Schadstoffklassen: Die Grenzen der Wertediskussion - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Schadstoffklassen Die Grenzen der Wertediskussion

Saubere Motoren gelten inzwischen als Verkaufsargument für die Automobilhersteller. Das ist verständlich, denn mit einem abgasarmen Aggregat lassen sich Kfz-Steuern sparen und obendrein ökologisch orientierte Kunden überzeugen. Im Schadstoffklassen-Dickicht kennen sich jedoch nur Fachleute aus.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Grund für die Unübersichtlichkeit der Schadstoffklassen, der Einstufungen einzelner Autotypen und die damit verbundene Förderung und Steuerminderung ist ein deutscher Sonderweg. Zunächst nämlich wurden von der EU in Brüssel Grenzwerte für Automobile festgelegt und verbindlich beschlossen, etwa die Euro-3-Norm, die 2000 in Kraft trat, und die Euro-4-Norm, die ab dem 1. Januar 2005 gelten wird. Im ersten Jahr gilt diese Norm verbindlich für Fahrzeugtypen, die neu auf den Markt kommen, ab 2006 dann aber muss jedes Auto, das erstmals zugelassen wird, die Euro-4-Norm erfüllen.

Und der deutsche Sonderweg? Um schadstoffarme Fahrzeuge bereits vor In-Kraft-Treten der Euro-Normen fördern zu können, beschloss die Bundesregierung, vorab eigene Grenzwerte festzulegen: die so genannten D-Werte. Dabei lehnte sich die D-3-Norm an die Euro-3-Norm und die D-4-Norm lehnt sich an die Euro-4-Norm an. Aber D- und Euro-Normen entsprechen einander nicht.

Das liegt an den unterschiedlich zu Stande gekommenen Grenzwerten, die beide Normen vorschreiben. "Während die Euro-Werte auf realen Messungen beruhen, die auch den Kaltstart des Motors beinhalten, basieren die D-Werte auf Messungen, bei denen die Abgasmessung erst 40 Sekunden nach dem Starten des Motors begann", wie Ronald Scheidhauer erklärt, Diplomingenieur beim ADAC-Technikzentrum in Landsberg. In die D-Norm wurde dann ein Kaltstart-Anteil eingerechnet, doch der so entstandene Schadstoffwert ist eben kein "Resultat einer realen Messung", betont Scheidhauer. "Die kleinen Unterschiede sind in diesem Fall ein Dilemma." Wobei sich die Grenzwerte der D-4- und der Euro-4-Norm inzwischen durch neue Anpassungen weitgehend angenähert haben. Der große Unterschied zwischen beiden Normen ist allerdings die "Onboard-Abgasdiagnose". Autos, die die Euro-4-Norm erfüllen, müssen dieses Abgaskontrollsystem an Bord haben. Für die D-4-Norm ist dies nicht erforderlich.

Die Problematik liegt also einerseits in der Begriffsverwirrung, andererseits in einigen Details, die eben nicht identisch sind in beiden Schadstoff-Kategorien. Scheidhauer: "Fahrzeuge, welche die D-4-Norm erfüllen, halten damit nicht automatisch auch die Euro-4-Norm ein. Das haben auch diverse Messungen auf unseren Prüfständen ergeben." Fazit: Obwohl die finanzielle Förderung suggeriert, ein D-4-Auto erfülle bereits die Euro-4-Norm und habe deshalb eine entsprechende Abgasbehandlung an Bord, trifft dies in technischer Hinsicht nicht zu. Spätestens ab 2006 (siehe oben), wird aber auch diese Verwirrung ein Ende haben. Dann nämlich gilt uneingeschränkt für alle Neufahrzeuge die Euro-4-Norm, und die D-4-Bestimmungen werden bedeutungslos.