Sammlerin Barbara Atwood: Die Auto-Lady - DER SPIEGEL
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Sammlerin Barbara Atwood Die Auto-Lady

Autos gelten als Männerspielzeuge, bei denen Frauen allenfalls schmückendes Beiwerk sind. Das sieht man auf Tuningmessen des Prekariats ebenso wie auf den Oldie-Veranstaltungen der High Society. Die US-Industrieerbin Barbara Atwood aber brach mit dieser Regel.
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Jay Leno, Ralph Lauren, Arthuro Keller - überfliegt man die Siegerliste bei Oldtimer-Gipfeln wie dem Concours d'Elegance in Pebble Beach, findet man darauf fast ausschließlich Männernamen. Frauen tauchen bei solchen Oldtimer-Gipfeln allenfalls als stilvoll gekleidete Begleitung auf. Die Autowelt gehört, so das gängige Vorurteil, dem Manne. Die Regel ist ebenso richtig wie die Tatsache, dass es Ausnahmen gibt. Zum Beispiel die amerikanische Industrieerbin Barbara Atwood, die es im Kreis der Autosammler auf Weltniveau zu stillem, jedoch beachtlichen Ruhm brachte.

"Sie war ohne Zweifel die größte und leidenschaftlichste Autosammlerin ihrer Zeit", sagt Mike Fairbairn vom auf Oldtimer spezialisierten Auktionshaus RM über die Amerikanerin. Bis auf wenige Einzelstücke allerdings hat bislang kaum jemand ihre außergewöhnliche Kollektion klassischer und zumeist offener US-Fahrzeuge aus der Vorkriegszeit zu Gesicht bekommen. Nachdem aber die Auto-Dame im Sommer 2008 im Alter von 87 Jahren gestorben ist, soll sich das ändern: Im Januar kommen die ersten 24 ihrer PS-Pretiosen bei der Auktion "Automobiles of Arizona" in Phoenix unter den Hammer.

Zwar entbrannte Mrs. Atwoods Liebe zu alten Autos erst im hohen Alter. Doch Benzin hatte die Dame schon früh im Blut. Ihr Vater, der sein Geld zunächst mit Staubsaugersystemen für Hotels und Bürokomplexe verdiente, stolperte eher zufällig in die Autoindustrie: Genervt vom Klappern seiner Autotür, erfand Seth Atwood einen verstellbaren Dämpfer und legte damit den Grundstein für ein großes Zulieferunternehmen. Die Firma baute Scharniere, Sitzverstellungen oder Teleskopfedern für Kofferraumdeckel und später sogar Kupplungen, die an alle großen US-Hersteller verkauft wurden.

Modelkarriere, Doktorarbeit und ein altes Cabriolet

An der Hand ihres Vaters stapfte die junge Barbara praktisch durch alle großen Autofabriken in Amerika, stöberte durch Teilelager, kraxelte unter Fließbänder und lernte mit Stolz, dass ihr Familiennamen in Millionen Fahrzeugen durchs ganze Land rollte. Doch je älter Barbara wurde, desto weiter rückten die Autos in den Hintergrund. Stattdessen stand die junge Dame Modell für die Zeitschrift "Vogue", engagierte sich in der Gesellschaft und für den Naturschutz, zog mit den US-Soldaten in den Krieg und erwarb einen Doktortitel in Psychologie.

Erst gegen Ende des Berufslebens erinnerte sich die Millionenerbin an die früheren Fabrikbesuche und entdeckte ihre Liebe zu dem Chrysler Windsor Cabriolet von 1941, das ihr die Eltern vermacht hatten. Der Wagen wurde zum Grundstein einer Sammlung von mehreren Dutzend Klassikern aus der amerikanischen Vorkriegszeit, zu denen auch Modelle längst vergessener Marken wie Herreshoff, Graham-Paige, Hudson oder Stutz zählen. Die Gemeinsamkeit der meisten dieser Raritäten: Wie das erste Modell der Sammlung sind es fast ausnahmslos Cabrios, Roadster und andere Open-Air-Modelle.

Restaurierung bis zur letzten Schraube

Je tiefer Atwood den Klassikern unters Blech blickte, desto größer wurde ihre Begeisterung, und desto liebevoller und gründlicher ließ sie die Oldtimer restaurieren. Während andere Sammler oft nur auf Lack und Leder schauen, kümmerte sie sich um jede Schraube und Dichtung. Vielleicht wusste sie, als Erbin eines Zulieferbetriebes, um den wahren Wert solcher Kleinteile. Der Lohn für diese Akribie blieb nicht aus: In nur acht Jahren errang Barbara Atwood allein sechs Klassensiege in Pebble Beach.

Von solchen Stippvisiten in der Öffentlichkeit einmal abgesehen, glänzte ihre Sammlung die meiste Zeit hinter verschlossenen Türen. Zwar waren die Garagen durchaus auf Besucher ausgerichtet, doch sehen durften die Autos nur wenige. RM-Chef Fairbairn spricht von einem verborgenen Schatz, der erst jetzt, ein halbes Jahr nach dem Tod der Sammlerin, gehoben wird. Wenn das Auktionshaus im Januar in Phoenix insgesamt mehr als hundert Oldtimer unter den Hammer bringt, sind darunter auch die bereits erwähnten zwei Dutzend Klassiker aus der Atwood-Kollektion.

Unterm Hammer: Der letzte Duesenberg seiner Art

Glanzlichter der Versteigerung sind laut Fairbairn ein 29er Duesenberg Model J, das als weltweit letzter Duesenberg mit einer Karosserie des Hauses Fleetwood gilt und einen Verkaufserlös von einer Million Dollar einbringen soll; außerdem ein Sport Phaeton von Graham-Paige aus dem Jahr 1929, der auf 275.000 Dollar taxiert wird. Dieses Auto wurde als Einzelstück eigens für die New York Auto Show entworfen und von der Tochter des Firmengründers Joseph Graham ausgestattet.

Ebenfalls Einzelstücke sind das Lincoln Victoria Cabrio, das der Karosseriebauer Brunn einst für die Tennisspielerin Eleanora Sears auf die Räder stellte, oder der Marmon Sixteen Convertible Sedan von 1933, der als eines der letzten Autos dieses Herstellers gilt und lange Jahre von der Frau des Chefs gefahren wurde. Nur ein Auto steht bislang nicht auf der Liste der zum Verkauf angebotenen Fahrzeuge: Das Chrysler Cabrio, mit dem einmal alles begann, behält die Familie für sich.