Schweizer Automarkt: Kraftprotze gegen Hybridantrieb - DER SPIEGEL
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Schweizer Automarkt Kraftprotze gegen Hybridantrieb

Obwohl die Schweiz keinen nennenswerten Hersteller beheimatet, spielt das Automobil natürlich eine große Rolle für den Eidgenossen. Anlässlich des Genfer Auto-Salons hat sich SPIEGEL ONLINE den Schweizer Automarkt genauer angeschaut.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Was die Pkw-Dichte angeht, gibt es zwischen der Schweiz und Deutschland kaum Unterschiede. Zwischen Bodensee und Genfer See tummeln sich knapp 7,5 Millionen Menschen und ungefähr 3,9 Millionen Autos. Im vergangenen Jahr wurden rund 270.000 Pkw neu in der Schweiz zugelassen. Dabei lagen die Marken VW (30.001 Fahrzeuge), Opel (19.462) und Toyota (17.023) auf den ersten drei Plätzen der Zulassungsstatistik. Trotz des dritten Rangs der japanischen Marke – die deutschen Hersteller sind mit rund 40 Prozent der Neuzulassungen am besten im Geschäft.

Allerdings haben es Audi, Mercedes und Co. aus Sicht der Schweizer Autokunden versäumt, für hervorragende Qualität und technologischen Fortschritt zu sorgen. In dieser Hinsicht haben die asiatischen Marken den deutschen Platzhirschen den Rang abgelaufen. Was man auch daran ablesen kann, dass die japanischen Importeure im vergangenen Jahr um 6,1 Prozent zulegten.

Vergleicht man das Gewicht und die Motorisierung der Fahrzeuge mit dem europäischen Durchschnitt, wird deutlich, dass die Autos in der Schweiz leistungsstärker und auch schwerer sind. Der Hauptgrund dafür, neben den vielen Steigungen und Passstraßen, ist die größere Kaufkraft im Land. Der Schweizer kann mehr Geld für einen Pkw ausgeben – und tut dies auch. Dies hat dazu geführt, dass sich die Schweiz auf andere CO2-Emissionswerte mit den Autoherstellern geeinigt hat, als die EU. Bis 2008 soll der durchschnittliche Benzinverbrauch auf 6,4 Liter gesenkt werden, was - wenn der Dieseltrend wie zuletzt anhält - einem CO2-Ausstoß von 159 g/km entspräche. Die EU legte vor kurzem einen Zielwert von 130 Gramm bis zum Jahr 2012 fest.

Die schlechte CO2-Bilanz erstaunt angesichts des generell hohen Umweltbewußtseins in der Schweiz. Allerdings wissen viele Autofahrer nicht, was sie aktiv dafür tun können. "Den Konsumenten ist noch nicht wirklich bewusst, dass der Treibstoffverbrauch in direktem Zusammenhang mit dem CO2-Ausstoß steht. Dies trifft aber nicht nur für die Schweizer Käufer zu, sondern ist angesichts der Komplexität des Themas ein generell zu beobachtendes Problem", erläutert Anja Peters, Diplom-Psychologin an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich. „Die Käufer denken, dass sie selber nicht viel tun können, wenn sie auf das Auto angewiesen sind.“ Und so sehen viele Schweizer die Verantwortung zur CO2-Reduktion eher bei den Autoherstellern und der Regierung.

"Energieetikette" an der Neuwagen-Windschutzscheibe

Ein Ansatz zur Schärfung des Energiebewußtseins der Autofahrer ist die 2003 eingeführte "Energieetikette". Sie muss an der Windschutzscheibe jedes Neuwagens im Autohaus angebracht werden und soll dem Käufer die Energieeffizienz der potenziellen Neuanschaffung verdeutlichen. Hierzulande ist ein vergleichbares System von Haushaltsgeräten wie Kühlschränken oder Waschmaschinen bekannt.

Zudem wird seit mehreren Jahren über das "Bonus-Malus-System" beim Autokauf diskutiert. Bei diesem System soll dem Käufer eines schadstoffarmen Autos ein Rabatt von bis zu 3000 Franken (1850 Euro) gewährt werden. Damit dieser Rabatt haushaltsneutral ist, wird eine Erhöhung der Importsteuer diskutiert. Gesetz ist diese Regelung bisher noch nicht. Nach Psychologin Peters ermöglichen die schweizerische direkte Demokratie und das Fehlen einer starken Auto-Industrie, dass bestimmte Maßnahmen einfacher umzusetzen sind als in Deutschland. So wurde das Bonus-Malus-System zunächst vom Bundesrat (der Schweizer Regierung) verworfen, muss aber nun aufgrund von Initiativen von Kantonen und Politikern erneut geprüft werden.

Der Spritverbrauch spielt eine untergeordnete Rolle

Welche Kriterien sind nun für Schweizer Autokäufer entscheidend? "Wir beobachten, dass der Preis und die Größe des Fahrzeugs nach wie vor eine große Rolle spielen", erklärt Anja Peters. Der Spritverbrauch ist ein eher untergeordnetes Kriterium bei der Kaufentscheidung, andererseits aber erfreuen sich alternative Antriebskonzepte durchaus großer Beliebtheit. So werden zum Beispiel Erdgasfahrzeuge immer häufiger gekauft – die Schweiz hat bereits ein Netz von zirka 75 Biogas-Tankstellen, in Deutschland gibt es erst eine einzige. Und der Hybridantrieb ist beliebt. 2006 waren rund 1200 hybridgetriebene Toyota Prius in der Schweiz zugelassen.

Zum Vergleich: In Deutschland waren es zum selben Zeitraum zwar knapp 8300 Modelle, aber in Relation zum Gesamt-Pkw-Bestand sind in der Schweiz dreimal mehr Prius-Modelle zugelassen als in Deutschland. "Die Käufer des Toyota Prius sind älter und haben ein überdurchschnittliches Einkommens- und Bildungsniveau. Sie sehen sich als Pioniere für eine Technologie, mit der es gelingt, ein Zeichen für die Umwelt zu setzen, ohne die eigenen Bedürfnisse einschränken zu müssen", erläutert Anja Peters, die die Beweggründe der Prius-Käufer analysiert hat. es bleibt festzuhalten, dass die Eidgenossen, wenn auch noch in ausbaufähiger Intensität, auf die Klimaschutzproblematik reagieren. In Deutschland sind damit vorerst Politiker und Lobbyisten beschäftigt – und das kann dauern.

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