Tankwart-Comeback: O'zapft is - DER SPIEGEL
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Tankwart-Comeback O'zapft is

Shell will einen Ausweg aus der Servicewüste Deutschland gefunden haben: die Wiedereinführung des Tankwarts. Einer Umfrage zufolge trifft der Mineralölkonzern damit den Nerv seiner Kundschaft. Komisch nur, dass die Konkurrenz das gänzlich anders sieht.
Von Kati Borngräber
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Tankstellenidylle, irgendwo in Deutschland. Vor einer der Zapfsäulen hat sich eine lange Schlange gebildet. Geduldig sitzen die Kunden - unter ihnen auffällig viele Frauen - in ihren Autos und warten darauf, dass die Nummer vier endlich frei wird und sie von dem freundlichen Tankwart bedient werden. Freilich, das Benzin ist hier etwas teurer als an der eins, zwei oder drei, dafür aber prüft der nette junge Mann auf Wunsch auch den Ölstand oder wäscht die Scheiben.

Ist es das, was Autofahrer wollen? Eigentlich kaum vorstellbar, dass es hierzulande noch irgendjemanden gibt, der freiwillig auch nur einen Cent mehr für Sprit zahlen würde. Laut einer aktuellen Infratest-Umfrage, die Ende Oktober im Auftrag des Mineralölkonzerns Shell durchgeführt wurde, ist das oben beschriebene Szenario allerdings gar nicht so unrealistisch. So gaben 80 Prozent der insgesamt 1100 befragten Autofahrer an, sie könnten sich vorstellen, an der Tankstelle den Service eines Tankwarts in Anspruch zu nehmen. Als besonders servicehungrig entpuppten sich die Frauen, von ihnen befürworteten sogar 88 Prozent die Wiedereinführung des Tankwarts. Überraschend: Zwei Drittel der an Service Interessierten war sogar bereit, für das Plus an Service einen geringen Aufpreis zu entrichten.

Die Shell Deutschland Oil GmbH schließt daraus, dass Service an der Zapfsäule wieder gefragt ist. In einem Pilotprojekt kümmern sich an 15 Shell-Stationen in hiesigen Ballungszentren Tankwarte um die Kunden. An den Service-Zapfsäulen kostet der Liter Benzin einen bis fünf Cent mehr. Shell-Sprecher Rainer Winzenried geht davon aus, dass im kommenden Jahr weitere Servicekräfte eingestellt werden. "Wir schätzen, dass bis zu 800 Standorte das Potential für einen Tankwart haben." Bis dahin soll der Service-Aufschlag auch vom Benzinpreis abgekoppelt werden. "Die Leute zahlen dann pauschal einen bis zwei Euro für die Dienstleistungen." Was die Zahlungsbereitschaft der Kunden angeht, macht er sich keine Sorgen. "Wer 50.000 Euro für ein Auto ausgibt, für den ist das nicht der Rede wert."

Wer ist bereit, für Tankwartservice mehr zu zahlen?

Karl-Heinz Schult-Bornemann von der Esso Deutschland GmbH ist da anderer Meinung. "Dass Kunden bereit sind, für einen Tankwart mehr Geld auszugeben, können wir nicht bestätigen." Stattdessen setzt Esso unter dem Motto "Fixer Einkauf frischer Produkte in freundlicher Atmosphäre" auf die Neugestaltung der Tankstellen. "Der Tankbereich ist räumlich vom Shop getrennt, so dass die Zapfsäule rasch wieder freigemacht wird, und die Reisenden trotzdem in Ruhe einkaufen können", so Schult-Bornemann. Zudem sorge eine getrennte Kasse für den Imbissbereich für kürzere Wartezeiten an der Zentralkasse. Auf dem Servicesektor sieht er indes keinen Anlass zu Veränderung.

Ähnlich sieht man das bei Aral. Dort konzentriert man sich in erster Linie auf den Ausbau des Shop- und Bistrogeschäfts. "Der Unterwegsverzehr von Speisen und Getränken ist das Kerngeschäft" sagt Detlef Brandenburg, Sprecher der Deutschen BP AG, der die Aral-Tankstellen angehören. Die Tankwart-Offensive von Shell beeindruckt ihn nicht sonderlich. "Kundenservice zu beleben ist keine Shell-Domäne, bei Aral wurden schon 1998 Langzeitarbeitslose als Service-Mitarbeiter angestellt." Zuständig sind diese nicht für das Tanken, sondern nur für den Service - also zum Beispiel Ölstand prüfen oder Scheibenwischwasser nachfüllen. "Die hieven aber auch mal eine Kiste Wasser in den Kofferraum", so Brandenburg. Extra zahlen müssen Kunden dafür nicht, was auch ein Grund dafür sein könnte, dass von den einst 1000 Servicekräften heute nur noch etwa 300 übrig sind - an Stationen mit besonders hoher Kundenfrequenz.

"Was Autofahrer wollen, ist billiges Benzin"

Auch von Seiten der freien Tankstellen wird es keine gezielte Serviceinitiative geben. Für Stephan Zieger, Geschäftsführer des Bundesverbands freier Tankstellen, zählt vor allem eines: "100 Prozent der Autofahrer wünschen sich billigere Benzinpreise." Für mehr Service sieht er daher keinen finanziellen Spielraum. "So ein Tankwart kostet ja mindestens 2100 Euro brutto. Das lassen die Kraftstoffmargen nicht zu." Abgesehen davon ist er sich gar nicht so sicher, ob sich die Autofahrer hierzulande einfach so den Zapfhahn aus der Hand nehmen lassen würden. "Wir haben die Kunden verzogen. Bei vielen Deutschen, die im Urlaub von einem Tankwart bedient werden, tritt eine große Irritation auf", so Zieger.

Ob es an einer Tankstelle einen betreuten Zapfhahn geben wird oder nicht, hängt letzten Endes vom Standort ab. Bei Shell wägt man nüchtern ab. "Wir sind uns darüber im Klaren, dass unser Servicemodell nicht allen Tankstellen übergestülpt werden kann", sagt Sprecher Winzenried. So mag er sich in Steilshoop, einem sozialen Brennpunkt Hamburgs, einen Tankwart nicht so recht vorstellen. Zwar steht noch nicht genau fest, wo es den neuen Service geben wird. Klar ist jedoch: Wer sich gern betanken lassen will, sollte eine Zapfsäule in einer eher betuchten Gegend ansteuern.