Stress am Steuer Positiv fahren
Köln/Stuttgart - Für viele Menschen ist Autofahren purer Stress. Dichter Verkehr, schlechte Sicht oder Zeitdruck bringen ihren Puls zum Rasen, lassen die Hände feucht werden und treiben den Blutdruck in die Höhe. Als Folge werden Fahrer unaufmerksam oder aggressiv; die Fehlerquote steigt, und mit ihr das Gefahrenpotenzial. Nicht zuletzt deshalb führen Studien jeden dritten Unfall auf Stress zurück. Doch Psychologen haben gegen Stress am Steuer Tricks parat, die man in Kursen trainieren kann. Und auch die Technik moderner Assistenzsysteme soll dem Fahrer Belastungen nehmen.
Dass diese Unterstützung offenbar bitter nötig ist, zeigen unter anderem Studien des Forschungsinstituts Psychomics in Köln und des Österreichischen Automobil-, Motorrad- und Touring Clubs (ÖAMTC) in Wien. Danach genießt nur jeder Zehnte das Autofahren als reines Vergnügen. Mehr als ein Viertel aller Befragten geben dagegen an, dass sie beim Fahren "häufig" oder "immer" unangenehme Gefühlszustände wie Spannung, Unruhe, Ärger oder Angst verspüren.
"Hin und wieder Stress erleben 63 Prozent, und lediglich neun Prozent fahren völlig stressfrei", sagt Psychonomics-Forscher Ansgar Metz. Die Gründe dafür seien oft nicht zu beeinflussen. "Das sind "Naturgewalten" wie eisglatte Straßen oder Fahrten bei schlechten Sichtverhältnissen." Doch viele Stressfaktoren sind hausgemacht: So fühlen sich 41 Prozent von besserwissenden Beifahrern belästigt, 40 Prozent klagen über Zeitdruck, 38 Prozent schimpfen über das Gerangel um Parkplätze, und jeweils 30 Prozent fühlen sich von Dränglern oder quengelnden Kindern auf dem Rücksitz beeinträchtigt.
Gereckter Mittelfinger zur Stressbewältigung
Viele Autofahrer haben ihr eigenes Programm zur Stressbewältigung entwickelt - wenngleich die Wirkungen nicht immer gesund oder allgemeinverträglich sind. So versuchten 71 Prozent der Befragten bewusst zu entspannen und Ruhe zu bewahren, 67 Prozent lenkten sich mit Musik ab, sagt Metz. 19 Prozent reagieren weniger rücksichtsvoll, sieben Prozent betreiben Stressbewältigung mit der Hupe, sechs Prozent werden verbal ausfällig, und drei Prozent recken sogar den Mittelfinger.
"Den eigenen Stress an andere Verkehrsteilnehmer weiterzugeben, ist sicherlich keine gute Handlungsalternative, da so der Gesamtstress im Verkehr eher weiter erhöht wird", sagt Metz. Damit es nicht so weit kommt, raten Psychologen und Verkehrsexperten zu Maßnahmen, mit denen das Nervenkostüm gestärkt und der Stress minimiert wird: etwa regelmäßige Pausen mit Dehn- und Atemübungen einzulegen, entspannende Musik zu hören, frische Luft herein zu lassen und auf eine sorgfältige Zeit- und Routenplanung zu achten.
In Betrieben bietet der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) den Kurs "Stress im Straßenverkehr" an. Dabei werden die Erfahrungen der Teilnehmer mit einbezogen. Als entscheidenden Stressfaktor im Alltag nennt die Mehrheit der Teilnehmer "Zeitdruck", so die Erfahrung der Verkehrssicherheitsexperten in Bonn. Die Kurse versuchten unter anderem zu klären, wie sich erste Stresssymptome erkennen lassen und wie Stress am Steuer verringert werden kann. In einem Stress-Fahrplan sollen sich Teilnehmer zudem über ihr Verhalten bewusst werden.
Emotionale Knautschzone
Darüber hinaus bieten Automobilclubs und Fahrzeughersteller Kurse an, die eine gelassene Fahrweise vermitteln sollen. So organisiert zum Beispiel Mercedes "Positive Driving Seminare" für Unternehmen und Gruppen. Diese eintägigen Kurse stehen unter dem Motto "Souveränität ist lernbar" und sollen nach Angaben von Chef-Instruktor Klaus Buhl vor allem Menschen, die täglich beruflich unterwegs sind, einen zeitgemäßen und sicherheitsorientierten Fahrstil vermitteln.
Zentrales Lernziel ist dabei die Schaffung von Freiräumen als "emotionale Knautschzone": "Wir zeigen den Kandidaten, wie sie mit etwas mehr Abstand gelassener fahren und Zeit zum Reagieren gewinnen", sagt Buhl. Im dichten Verkehr sei es wie an der Kasse im Supermarkt: "Wer dort auf Tuchfühlung zum Vordermann geht, fühlt sich automatisch unwohl." So, wie man dort instinktiv Distanz einhalte, müsse man auch beim Autofahren Räume lassen. "Das verschafft Bedenk- und Reaktionszeit und somit einen Puffer für die Nerven."
Aber nicht nur Psychologen und Fahrtrainer können etwas gegen Stress am Steuer tun, auch die Techniker haben einen Einfluss auf Herzfrequenz, Muskelspannung oder die Leitfähigkeit der Haut. Diese Stressfaktoren gehen zurück, wenn der Fahrer entsprechend gut "umsorgt" und von Assistenzsystemen entlastet wird. So hat Mercedes nach Angaben von Pressesprecher Norbert Giesen in Stuttgart etwa beim Vergleich zwischen alter und neuer S-Klasse auf Langstreckenfahrten eine Reduktion der Muskelspannung um rund 25 Prozent erreicht. Und wer mit der aktuellen E-Klasse im Stadtverkehr unterwegs ist, dessen Puls schlage bis zu zehn Prozent langsamer als beim Vorgängermodell.
Elektronische Sekretärin
Dass schon einzelne Systeme eine große Wirkung haben können, belegt eine Studie von Bosch und BMW: Sie ermittelte nach Angaben des Zulieferers in Stuttgart, dass Fahrten mit einem Abstandsregeltempomaten von 73 Prozent der Probanden als angenehmer und weniger anstrengend empfunden wurden als Touren, bei denen der Fahrer die Distanz zum Vordermann selbst einhalten muss.
Noch einen Schritt weiter geht jetzt Volvo. Denn dort gibt es in den neuen Mittelklasse-Modellen V50 und S40 nach Angaben von Pressesprecher Thomas Hanel in Köln sogar eine elektronische "Sekretärin", die den Fahrer in Stresssituationen entlasten soll: Wann immer die ESP-Sensoren eine kritische Situation erkennen, hält dieses System eingehende Telefonate automatisch in der Warteschleife.
Von Thomas Geiger, dpa