Showtime in Detroit Schleiertanz um SUV
Der Amerikaner, so das Klischee, mag es gern schrill und bunt. Während die Hersteller auf anderen Autoausstellungen ihre neuen Modelle meist enthüllen, indem sie einfach ein Tuch vom Fahrzeug ziehen, werden die Premieren auf der North American International Auto Show (NAIAS) in Detroit (14. bis 22. Januar) inszeniert wie große Opern.
Vor allem die US-Marken entwerfen jene spektakulären Bilder, die während der ersten drei Tage der Show die Medien dominieren und das Frühstücksfernsehen beherrschen. Damit das eigene Unternehmen in der TV-Berichterstattung auch ja nicht zu kurz kommt, begnügt sich keiner der Konzerne mit nur einer Pressekonferenz. Sondern mindestens an zwei, besser noch an drei Tagen lassen Ford, General Motors und die Chrysler-Group von unterschiedlichen Neuwagen die Hüllen fallen.
Natürlich dreht sich bei der Motorshow im Grunde alles um die Autos. Doch sobald die Kameras auf die Bühne gerichtet sind, werden sie oft genug dann doch zur Nebensache. Ganz im Stil der großen Entertainer locken die Vorstände mit einstudierten Scherzen, kämpferischen Reden, markigen Parolen oder lockeren Sprüchen, während schöne Frauen die Blicke vom Blech ablenken und prominente Sportler oder Serien-Schauspielerinnen für Glanz und Glamour sorgen.
Besonderes Geschick bei den Inszenierungen beweist traditionell die Chrysler-Group, obwohl mit dem Wechsel des bisherigen Chefs Dieter Zetsche nach Stuttgart einer der talentiertesten Showstars der Branche nun nicht mehr im Hause ist. Doch bei der Ersten von drei Chrysler-Konferenzen in der Cobo-Hall werden die Messegäste eines Besseren belehrt. Auf der Bühne steht zunächst Zetsche-Nachfolger Tom LaSorda. In einem Container-großen Kurierpaket erhält der neue Chef vor versammeltem Publikum nicht nur ein paar Zetsche-Accessoires der letzten Motorshows wie die "Caliber-Gitarre" aus Genf oder den "Charger-Hut" aus Detroit zurück.
Dann aber zieht er auch noch - ausgerechnet am charakteristischen Walross-Schnauzbart - seinen Vorgänger aus dem Karton. Der grüßt artig, versichert LaSorda, dass er ihm künftig nicht mehr die Show stehlen, sondern vielmehr den Rücken frei halten wolle und festigt so mit einer kleinen Spaßeinlage die Klammer zwischen Detroit und Stuttgart. Ach ja, um Autos geht es dann auch noch: Erst enthüllt der Designchef den amerikanisierten Rolls-Royce-Verschnitt Imperial, danach das Muscle Car Dodge Challenger.
Runter von der Bühne, rauf auf den Eisberg
Die Showcar-Premiere ist nicht die einzige filmreife Einlage der amerikanischen Mercedes-Schwester: Auch bei der Jeep-Vorstellung geht es zu wie in Hollywood. Weil der Wrangler die automobile Metapher für Freiheit und Abenteuer ist, braust der aufgefrischte Geländegänger plötzlich von der Bühne, jagt durch die Halle ins Foyer, durchbricht dort eine große Glasscheibe auf dem Weg nach draußen, kraxelt Treppen runter und wieder rauf und macht es sich danach auf einem stilisierten Eisberg bequem, der - wie zufällig - gegenüber des Messegeländes aufgetürmt ist.
Was der eine kann, so das unausgesprochene Motto der Regisseure und Choreografen, das können die anderen auch. Und so inszeniert General Motors bei der Marke Buick einen mystischen Schleiertanz um das neue SUV-Modell oder verwandelt eine halbe Messehalle zur Premiere des neuen Chevy-Camaro-Konzeptautos in einen Laufsteg für heiser brüllende Muscle Cars aus den wilden Sechzigern und Siebzigern. Für die Kultmobile ist ein mehrere hundert Meter langer Ehrencorso abgesteckt. GM-Produktchef und Autoguru Bob Lutz gibt sich nach seinem Defilee in dem mehr als 400 PS starken Auto gespielt unzufrieden: "Das Tempo", so klagt der benzingegerbte Haudegen, sei einfach zu niedrig gewesen.
Wollsocken von Nackedeis
Während fast alle Hersteller ihre Premieren auf dem Stand feiern, lädt die Ford Motor Company während der Messe dreimal in die benachbarte Cobo-Arena, in der sonst Boxer oder Basketballer antreten. Vor vollem Haus brennen sie dort am ersten Tag ein patriotisches Feuerwerk ab, bei dem ur-amerikanische Autos wie der Mustang oder der Superchief in Funkenflug und Konfettiregen auf den drei Ebenen der Bühne wie Glaskugeln über eine Murmelbahn rollen. Tags drauf zeigt sich die Halle in einem großstädtisch vornehmen Ambiente für die amerikanischen Luxus-Marken Lincoln und Mercury, und ein paar Stunden später hält bei gesetzter Beleuchtung und klassischer Musik die Premier Automotive Group (PAG) von Ford zur Premiere von Volvo C30, Jaguar XK Cabrio und dem viersitzigen Aston Martin Rapide Hof.
Damit die Erinnerung nicht ganz so schnell verblasst und die Eindrücke trotz der permanenten Reizüberflutung zumindest ein paar Stunden haften bleiben, verteilen gerade die US-Hersteller mitunter sehr ausgefallene Souvenirs und unkonventionell gestaltete Pressemappen. Während auf der IAA in Frankfurt Kugelschreiber oder Anstecknadeln verteilt werden, bringt Chrysler in Detroit, passend zum eisigen Wetter außerhalb der Halle, Wintermützen und Wollschals in Umlauf und verpackt die Informationen zum überarbeiteten Wrangler in einer großen Metallkiste mit stilisiertem Jeep-Kühlergrill, die spätestens bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen für kritische Blicke sorgen wird.
Die jugendfrische Toyota-Tochter Scion verteilt bunte Wollsocken zum Schutz von Mobiltelefon oder MP3-Gerät. Einladungen für die Cadillac-Party werden in einem Lederetui gereicht, das in einem Hauch von Nichts gekleidete Models verteilen. Und wer bei Chevrolet in der 30. Reihe steht, dem ermöglicht ein Papp-Periskop zumindest einen wackeligen Blick auf die Neuheiten Camaro & Co.