Stoffmütze versus Stahldach Lass' klappen, Baby!
Alles begann 1996 mit dem Vario-Dach des SLK. Mit großen Augen bewunderte Fachwelt und Kundschaft wie sich der kleine Mercedes-Roadster in Sekundenschnelle auf Knopfdruck in ein Coupé verwandelte und wieder zurück in einen offenen Zweisitzer. Der verblüffende Showeffekt mit der einfachen Handhabung, wenn auch komplizierten Technik, fand schnell diverse Nachahmer. Als erster folgte Peugeot mit dem 206 CC, später mit dem großen Bruder 307 CC, Renault brachte das Megane CC, Lexus den SC 430, Daihatsu den Copen und Opel das Tigra Twin-Top. Und schon bald wollen es auch Nissan beim Micra und Mitsubishi beim Colt klappen lassen.
Die Vorteile des sogenannten Retractable Hardtops (RHT) sind offensichtlich. Neben der einfachen Bedienung und dem höheren Komfort bieten sie eine bessere Geräusch- und Wärmeisolierung, Schutz vor Vandalismus und Verschleiß und tragen auch zur Stabilität und Sicherheit der Karosserien bei. Die Nachteile sind allerdings ebenso augenfällig. RHTs sind gegenüber herkömmlichen Stoffverdecken wegen ihrer komplizierten Kinematik teurer in der Herstellung, wiegen deutlich mehr, schränken auf Grund ihres größeren Platzbedarfs den Gepäckraum stark ein und formen im geschlossenen Zustand nicht selten unproportionierte Karosserieformen - deutlich zu sehen an Peugeot 307 CC und Renault Megane CC. Damit das zweiteilige Dach überhaupt bis nach vorne reicht, muss die Frontscheibe sehr schräg und weit nach hinten gezogen werden. Das wiederum führt dazu, dass der Fahrer beinahe unter der Scheibe kauert und beim Einsteigen aufpassen muss, sich daran nicht den Kopf zu stoßen.
Ausgeklügelte Technik
Doch diese Probleme sollen schon in naher Zukunft durch mehrteilige Klapp-Konzepte gelöst werden. "Wir arbeiten inzwischen an Retractable Hardtops mit bis zu fünf Teilen", sagt Hans-Joachim Lesser vom Münchener Fahrzeugausrüster Webasto. Wie so etwas aussieht, hat deren Tochterfirma Oasys gemeinsam mit dem Joint-Venture-Partner Pininfarina bereits auf dem Genfer Salon 2004 mit der Studie Concept C eines viersitzigen VW Cabrios vorgestellt. Im geschlossenen Zustand ein normales Dach, teilt es sich auf Knopfdruck in fünf einzelne Elemente, die elektrohydraulisch über eine ausgeklügelte Hub- und Versenkmechanik in weniger als 30 Sekunden bündig im Heck verschwinden.
Offen bleibt das RHT dank seiner platzsparenden Faltung unterm Heckdeckel unsichtbar und lässt sogar noch Raum für Gepäck und Durchlademöglichkeit. "Ein weiterer Vorteil bei mehrteiligen Dächern ist, dass dort auch noch Glasschiebedächer integriert werden können", sagt Lesser. Das hat die Concept C-Studie mit dem 110 mal 60 Zentimeter großen Glasdach, das sich während der Fahrt beliebig weit öffnen und anheben lässt, ebenfalls demonstriert.
Klappdach-Boom hält an
Aber auch schon mit dreiteiligen Klappdächern werden sich ansehnliche Cabrios formen lassen, wie demnächst am Nachfolger des Volvo C70, Opel Astra Cabrio und Ford Focus Cabrio zu sehen sein wird. Allein bis 2008 sollen mindestens fünf dreiteilige RHT-Cabrios auf den Markt kommen, darunter möglicherweise auch die nächste Generation des 3er BMW. Die Münchener haben sich dem Trend zum versenkbaren Stahldach bislang konsequent verweigert, dafür allerdings mit ihrem Stamm-Lieferanten Edscha so ungewöhnliche Stoff-Konstruktionen wie das Finnen-Dach oder die Z-Faltung beim Z4 Roadster entwickelt.
Bei dem international operierenden Remscheider Softtop-Spezialisten, der aktuell neben allen offenen BMW die Verdecke für Aston Martin DB 9 Volante, Smart Roadster, Chrysler PT Cruiser, Volvo C70, Opel Astra und Landrover Freelander fertigt und mit 189.000 ausgelieferten Dächern im vergangenen Geschäftsjahr weltweit führend ist, geht man davon aus, dass trotz anhaltenden Klappdach-Booms die oft totgesagten Textildächer noch längst nicht gestorben sind.
"Softtops wird es in ähnlich hoher Zahl auch in Zukunft geben", sagt Walter Pecho, Leiter des Geschäftsbereichs Cabriodachsysteme, "vielleicht nicht in allen Fahrzeugklassen, aber sicher in allen Preisklassen". Moderne Stoffverdecke könnten heute nicht nur in punkto Geräuschentwicklung, Komfort, Haltbarkeit und Sicherheit mit Festdächern mithalten. Beim Styling seien sie sogar überlegen. Mit einem weichen Textilbezug lassen sich Flächen darstellen, die in Blech, Kunststoff oder Glas und bei gegebenem Package-Maß (noch) nicht zu realisieren sind. "Gerade das Spannbügelverdeck, auf dem auch das Finnendach basiert, ist noch lange nicht ausgereizt, weil es schöne, geschlossene Karosserieflächen bei abgelegtem Dach ermöglicht", sagt Pecho.
Für echte Fans ist der Fall ohnehin klar: Hardtops sind für Weicheier, Softtops für die Hardcore-Fraktion. Denn nur die Stoffmütze macht Cabrios zu dem, was sie auch in Zukunft bleiben sollen: Spaßmobile, denen man auch geschlossen ansehen soll, dass sie fürs offene Fahren da sind.