Schrottplatz: So läuft das Geschäft mit Schrottautos - DER SPIEGEL
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Handel mit Schrottautos: Jeden Tag ein Schlachtfest

Foto: Fabian Hoberg

Handel mit Schrottautos Wie kaputt ist das denn?

Auf seinem Hof stapeln sich mehr als 4000 demolierte Autos: Jesse Vanlingen leitet einen der ältesten Schrottplätze Europas, in dritter Generation. Für manche der Karren ist hier Endstation - für die meisten aber nur Zwischenhalt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Fast alle Autos landen irgendwann bei Leuten wie Jesse Vanlingen. Der 23-Jährige ist Chef von einem der ältesten und größten Fahrzeugverwerter Europas, der Carlo Vanlingen NV im belgischen Helchteren. Er ist jüngster Sprössling einer Dynastie von Schrottplatzhändlern und leitet das Familienunternehmen in dritter Generation. Als kleiner Junge spielte er zwischen den alten Karren, als Schüler zerlegte er sie und half, sie in der Presse zu zerquetschen. Nach einer Ausbildung zum Mechaniker und Kaufmann übernahm er den Betrieb.

Auf seinem Hof stehen 4000 Fahrzeuge, geparkt in Reihen, sortiert nach Marken, umschlossen von mehreren Tausend quadratischen Metallklötzen, die auch mal Autos waren. Der Schrottplatz ist nicht nur eine Endstation für die Autos, sondern auch eine Zwischenstation. Von hier aus nimmt etwas Neues seinen Beginn.

Bei jedem der Fahrzeuge stellt sich für Jesse Vanlingen die gleiche Frage: "Verkaufen, ausschlachten oder zusammenpressen?"

Täglich werden 30 Auto zerpflückt

Jesses Großvater, Jaques Vanlingen, gründete die Firma 1968. Seitdem hat sich vieles verändert. Der Schrottwagenhandel ist schwieriger geworden. Und das liegt nicht nur daran, dass ausrangierte Autos mittlerweile schwerer zu finden sind - denn mit dem sinkenden Neuwagenabsatz wird auch das Angebot auf dem Gebrauchtwagenmarkt knapper.

Zu Großvater Jaques Zeiten stapelten sich bei den Vanlingens noch 10.000 Autos. Ihr Blech rostete vor sich hin, Öl und Bremsflüssigkeiten sickerten in den Boden. An die Umwelt dachte niemand. Als Jesses Vater, Carlo Vanlingen, das Unternehmen übernahm, wurden die Auflagen schärfer. Aus dem Schrottplatz wurde Anfang der Neunzigerjahre ein modernes Verwertungsunternehmen. Und Jesse Vanlingen leitet nun einen zertifizierten Autorecyclinghof.

Meterhoch stapeln sich in Helchteren die zerquetschten Autos

Meterhoch stapeln sich in Helchteren die zerquetschten Autos

Foto: Fabian Hoberg

Wurden die Autos früher einfach auf dem Gelände geparkt, werden sie heute zerlegt. "Wir haben kein Lager, kleinere Ersatzteile bleiben bis zum Verkauf an den Autos", sagt Vanlingen. Er optimierte dafür die Arbeitsprozesse. Seine Mitarbeiter filetieren täglich bis zu 30 Fahrzeuge. Die meisten Modelle sind von Ford, Citroën, Peugeot und Renault, aber auch Wagen von Jaguar und Volvo sind dabei. Die Autos stammen größtenteils aus den Neunzigern.

"Wir suchen genau aus, welche Autos wir als Ersatzteilspender benutzen können", sagt Jesse Vanlingen. Die Fahrzeuge kauft er von Behörden, Versicherungen, Unternehmen und Privatbesitzern, oft in großen Paketen von bis zu hundert Stück. Die Mechaniker zapfen Öl und andere Flüssigkeiten ab, reißen den Katalysator raus und entfernen den Motor samt Getriebe. Batterie und Reifen werden demontiert. Im Schnitt dauert es etwas weniger als eine Stunde, bis ein Spender zerpflückt ist.

"Die Leute reparieren kaum noch etwas selbst"

Die meisten Teile exportiert Vanlingen an Großkunden. Seine Hauptabnehmer sitzen in Afrika, im Mittleren Osten, in Russland, Armenien und Georgien. Jede Woche verlässt ein vollgepackter Container den Recyclinghof.

Hoffnungslose Fälle landen in der sieben Meter langen Presse. Deren Hydraulik wird von einem 500-PS-Dieselmotor angetrieben, ihrer Wucht von 700 Tonnen hält kein Fahrzeug Stand. Über 6500 Autos werden in der Anlage pro Jahr zu Klötzen gequetscht. Auch die Blöcke macht Vanlingen zu Geld, seine Kunden schreddern sie und schmelzen sie anschließend ein.

Nur wenige Privatkunden fragen nach Teilen, und einen Onlinehandel will Vanlingen nicht aufziehen. "Das wäre bei den täglich wechselnden Autos zu viel Aufwand."

Schatzsucher, die auf der Jagd nach billigen Ersatzteilen die Schrottplätze durchwühlen, bekommt der Mittzwanziger schon gar nicht mehr zu sehen. "Die Leute in Europa reparieren kaum noch etwas selbst", sagt er. Das Aussterben der Autoschrauber bereitet ihm Sorgen - denn in einigen Jahren könnte diese Entwicklung auch in den Exportländern ankommen, vermutet er. Steigt dort der Elektronikanteil in den Fahrzeugen, werde es weniger Hinterhof-Schrauberwerkstätten geben.

Und in Zukunft könnte es ihm und seinen Mitarbeitern auch schwerer gemacht werden: "Durch die Hybrid- und Elektrofahrzeuge mit ihren großen Batterien wird das Zerlegen komplizierter." Dafür könne vielleicht der Batterie- und Elektroschrotthandel florieren.

Ab nach Afrika

Aber noch ist es nicht so weit. Jesse Vanlingen steht jetzt vor einem Gabelstapler, der einen VW Golf III geladen hat. Sein Besitzer baute einen Unfall damit, Front und Kotflügel sind verbeult, die Karosserie verzogen - ein wirtschaftlicher Totalschaden.

Verkaufen, ausschlachten oder zusammenpressen?

Der Motor springt sofort an und läuft rund. Zu schade für die Presse - aber ideal als Organspender für ein altes Auto in Afrika oder Armenien.