Spikereifen Nageln über Schnee und Eis
Spikes kamen an in Deutschland. Kein Wunder: Mit Hilfe der kleinen Metallfortsätze ließ es sich erheblich schneller fahren als mit den ähnlich funktionierenden Schneeketten. Bei geschlossener Schnee- oder Eisdecke haben Spikes den gleichen Effekt wie die Steigeisen eines Kletterers: Das Reifengummi drückt sich beim Fahren zurück, und die über die Lauffläche verteilten Metallstifte krallen sich in den eisigen Untergrund. Auf trockenen Straßen bietet der Spike wegen seiner geringeren Aufstandsfläche jedoch weniger Haftung. Daher kamen die Spikereifen nur unter strengen Bedingungen zum Einsatz: Von Ende 1964 bis Frühjahr 1975 waren sie in Deutschland gemäß StVZO nur für Pkw und Fahrzeuge bis 2,8 Tonnen Gesamtgewicht, für Geschwindigkeiten bis 100 km/h und vom 15. November bis 15. März des jeweiligen Jahres erlaubt.
Ein entscheidender Nachteil allerdings führte in Deutschland zum Verbot: Ist die Fahrbahn nicht vollständig mit Schnee oder Eis bedeckt, beschädigen die Spikereifen den Asphaltbelag erheblich. Besonders auf Autobahnen bildeten sich in den siebziger Jahren so genannte Spikerillen, die bei Nässe die Gefahr von Aquaplaning beträchtlich erhöhten. In spikelose Winterreifen hatten die deutschen Autofahrer allerdings kein Vertrauen, so dass ihr Verkauf drastisch zurückging: von 41,8 Prozent Anteil im Jahr 1971 auf 25,8 Prozent 1977. Erst wintertaugliche Laufflächenmischungen und ausgeklügelte Lamellentechnik verhalfen dem modernen Winterreifen zum Durchbruch.
Heute gilt ein generelles Spike-Verbot. Das heißt, auch ausländische Kraftfahrzeuge dürfen in Deutschland nicht mit Spikereifen fahren. Sehr zum Leidwesen der Skandinavier, bei denen Spikereifen nach wie vor erlaubt sind. Rund 60 Prozent der Schweden, Norweger und Finnen fahren mit Spikereifen. Dort gibt es im Winter allerdings auch über mehrere Monate eine geschlossene Schneedecke, in denen nie Asphalt zu sehen ist und deshalb auch nicht beschädigt werden kann. Auch in Österreich und der Schweiz sind Spikereifen in den Wintermonaten in Bergregionen und für Notfall-Fahrzeuge erlaubt. Doch sowohl im hohen Norden wie auch in den Alpen geht der Absatz allmählich zurück. Denn durch die Fortschritte auf dem Sektor der Winterreifen bringen Spikes nur noch auf blankem Eis messbare Vorteile. Bei jedem anderen Straßenzustand überwiegen bei Brems- und Lenkvorgängen eher die Nachteile gegenüber guten Winterreifen.