Sachsen-Anhalt Kahlschlag im Schilderwald
Magdeburg - Ortsschilder helfen bei der Orientierung, und auch ihr emotionaler Wert ist nicht zu unterschätzen. Für die Einwohner einer Ortschaft können sie ein Stück Identifikation sein. Veränderungen werden ungern gesehen und wenn doch eine naht, kann ein Erinnerungsstück die Umgewöhnung erleichtern. Bei den Sachsen-Anhaltern geht der Lokalpatriotismus so weit, dass sie die Ortsschilder ihrer alten Landkreise klauen, und zwar wie die Raben.
Alles begann am 6. Oktober 2005 mit einem Beschluss des Landtags. Eine Kreisgebietsreform sollte die Zahl der Landkreise von 21 auf 11 reduzieren. Fusionen bedürfen neuer Namen - keine gute Basis für Traditionen. Erst recht in Sachsen-Anhalt, wo es seit 1948 bereits drei Kreisreformen gegeben hat. Zuletzt waren 1994 die 37 Landkreise zu 21 zusammengeschlossen worden. Das nahende Inkrafttreten der neuesten Reform, der 1. Juli 2007, rief nun Schilderdiebe auf den Plan. Die alten Schilder wurden vielerorts kurzerhand und eigenmächtig abgeschraubt.
Das Objekt der Begierde ist die genormte Ortstafel des Typs "Zeichen 310 der StVO: Ortseingang". Die gelben Schilder führen unter dem Ortsnamen auch den jeweiligen Landkreis auf. "Es zeichnet sich ab, dass sich einige Bürger die Schilder vereinnahmen", sagt Jochen Dietsch, Leiter der Verwaltungsgemeinschaft Raguhn, zu der sechs Gemeinden und zwei Städte zählen. Sein ehemaliger Landkreis Bitterfeld gehört nun zu Anhalt-Bitterfeld. Knapp ein Viertel der Schilder in seiner Zuständigkeit sind "Verluste", wie es Dietsch nennt.
Kahlschlag im Harz
Weitaus drastischer fällt die Sammelwut im neuen Landkreis Harz aus. Dort wurden bislang knapp 50 Prozent aller Schilder geklaut, im ehemaligen Landkreis Wernigerode gar 60 von 88. "Bei einem historischen Wert steigt die Sammelleidenschaft", sagt Peter Mennicke, Sprecher im Verkehrsministerium. Auch bei der Gebietsreform 1994 seien Schilder abhanden gekommen.
Die außergewöhnlichen Memorabilien sind heiß begehrt. Die ersten Schilder seien schon zu Jahresbeginn verschwunden. "Vielleicht haben einige befürchtet, dass später keine Schilder mehr da sind", mutmaßt ein Polizeisprecher. Der Schilderklau löst derweil eine eigenwillige Kettenreaktion aus: Selbst in Kreisen, die nicht fusionieren, greift die Begierde um sich. Im Landkreis Stendal wurden vier Schilder gestohlen.
Sobald alle Landkreise endgültig über ihre Namensgebung befunden haben, haben die alten Schilder, sachlich betrachtet, ausgedient. Vereinzelt sind sie für regionale Museen und Stadtverwaltungen vorgesehen. Der Rest wird gelagert. "Wir hätten die Schilder sowieso ausgetauscht", sagt der Mitarbeiter eines Bauamts im südlichen Sachsen-Anhalt. Die freche Selbstbedienung sei also nicht dramatisch. Im Gegenteil, sie habe sogar Arbeit gespart.
Torsten Landsberg, ddp