Schweizer Automarkt Heile Welt der Alpen
In den Alpen ist die automobile Welt noch in Ordnung: Während der deutsche Markt im vergangenen Jahr um mehr als neun Prozent einbrach, können Händler und Importeure in der Schweiz sehr zufrieden über den bevorstehenden Autosalon in Genf bummeln. Sie haben die Absatzzahlen einmal mehr gesteigert und nach 3,9 Prozent Zuwachs im Jahr 2006 im vergangenen Jahr um 5,7 Prozent zugelegt.
Der Trend spricht also für die Eidgenossen, wenn auch auf bescheidenem Niveau. Selbst Bundesländer wie Hessen oder Niedersachsen kommen in der Einzelwertung für 2007 auf mehr als 284.674 Neuzulassungen, die der Marktbeobachter Jato Dynamics für die Schweiz ausweist. Und insgesamt haben die Deutschen mit gut 3,1 Millionen Zulassungen eben doch mehr als zehnmal so viele Autos gekauft.
Auf den ersten Blick gleicht das Straßenbild in der Schweiz dem in den Nachbarländern. "Doch ein wenig anders ticken die Uhren in der Schweiz schon", sagt Jato-Chef Helmut Hackner. Er meint damit zum Beispiel den Mangel an heimischen Marken. Während der Automarkt in Deutschland, Frankreich oder Italien immer auch das Ringen zwischen Herstellern und Importeuren widerspiegele, sei die Schweiz auch in diesem Sinne neutral. Entsprechend aufgelockert ist das Markenbild in der Spitzengruppe der Zulassungsstatistik.
Zwar steht VW ganz oben auf dem Treppchen. Doch während die Wolfsburger hierzulande mit 19,3 Prozent Marktanteil das Geschäft dominieren, müssen sie in der Schweiz mit 10,9 Prozent auskommen. Immerhin der Rest der Podiums ist anders besetzt: In Deutschland folgten auf VW im vergangenen Jahr Mercedes (10,4 Prozent), Opel (9,1), BMW (9,0) und Audi (7,9). In der Schweiz dagegen schaffte es Opel mit 7,2 Prozent auf den zweiten Rang, während Mercedes mit 4,7 Prozent nur auf Platz acht landete. Stattdessen steht Toyota (6,0 Prozent) noch vor BMW (5,9) und Audi (5,6) auf Rang drei, und Marken wie Fiat oder Peugeot schaffen es ebenfalls unter die Top-Ten.
Mehr Porsche 911 als Dacia Logan
Auch die Hitliste der einzelnen Modelle weicht ab. Der VW Golf ist zwar auch in der Schweiz schon seit mehr als 30 Jahren Marktführer - im vergangenen Jahr genügten dafür schon gut 8000 Kunden. Doch statt wie in Deutschland VW Passat, BMW 3er, Audi A4 und Opel Astra, folgen dem Bestseller in der Schweiz der BMW 3er, der Skoda Octavia, der VW Touran und der Peugeot 207. Und auch weiter hinten gibt es einige ungewöhnliche Positionen. So dürfte die Schweiz wohl das einzige Land in Europa sein, in dem sich der Nissan Qashqai besser verkauft als der erfolgreichste Mercedes und der Porsche 911 mehr Kunden findet als der Dacia Logan.
Die positive Entwicklung der Autoverkäufe in der Schweiz führt Marktbeobachter Hackner vor allem auf die gute Konjunktur und auf das gewachsene Modellangebot vor allem bei sparsamen Fahrzeugen zurück. Denn insbesondere die Zulassungen bei Kleinwagen seien um etwa 13 Prozent gestiegen. "Vor dem Hintergrund der anhaltenden Klimadebatte scheinen Schweizer bereit zu sein, auch vermehrt auf kleinere Modelle umzusteigen", sagt Hackner und verweist auf ein Plus von 42 Prozent in der unteren Mittelklasse, während die obere Mittelklasse neun Prozent eingebüßt habe. Nur vernünftig sind allerdings auch die Eidgenossen nicht. Hackner: "Auch Geländewagen und Großraumlimousinen haben zwischen 13 und 15 Prozent zugelegt."
Starke Motoren und üppige Ausstattung sind gefragt
Außerdem stehen die Schweizer nach wie vor auf stark motorisierte Fahrzeuge und sind begeisterten Abnehmer von AMG-, M- oder Quattro-Modellen. Ebenso gut laufen die Edelmarken: Maserati zum Beispiel verkaufte in der Schweiz im letzten Jahr 314 Autos, Ferrari 266, Aston Martin 240, Bentley 212 und Lamborghini 66. Außerdem bemerkenswert sind immerhin neun neue Rolls-Royce, sechs Bugatti und vier Maybach. Auch wenn die Nachfrage für solche Pretiosen in der Schweiz im Verhältnis größer ist als bei uns, hat das auf den Neuwagen-Durchschnittspreis keinen Einfluss. Während der deutsche Kunde laut Jato im Mittel 26.763 Euro investierte, kaufte der Schweizer für umgerechnet 25.735 Euro.
Freigiebig sind die Eidgenossen laut Jato-Chef Hackner, wenn es um die Ausstattung geht: "30 Prozent des Kaufpreises für Extras sind bei manchen Modellen keine Seltenheit." Investiert wird besonders in alle Arten von Airbags. Neben der Sicherheit wird auch die Sauberkeit immer wichtiger, hat Hackner beobachtet. Denn neben dem Diesel-Anteil (derzeit 32,5 Prozent) wächst vor allem die Zahl der Fahrzeuge mit alternativen Antrieben und Kraftstoffen.
"Dabei haben sich Elektroautos vor Gas und E85 durchgesetzt. Ihr Marktanteil beträgt knapp zwei Prozent und wird sicher noch wachsen." Insgesamt herrscht in Sachen Antrieb große Verunsicherung, hat der "Tagesanzeiger" aus Zürich ermittelt: Zwar wollten sich 15 Prozent der Befragten beim nächsten Auto für Hybridantrieb entscheiden, heißt es in der Umfrage. "Doch 38 Prozent wissen heute noch nicht, welchen Antrieb sie künftig wählen werden."
Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels wurde behauptet, die Schweiz liege jenseits der Alpen. Wir bitten, diesen geographischen Fauxpas zu entschuldigen.