Staplercup: Präzision per Joystick
Staplercup Millimeterarbeit mit Eisenstoßzähnen
Ahmet Tekindag ist konzentriert. Und ruhig, trotz des Lärms ringsum. Starr ist sein Blick auf einen Basketball geheftet, den er gleich auf einem Teller in gut drei Metern Höhe ablegen wird. Dass er diese Aufgabe mit technischer Hilfe erledigen darf, macht es nicht leichter. Denn Tekindag sitzt am Steuer eines Gabelstaplers und hat den Ball gerade von einem anderen Stapler auf die beiden großen Stahlzinken gelegt bekommen. Jetzt rangiert der Lagerist aus Düren behutsam und millimetergenau durch einen Parcours auf dem Schlossplatz von Aschaffenburg. Er umkurvt Pylone, fährt durch Tore, setzt zurück, bringt sich in Position und hievt die kugelrunde Ladung per Joystick langsam nach oben. Am Ende muss der Ball oben auf der Stange abgelegt werden. Zweimal hat das schon geklappt, dies hier ist der dritte Ball. Der zittert plötzlich, rollt vor, kullert zurück, dreht sich zur Seite - und bleibt dann endlich liegen. Die Spannung löst sich, Tekindags Augen kommen wieder in Bewegung, es brandet Jubel auf. Deutschland ist Mannschaftsmeister beim Internationalen Staplercup.
Zu diesem Wettkampf hatten sich am Wochenende in Aschaffenburg mehr als hundert Staplerfahrer durch knifflige Parcours geschlängelt, gegen die Stoppuhr gekämpft und vor Punktrichtern Millimeterarbeit geleistet. "Wirklich üben kann man das nicht", sagt Mannschaftsmeister Tekindag, der im letzten Jahr auch die Einzelwertung gewonnen hatte. "Man muss zügig und präzise fahren können und immer den Überblick behalten." Und auch wenn es so recht kein Training gibt, hat sich Tekingdag auf die Meisterschaft vorbereitet: "In den letzten Monaten habe ich mich um jeden Laster gerissen, der abzuladen war."
Einen Basketball in einem Korb zu versenken, oder mit den Zinken zu fangen oder an einen Mitstreiter zu übergeben, ist vergleichsweise einfach. Wer sich dagegen in der Einzelkonkurrenz bewähren will, muss weit schwierigere Aufgaben bewältigen: Da geht es darum, auf engstem Raum ein halbes Dutzend Kisten zu sortieren oder mit einer Ladung Bierkästen einen Hindernisparcours zu absolvieren. Die Finalisten müssen sogar mit einem Golfball hantieren: Mit Zinken, die fast zwei Meter lang sind und fünf Tonnen auf zwölf Meter Höhe wuchten können, müssen sie eine knapp 50 Gramm schwere Plastikkugel von nicht einmal fünf Zentimetern Durchmesser lupfen, in eine Murmelbahn heben und dann mit einem Mini-Golf-Schläger ins Loch putten.
Das Problem ist, dass man kaum etwas sieht
"Dafür braucht es Augenmaß und eine ruhige Hand", sagt Diana Jakob, die für den Staplerhersteller Linde arbeitet und den Parcours in der Pause selbst durchfährt. Hochkonzentriert fixiert sie den Ball, lässt die Zungenspitze kreisen und bugsiert den Stapler millimeterweise um die Murmelbahn. Zu dirigieren sind die Kraftpakete, die ein wenig an Elefantenbabys in der Zirkusmanege erinnern, relativ leicht: Es gibt nur zwei Pedale, die wie eine Wippe gelagert sind und den Stapler nach vorn oder hinten beschleunigen. Dank der gelenkten Hinterräder sind die Fahrzeuge dabei ungeheuer wendig.
Die Hubvorrichtung wird per Joystick gesteuert. Bewegt man den vor oder zurück, senkt oder neigt sich der Hubbaum; kippt man ihn nach links oder rechts, hebt und senkt sich die Ladung. Mit einem weiteren Hebel lässt sich die Gabel noch um einiger Zentimeter jeweils nach rechts und nach links bewegen. Theoretisch lässt sich die Ladung damit in jeder beliebigen Position auf dem Lastwagen deponieren.
Theoretisch: "Was die Sache so schwer macht, ist die schlechte Sicht", sagt Diana Jakob. Durch das Gestänge, das Leitungsgewirr und die Pfosten der Kabine lassen ihr allenfalls ein Sichtfeld auf den Golfball, das so groß ist wie ein Bierdeckel.
Aufgebaut hat den Parcours Kurs Peter Seufert, der auch für die Fernsehshow "Wetten dass..? bereits einen derartigen Hindernislauf ausheckte. "Der Parcours hat einen direkten Bezug zur Praxis. Jede Disziplin kennen die Teilnehmer auch von ihrer Arbeit in Speditionen, Lagern und an den Laderampen - zumindest im Prinzip." Detlef Sieverdingbeck, der Sprecher des Veranstalters Linde Material Handling sagt: "Im Grunde ist der Staplercup nichts anders als eine gewaltige Berufsbildungsmaßnahme mit erhöhtem Spaßfaktor." Als der Wettbewerb 2005 aus der Taufe gehoben wurde, ging es den Initiatoren - neben der Werbung - vor allem um den Arbeitsschutz für die rund 350.000 Lageristen und Lkw-Fahrer in Deutschland, die mit den sogenannten Flurförderfahrzeugen umgehen.
Bei Staplern ist Elektroantrieb längst üblich
Inzwischen brauchen Staplerfahrer einen speziellen Führerschein, den es nur nach je einem Tag Theorie und Praxis gibt. "Wenn mit so gewaltigen Massen auf engem Raum hantiert wird, fährt das Risiko von Schäden und Verletzungen immer mit", sagt Sieverdingbeck. 12.000 Unfälle pro Jahr werden aus dem Verladegeschäft gemeldet. Deshalb geht es beim Staplercup nicht nur um Tempo und Präzision, sondern auch um die Sicherheitsregeln, die zum Beispiel das Heben und Senken der Ladung während der Fahrt verbieten. "Wer das im Cup macht, wird sofort disqualifiziert", sagt Sieverdingbeck.
Völlig ungewohnt beim Ballett der wendigen Kraftmeier ist die Geräuschkulisse. Während sonst bei sportlichen Wettfahrten immer das Brüllen der Motoren in der Luft hängt, ist hier nur ein leises Surren zu hören. "In Deutschland fährt schon etwa die Hälfte aller Stapler elektrisch", sagt Sieverdingbeck. "Was bei den Pkw erst ganz langsam beginnt, ist bei Staplern schon seit 40 Jahren gang und gäbe."