Stauberater "Ich könnt' auch eine Couch aufstellen"
SPIEGEL ONLINE:
Jeder Autofahrer flucht, wenn er im Stau steht. Sie hingegen fahren mit Vorsatz in jeden Stau, der sich Ihnen bietet. Macht das Spaß?
Mühlbauer: Natürlich. Es gibt fast nur lächelnde Gesichter, wenn wir kommen, das macht schon Spaß. Wir haben ja ein Riesensortiment an Dingen dabei, über die sich die Leute freuen. Vom Plüschtier bis hin zu Getränken und Süßigkeiten. Die leuchtenden Augen, die motivieren uns, auch in den nächsten Stau wieder hineinzufahren.
Wir sind nicht schadenfroh und sagen, ätsch, wärst du nachts oder mittwochs oder donnerstags gefahren, würdest du hier jetzt nicht stehen. Die meisten fahren ja nicht am Samstag, weil sie so gerne im Stau stehen, sondern weil die Hoteliers noch immer am Samstag Bettenwechsel machen, das ist das Problem.
SPIEGEL ONLINE: Und im Stau liegen dann die Nerven blank. Die Fähre, die nicht mehr erreicht wird, die quengelnden Kinder...
Mühlbauer: Sicher, wir haben vielen Leute, die sehr aufgeregt sind und uns zum Beispiel mit den Worten empfangen "Um Gottes willen, jetzt stehe ich schon im fünften Stau seit Essen, ich will aber noch nach Livorno kommen auf die Fähre Richtung Elba." Und wenn die um 20 Uhr fährt, er aber um 14 Uhr noch vor München steht, kann er sich das abschminken. Dann sind wir so ehrlich und sagen: Das Schiff erreichen Sie nicht mehr. Hier versuchen wir dann einzuwirken, damit der dann nicht nach dem Stau wie ein Irrer losrast. Wir stellen zum Beispiel unser Handy zur Verfügung, damit er mit der Reederei telefonieren und auf die nächste Fähre umbuchen kann.
SPIEGEL ONLINE: Wenn es aber seit Stunden im Auto brodelt, der Familienstreit vielleicht im vollen Gange ist, müssten Sie da nicht einen Psychologen dabei haben, um adäquat einwirken zu können?
Mühlbauer: Wir werden jedes Jahr aufs Neue geschult, obwohl viele von uns schon seit 25 Jahren dabei sind. Denn wir werden mit Situationen konfrontiert, in denen man mit Fingerspitzengefühl vorgehen muss. Da haben wir natürlich unsere Tricks. Die Aggressivität ist wie eine tickende Bombe in der Fahrgastzelle. Die Frau sagt, siehst du, wären wir früher gefahren, ständen wir jetzt nicht im Stau. Er sagt, wir hätten ja die Umleitung fahren können, wenn du Karte lesen könntest... So was passiert oft.
SPIEGEL ONLINE:...und dann kommen Sie.
Mühlbauer: Ja, und zwar zu Fuß. Wir nähern uns den Fahrzeugen immer zu Fuß und ohne Helm, damit wir nicht wie ein Alien aussehen. Man kann oft schon von weitem sehen, wenn die Stimmung hoch kocht im Auto. Die Mimik ist streng, es wird wild gestikuliert. Wenn da auch Kinder dabei sind, bieten wir ihnen Süßigkeiten an oder Spielsachen. So kommen wir über die Kinder an die Eltern heran, der Streit wird unterbrochen, denn die Menschen wollen sich ja auch keine Blöße geben vor einem Fremden. Dann fragen wir aber schon: Ich habe gerade bemerkt, Sie haben sich recht heftig unterhalten, wo liegt denn das Problem?
SPIEGEL ONLINE: Wird man nicht auch manchmal in private Auseinandersetzungen hineingezogen?
Mühlbauer: Auch. Wir sind quasi Pfarrer auf Motorrädern. Oder Psychologen, manchmal könnt' ich schon eine Couch aufstellen. Gerade an Rastanlagen, wo wir auch oft stoppen und Ratschläge erteilen, kann es vorkommen, dass wir uns unversehens mitten in einer persönlichen Auseinandersetzung wiederfinden.
Da werden wir angesprochen: Gut dass wir Sie sehen. Meine Frau hat ein Problem, sie sagt, dass ich ihr am Abend zu wenig zur Hand gehe und nie den Tisch abräume... Das erleben wir auch. Aber das nehmen wir locker und versuchen es mit einem kleinen Ratschlag. Aber zu sehr vertiefen wollen wir das natürlich auch nicht.
SPIEGEL ONLINE: Was sind denn aus Ihrer Sicht die problematischsten Stausteher?
Mühlbauer: Die jungen Leute ohne Kinder sind in der Regel schon aggressiver, da heißt es dann: Hey, Sie vom ADAC da, sehen'S mal zu, dass Sie den Stau wieder auflösen, ich will nämlich spätestens um 19 Uhr noch meinen Rotwein in der Toskana trinken. Dann sage ich natürlich, dass das nicht möglich ist und auch nicht unsere Aufgabe ist. Ich sage, ich kann Ihnen aber eine Umfahrungsstrecke anbieten, wenn Sie eine gute Karte dabei haben, und dann können Sie um 19.15 Uhr Ihren Rotwein in der Toskana trinken.
Grundsätzlich übrigens raten wir, erst mal nicht abzufahren, denn die Nebenstrecken sind meist auch voll. Es sei denn, es handelt sich um eine Vollsperrung, dann gibt es meist Umleitungsempfehlungen.
SPIEGEL ONLINE: Und wer sind die angenehmsten Stausteher?
Das sind so die Mittelalten, die 40- bis 50-Jährigen ohne Kinder, die Zeit haben und den Weg als Ziel nehmen. Die sind ganz relaxt, die nehmen alles hin. Natürlich sind die auch verärgert, weil niemand gerne im Stau steht. Aber von der Wortwahl her und was die Aggressivität in Mimik und Gestik betrifft, sind das ganz vorbildliche Reisende. Im Stau wird sich nicht gestritten, da heißt es dann eher: "Schätzchen, magst du was trinken?"
SPIEGEL ONLINE: Die reisenden Familien liegen in Sachen Stau-Stress irgendwo dazwischen?
Mühlbauer: Ja, mit Kindern wird's halt im Stau etwas problematisch - wenn man nicht vorsorgt. Wenn das geliebte Kuscheltier zum Beispiel in der untersten Tasche im Kofferraum vergraben liegt, ist das nicht von Vorteil. Man muss auf Kinder eingehen, eben wie im richtigen Leben. Wer sich vor der Fahrt ein paar einfache Spiele ausdenkt und einen Walkman fürs Kind einpackt, damit nicht die ganze Familie den Pumuckl über die Auto-Anlage hören muss, der reist wesentlich entspannter.
SPIEGEL ONLINE: Im Stau sieht man immer viele Menschen auf der Leitplanke sitzen. Darf man eigentlich aussteigen?
Mühlbauer: Es ist verboten, aber es wird geduldet. Die Praxis zeigt, dass die Leute ja nicht weit herumlaufen, was tatsächlich gefährlich werden könnte, wenn es plötzlich weitergeht oder ein Rettungsfahrzeug kommt. Es zeigt sich, dass kaum einer weiter als 20 Meter von seinem Auto weggeht, darum wird es von der Polizei geduldet. Die meisten wollen sich nur mal strecken, die Beine ausschütteln.
SPIEGEL ONLINE: Wann standen Sie selbst denn das letzte Mal im Stau?
Mühlbauer: Gar nicht. Höchstens mal für zehn Minuten, wenn ich aus München herausfahre. In den Urlaub fahre ich meist im Mai und im September, und dann auch nicht mit dem Auto, sondern mit dem Fahrrad. Zuletzt sind wir mit der Fähre bis Oslo und von da mit dem Rad zum Nordkap gefahren. Ohne einmal im Stau zu stehen.
Das Interview führte Philip Wesselhöft.