Sensorik Im Visier der Elektronik
Der Mensch hat nur zwei Augen. Und die sind von Natur aus gehandicapt: Bei Dunkelheit oder Nebel ist die Sicht behindert, außerdem ist der Blickwinkel beschränkt. Und wenn der Fahrer unkonzentriert ist, kann er viele wichtige Informationen buchstäblich übersehen. In Zukunft jedoch wird das nicht mehr ganz so schlimm sein. Denn mit immer neuen Sensoren für neue Sicherheits- und Assistenzsysteme sehen moderne Autos beinahe selbst. Und zwar nicht nur nach vorn, sondern auch nach hinten und zur Seite hin.
So schaut zum Beispiel in der neuen S-Klasse von Mercedes der Bremsassistent nun mit intelligenten Radarsensoren bis zu 150 Meter weit voraus und warnt den Autofahrer vor einer drohenden Kollision. Dabei nutzt das System neben dem Radar des Abstandsregeltempomaten ein neu entwickeltes Nahbereichsradar, das in einem Winkel von 80 Grad das unmittelbare Umfeld des Fahrzeugs abtastet.
"Verringert sich der Sicherheitsabstand, wird anhand der Radardaten die entsprechende Unterstützung berechnet, die der Bremskraftverstärker liefern muss, um einen drohenden Auffahrunfall zu vermeiden", sagt Mercedes-Sprecher Norbert Giesen. Sobald der Fahrer dann auf das Pedal tritt, steht ihm die jeweils optimale Bremskraft zur Verfügung. Mittelfristig werden solche System auch eine automatische Notbremsung einleiten können. Technisch ist das bereits möglich und in Japan auch schon verwirklicht. In Europa aber fehlt es noch an den letzten Tests und einer EU-Genehmigung, heißt es in den Entwicklungsabteilungen.
Radaraugen ersetzen den Blick über die Schulter
Doch das Auto schaut nicht nur nach vorne. Auch den Schulterblick können sich die Fahrer womöglich bald sparen. Denn künstliche Augen blicken permanent nach rechts und links und achten darauf, dass zum Beispiel beim Überholen kein anderer Verkehrsteilnehmer im sogenannten toten Winkel auf Kollisionskurs liegt. Entsprechende Systeme sind bei Volvo zum Beispiel im XC 90 bereits eingebaut und werden auch die Flanken des neuen Audi Q7 schützen. Mit zwei unsichtbar im hinteren Stoßfänger integrierten Sensoren überwacht dann ein Nahbereichsradar das Umfeld des Fahrzeugs und blickt dabei etwa 50 Meter nach hinten.
Nähert sich ein anderes Auto, flammt auf der Innenseite des Außenspiegels - nur für den Fahrer sichtbar - kurz eine Warnleuchte auf. Diese Warnung erfolgt in zwei Stufen: Wenn der Fahrer auf seiner Spur bleibt, signalisiert die Leuchte lediglich unauffällig und unterschwellig einen herankommenden Hintermann auf der Nachbarspur. Setzt der Fahrer allerdings den Blinker, macht die Warnleuchte durch intensives Blinken auf eine drohende Gefahr aufmerksam.
Selbst die Ideallinie haben moderne Autos längst alleine im Blick. So verkauft Citroën in C4, C5 und C6 einen Spurführungsassistenten, der mit Infrarotsensoren nach Fahrbahnmarkierungen sucht und immer dann einen Vibrationsalarm auslöst, wenn man ohne zu blinken die Seiten- oder Mittellinie überfährt. Ein ähnliches System wird es demnächst auch bei Audi geben - allerdings auf Basis einer Videoauswertung. Erkennt eine hinter dem Spiegel montierte Kamera das unbeabsichtigte Verlassen der Fahrspur, wird der Fahrer mit einem Zittern im Lenkrad zur Ordnung gerufen.
Außerdem blicken mittlerweile viele Fahrzeuge auch nach hinten. So sind Einparksensoren längst in allen Klassen von der Luxuslimousine bis zum Kleinwagen verfügbar. Und auch die Rückfahrkamera ist mittlerweile weit verbreitet. Wer einen neuen Range Rover kauft, kann dabei die Perspektive sogar selbst bestimmen. Als erster Hersteller bieten die Briten in der gehobenen Vogue-Aussattung serienmäßig eine sogenannte Venturecam an. Sie ist etwa so groß wie ein Mobiltelefon, wird mit einem Saugfuß am oder im Wagen befestigt und sendet ihre Bilder per Funk an den Bildschirm im Cockpit. Das Gerät hat eine Reichweite von maximal 25 Metern und kann vom Lenkrad aus bedient werden.
Gedacht ist die "Venturecam" nicht nur als Einparkhilfe und auch nicht als Spielzeug für verkappte Geheimagenten und TV-Reporter, sondern vor allem zur Überwachung etwa eines Pferdes hinten im Anhänger oder zur Kontrolle der Bodenfreiheit bei Fahrten durch das Gelände. Dabei kann der Fahrer gleich mehrere Perspektiven im Auge behalten - denn insgesamt können auf Wunsch 16 Kameras angeschlossen und vier Aufnahmen gleichzeitig angezeigt werden. Ebenfalls neue Perspektiven versprechen BMW und Toyota, wo die Video-Überwachung auf Wunsch auch nach vorne blickt. Weil die Kamera etwa bei BMW den Blickwinkel nach links und rechts auf jeweils 90 Grad erweitert, kann der Fahrer den Querverkehr jetzt sehr viel besser erkennen und beinahe um die Ecke schielen.
Demnächst in Serie: Rundumsicht für den Fahrer
Die derzeit vermutlich umfassendste Überwachung des Fahrzeugumfelds hat Nissan jetzt auf der Motor Show in Tokio vorgestellt und für die nächsten zwei Jahre als Serienprodukt angekündigt: Den "Round View Monitor". Dafür gibt es zu den Kameras an Bug und Heck nun auch noch Videolinsen für die Flanken, deren Aufnahmen elektronisch ausgewertet und gemeinsam auf einem zentralen Bildschirm dargestellt werden. Dort sieht der Fahrer seinen Wagen dann aus der Vogelperspektive und kann vor dem Überholen oder beim Einparken auch versteckte Hindernisse leicht erkennen.
Doch damit ist das Aufgabenfeld für Videokameras längst noch nicht erschöpft. Vielmehr arbeiten die Entwickler intensiv an weiterführenden Systemen, die mit einer entsprechenden Bildanalysesoftware ausgerüstet sind. Sie sollen dann zum Beispiel Verkehrsschilder erkennen und den Fahrer auf mögliche Tempoverstöße aufmerksam machen. In einem nächsten Schritt könnten so auch drohende Unfallsituationen analysiert werden, damit die ersten Sicherheitsmaßnahmen noch früher gestartet und noch besser auf das Geschehen abgestimmt werden können.
Dass die Sensoren eines Autos die Augen des Fahrers durchaus ersetzen können, hat zuletzt VW sehr eindrucksvoll bewiesen: Bei der Grand Challenge des amerikanischen Verteidigungsministeriums hat ein entsprechend umgerüsteter Touareg eine mehr als 200 Kilometer lange Wüstenpiste erfolgreich absolviert - ohne dass ein Mensch am Steuer saß.