Rußpartikel-Alarm: Welcher Diesel darf in die Innenstadt? - DER SPIEGEL
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Rußpartikel-Alarm Welcher Diesel darf in die Innenstadt?

Diesel müssen draußen bleiben? Schon im nächsten Jahr könnte das in zahlreichen deutschen Innenstädten für Dieselautos ohne Rußpartikelfilter gelten. Deshalb arbeiten Hersteller und Zulieferer mit Hochdruck an Nachrüstlösungen für ältere Dieselmodelle.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Frankfurter City soll für Dieselautos ohne Rußpartikelfilter gesperrt werden, und auch auf Berliner Boulevards darf ein altgedienter Diesel nicht mehr promenieren. Der Deutsche Städtetag verschreckte am Wochenende mit diesen Plänen, die schon im nächsten Jahr umgesetzt sein können, die Besitzer von rund neun Millionen Diesel-Pkw sowie von gut einer Million Kleinlast- und Lieferwagen. Dabei sind Sperrzonen in besonders belasteten Innenstadtbereichen für Dieselfahrzeuge ohne Rußpartikelfilter spätestens seit der Einführung der EU-Feinstaubrichtlinie zum Januar 2005 in der Diskussion.

Nach dem europäischen Gesetz darf der Grenzwert von 50 Mikrogramm Staub je Kubikmeter Luft an maximal 35 Tagen im Jahr überschritten werden. Wird öfter mehr Staub aufgewirbelt, müssen die Kommunen Gegenmaßnahmen ergreifen - in diesem Jahr war das in Deutschland bislang bereits in 14 Städten der Fall. Unter anderem sind es die Rußpartikel, die zur Feinstaubkonzentration beitragen. Und noch immer können nicht alle Hersteller die serienmäßige Ausrüstung von Dieselmodellen mit Filtern sicherstellen.

Vor allem aber fragen sich die Fahrer älterer Dieselmodelle, wie sie ihre Autos Rußpartikel-frei bekommen können, um einerseits weiterhin freie Fahrt zu erhalten, andererseits aber auch den Wiederverkaufswert ihres Wagens möglichst stabil zu halten. Eine Nachrüstung mit einem Rußpartikelfilter bietet sich an. Zwei Hersteller in Deutschland haben die Technik im Angebot: die Firmen Twin Tec aus Königswinter und HJS aus Menden. "Wir warten noch auf die technischen Rahmenbedingungen, nach denen wir unsere Filtersysteme auslegen müssen, dann könnte es sofort losgehen", sagt Annette Staudacher, Unternehmenssprecherin von HJS. Ein Nachrüstfilter würde inklusive Einbau zwischen 650 und 750 Euro kosten.

In diesem Rahmen bewegt sich auch die Kalkulation von Twin Tec. Unternehmenssprecher Rainer Werthmann: "Ich rechne damit, dass die technischen Spezifikationen bis November fixiert sind. Dann könnten wir noch in diesem Jahr mit unserem Produkt auf den Markt kommen. Aber möglicherweise geht nach der Bundestagswahl die Diskussion noch einmal von vorne los." Übereinstimmend erklären sowohl HJS als auch Twin Tec, dass zunächst Lösungen für die Volumenmodelle angeboten würden und erst danach auch Rußpartikelfilter zum Nachrüsten für Diesel-Pkw, die in kleineren Stückzahlen gebaut und verkauft wurde.

SPIEGEL ONLINE fragte auch bei einigen Autoherstellern nach, wie weit die Planungen für Nachrüstlösungen gediehen sind. Von Opel und Mercedes verlautete, man arbeite derzeit an Nachrüstlösungen, könne aber noch keine exakten Angaben über Preise, Verfügbarkeit oder technische Spezifikationen machen. Auch Ford hält sich noch zurück. "Das Dilemma ist, das wir noch gar nicht wissen, was der Filter können muss und wie es mit der steuerlichen Förderung aussieht", sagt Ford-Sprecher Isfried Hennen. Außerdem müsse die Umsetzung der EU-Feinstaubrichtlinie ja nicht unbedingt bei den Diesel-Pkw ansetzen, sondern man könne, so Hennen, "zuerst einmal die Lkw sauberer machen oder die Straßen gründlicher reinigen", denn dies seien zwei wesentliche Staubquellen.

Volkswagen will "ab Herbst eine große Nachrüstkampagne starten", kündigt VW-Sprecher Harthmuth Hoffmann an. Angeboten würden sogenannte offene Systeme, die zwischen 30 und 50 Prozent der Rußpartikel aus dem Abgasstrom filtern könnten. Auch einen Preis haben die Wolfsburger schon kalkuliert. Hoffmann: "Wir peilen eine Komplettlösung für 565 Euro an."

Dem Fahrverbot in Innenstädten oder bei Feinstaubalarm können nur schadstoffarme Fahrzeuge entkommen. Um die Überwachung zu erleichtern, sollen diese nach Plänen der Bundesregierung in vier verschiedene Gruppen aufgeteilt werden, die Plaketten in Ampelfarben erhalten sollen. Prangt ein grüner Aufkleber auf der Windschutzscheibe, hat der Besitzer freie Fahrt - solange kein völliges Fahrverbot ausgesprochen wird. Besitzer gelber Plaketten haben da schon öfter das Nachsehen, gefolgt von orangen und blauen. Wobei "Grün" für nahezu Rußpartikel-freie Diesel-Pkw, schadstoffarme Autos mit Benzinmotor und Elektroautos vergeben wird. "Gelb" werden die Euro-4-Dieselfahrzeuge ohne Rußpartikelfilter markiert, "Orange" jene Modelle, die die Abgasnorm Euro-3 erfüllen. "Blau" schließlich erhalten Benzin-Fahrzeuge ohne geregelten Katalysator.

Die Entscheidung über die Einführung, so teilte Bundesumweltminister Jürgen Trittin mit, werde voraussichtlich am 31. August getroffen. Noch letzte Woche hatte Innenminister Otto Schily kurz vor der Verabschiedung im Kabinett ein Veto eingelegt, es gäbe noch rechtliche Probleme. Derweil haben die Baden-Württemberger eine neue Idee: Sie schlagen ein System aus 15 verschiedenen Plaketten vor. Alte Diesel-Pkw ohne Partikelfilter werden auf alle Fälle draußen bleiben müssen.