Tempo am Limit Das Ende der Power-Ära
110 PS und 182 km/h Höchstgeschwindigkeit reichten dem Golf GTI 1975 bei seiner Premiere auf der IAA, um als Sensation bestaunt und als "der schnellste Volkswagen aller Zeiten" beworben zu werden. 30 Jahre später bringt der 250 km/h schnelle R32 satte 250 PS auf die Straße und wird gerade mal als "stärkster Golf aller Zeiten" deklariert. Denn von den stärksten Volkswagen-Modellen - Phaeton W12 und Touareg W12 - trennen den kompakten Kraftprotz immer noch 200 PS. Vom neuen Platzhirsch im VW-Konzern, dem Bugatti Veyron, ganz zu schweigen.
Die Autos werden immer schneller. Nicht nur in den Topmotorisierungen, sondern generell. 1990 erreichte gerade mal jeder siebte in Deutschland zugelassene Pkw eine Höchstgeschwindigkeit zwischen 180 und 200 km/h, im Jahr 2003 war es bereits jedes vierte Fahrzeug. Die Zahl der Autos, die schneller als 200 km/h fahren, hat sich im gleichen Zeitraum sogar verdreifacht und stieg von 5 auf 15 Prozent.
Warum kaufen sich Menschen so schnelle Autos, wenn man damit in der Regel aufgrund von Tempolimits und Staus auch nicht flotter vorwärts kommt? "Es ist eine Frage der Amplifikation, wie wir es nennen. Das heißt: Wir haben einfach Spaß daran, dass unsere eigenen Tätigkeiten verstärkt werden", erklärt Hans-Peter Krüger, Psychologe und Gründer des Interdisziplinären Zentrums für Verkehrswissenschaften an der Universität Würzburg. "Wenn ein kleiner Druck aufs Gaspedal eine so große Wirkung hat, dann freut uns das. So einfach ist die Welt. Deswegen kann man die meisten Menschen auch mit solchen Dingen faszinieren." Der Verkehr sei ein besonders prominentes Beispiel für diesen Verstärkungseffekt, er spiele aber in vielen Bereichen eine Rolle - etwa beim Kauf von Bohrhämmern.
Falls ein Ferrari auftaucht - kein Problem
Und wenn dem GTI-Fahrer der ersten Stunde die "Amplifikation" von 110 PS irgendwann nicht mehr Kick genug ist, dann kann es zum Beispiel daran liegen, dass sich der Nachbar einen 200 PS starken Audi quattro zugelegt hat. Krüger: "Unser ganzes Leben findet unter Vergleichsgesichtspunkten statt. Die Standards bei Autos sind mit den Jahren immer höher geworden." Und die Autoindustrie trägt natürlich gern dazu bei, den Wettbewerb unter den Kunden anzuheizen. So verkündete Bugatti-Chef Thomas Bscher bei der Vorstellung des Veyron, es sei sichergestellt, dass, "sollte mal kurz ein Ferrari oder Carrera GT auftauchen, dieser jederzeit stehen gelassen werden kann" - und das sogar ohne den Spezialschlüssel, der für Geschwindigkeiten jenseits von 375 km/h nötig ist.
Für den Spaß am Autofahren sieht der Psychologe neben dem Verstärkungseffekt aber noch eine zweite Quelle. "Die sogenannte Selbstwirksamkeit, also selbst die Ursachen setzen zu können. Zu sagen: Ich tu jetzt das und das. Das sicherste Mittel, einem diesen Spaß zu nehmen, ist 'unfrei' zu fahren. Zum Beispiel im Stau oder aufgrund schwieriger Witterungsverhältnisse. Da bin ich dann nicht mehr derjenige, der entscheidet, sondern werde zum Teil eines großen Ganzen, das sich dahinquält." Und da solche "unfreien" Verkehrssituationen zunehmen und die fahrerischen Spielräume damit schrumpfen, empfindet man auch immer seltener den Spaß, der aus dem freien und effektvollen Bewegen des Autos resultiert.
Statt Geschwindigkeitsrausch: Hightech im Innenraum
Bleibt das Fahrvergnügen in Zukunft irgendwann ganz auf der Strecke? Wohl kaum. Aber, so der Würzburger Verkehrsforscher, es könnte sich verlagern. "Wenn's draußen nicht mehr geht, muss es halt drinnen gehen. Ich denke dass die Zukunft eine ganz massive Anreicherung der Innenwelt oder besser der Umwelt im Auto mit sich bringt. Mit den neuen Informationstechnologien, den ganzen Assistenzsystemen und anderen Dingen wird hier eine eigene Lebenswelt geschaffen werden. Das ist eine Entwicklung, die deutlich zu sehen ist: Das Auto wird zum Erlebnisfeld."
Das Thema Tempo und dessen richtige Dosierung wird aber immer ein heikler Bereich bleiben. Und ein Sieg der Vernunft ist nicht in Sicht. "Wir werden es wie in allen menschlichen Systemen im Verkehr immer mit Emotionen zu tun haben." Krüger betont vor allem die positiven Emotionen im Straßenverkehr. "Etwa wenn Sie einem anderen helfen, ihn einscheren lassen, ihm freundlich zunicken. Wenn ich diese emotionale Seite haben will, dann kriege ich die andere eben auch. Wir müssen nur gucken, wie wir damit klar kommen."
Die Frage ist letztlich: Wo hört der Spaß auf, und wo fängt die Rücksicht an. Weshalb das gerade im Auto nicht immer leicht zu entscheiden ist, erklärt der Experte mit der speziellen Situation: "Die Schwierigkeit im Straßenverkehr ist, dass auf der einen Seite sehr viele Emotionen geweckt werden. Auf der anderen Seite gibt es aber wenige Möglichkeiten, sie wieder loszuwerden. Denn man sitzt sich ja nicht von Angesicht zu Angesicht gegenüber, sondern registriert die anderen Menschen eher als Inhalte von Blechbüchsen." Hans-Peter Krüger weiß einen einfachen Weg, das zu ändern: "Wenn sich jeder immer mal wieder fragt 'Was muss der andere jetzt gerade eigentlich von mir denken?', dann würde mancher öfter mal den Fuß wieder vom Gas zurückziehen."