sowieso, doch viel Aufhebens wird darum nicht mehr gemacht. Mercedes favorisiert derzeit die saubere Dieseltechnik Bluetec, und bei VW steht ein Polo namens Bluepower, der ebenfalls sparsam und sauber fahren soll. Denn auch der Wolfsburger Konzernlenker Bernd Pischetsrieder hat erkannt, dass es nicht ewig mit dem Benzinverfeuern weitergehen wird. "Die lineare Extrapolation der Vergangenheit in die Zukunft ist keine nachhaltige Lösung", sagte Pischetsrieder beim VW-Markenabend während seines Referats. Im Klartext hieß das wohl: Wir müssen umdenken.

Die Erkenntnis ist toll, aber besonders viel ist davon beim Genfer Salon nicht zu sehen. Saab zeigt Autos, die mit Ethanol fahren können und das in Schweden auch tun, jedoch gibt es in Deutschland gerade mal zwei Tankstellen, die das Benzin-Alkohol-Gemisch anbieten. Mitsubishi und Toyota stellen Fahrzeuge mit Elektro-Radnabenmotoren vor, die emissionsfrei betrieben werden können, aber derzeit nicht mehr sind als Studien. Wer bei Industrievertretern nachfragt, erhält ungefähr folgende Antwort: Die Politik müsse endlich mal ein paar Weichen stellen, damit klar werde, auf welche alternativen Kraftstoffe man sich konzentrieren solle.

Gläserne Emily

Bis es soweit ist, bleibt die Technik weitgehend konventionell, aber die Verpackung wird immer wieder neu erfunden. Ford etwa versucht es mit variablen Van-Modellen wie dem flüssig gestylten S-Max und dem nur fünf Zentimeter längeren und wesentlich braveren Galaxy. VW setzt, wie die Studie Concept A verdeutlicht, eher auf kompakte Geländeautos, und Opel möchte sein Image aufpeppen mit der Wiedergeburt des GT - diesmal jedoch nicht als superschlankes Coupé wie in den Siebzigern, sondern als rassiger Roadster mit 240 PS starkem Turbomotor.

Cabrios mit faltbaren Stahldächern gibt es ebenfalls en masse: In den nächsten Monaten starten zunächst der Opel Astra Twin Top, sodann der VW Eos und im Herbst schließlich das Ford Focus Coupé-Cabrio. Vor allem aber gibt es in Genf ein rundes Dutzend ziemlich extremer Autos, die zeigen, dass bei allzu großer Unsicherheit eines auf jeden Fall funktioniert: hohe PS-Zahlen und tiefer gelegte Fahrwerke. Exotische Marken wie Pagani oder Spyker oder Koenigsegg zeigen neue Supersportwagen. Lamborghini hält mit dem überarbeiteten Murcièlago LP640 dagegen, Ferrari mit dem 599 GTB.

Selbst Rolls-Royce setzt wieder ein Ausrufezeichen bei einer Automesse und präsentiert das Experimentalfahrzeug - so heißen Studien bei sehr vornehmen Marken - 101 EX. Das Coupé ist 5,61 Meter lang und so wuchtig designt wie wohl noch nie ein Rolls-Royce zuvor. Ein Zwölfzylindermotor steckt unter der fast Tischtennisplatten-großen Haube. Und ganz vorne breitet die Kühlerfigur Emily ihre Flügel aus. Sie ist in diesem Fall aus milchigem Glas gearbeitet. Das sieht sehr fein aus, doch leider lässt sich daraus auch kein Trend ablesen.